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Fußgänger (Symbolfoto) © B_Me @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Religionsmonitor

Deutschland weniger gespalten, als Debatten vermuten lassen

Der Religionsmonitor stellt das Bild einer polarisierten Gesellschaft infrage. Im persönlichen Umfeld erlebten viele Menschen den Zusammenhalt viel stabiler. Gerade die starke politische und mediale Aufmerksamkeit für Migration lasse Konflikte größer erscheinen.

Dienstag, 29.09.2026, 15:39 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30.09.2026, 17:31 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich seit 2023 wieder verbessert, liegt aber noch unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Das geht aus dem am Dienstag von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten „Religionsmonitor 2026“ hervor. Zugleich zeigt die Studie, dass die Gesellschaft bei stark umstrittenen Themen wie Migration oft gespaltener erscheint, als sie tatsächlich ist. Für die Untersuchung wurden im März 2026 insgesamt 5.231 Menschen ab 18 Jahren befragt.

Der Gesamtwert für den gesellschaftlichen Zusammenhalt stieg auf einer Skala von 0 bis 100 von 46 Punkten im Jahr 2023 auf 51 Punkte. Damit wurde der starke Rückgang der vorangegangenen Jahre teilweise aufgeholt. 2020 hatte der Wert noch bei 55 Punkten gelegen. Ob sich daraus eine dauerhafte Trendwende entwickelt, lasse sich noch nicht sagen, heißt es in der Studie.

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Migration als besonders aufgeladenes Konfliktthema

Die Autoren wenden sich zugleich gegen ein pauschales Bild einer immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft. Wissenschaftliche Untersuchungen deuteten darauf hin, dass die Gesellschaft insgesamt weniger polarisiert sei, als öffentliche Debatten vermuten ließen. Ausgeprägte Konflikte konzentrierten sich demnach auf einzelne emotionalisierte Themen.

Ausdrücklich nennt der Religionsmonitor dabei Migration. Ihre starke politische und mediale Präsenz könne dazu beitragen, dass Konflikte in diesem Bereich als Ausdruck einer umfassenden gesellschaftlichen Spaltung wahrgenommen würden. Im direkten sozialen Umfeld erlebten viele Menschen den Zusammenhalt dagegen weiterhin als stabiler, als sie ihn für die Gesellschaft insgesamt einschätzten.

Gleichzeitig zeigen die Daten, dass das Verhältnis zu gesellschaftlicher Vielfalt in den vergangenen Jahren gelitten hat. Der entsprechende Indexwert lag 2020 noch bei 66 Punkten und brach bis 2023 auf 47 Punkte ein. Inzwischen ist er wieder auf 55 Punkte gestiegen, bleibt damit aber noch unter dem Niveau vor der Pandemie.

Soziale Beziehungen erholen sich

Besonders deutlich verbessert haben sich die sozialen Beziehungen. Ihr Wert war zwischen 2020 und 2023 von 61 auf 49 Punkte gefallen und stieg nun wieder auf 57 Punkte. Auch die Gemeinwohlorientierung liegt mit 53 Punkten vergleichsweise hoch.

Deutlich schwächer fällt dagegen die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen aus. Sie stagniert bei 44 Punkten. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt weiterhin bei 37 Punkten. Beim Gerechtigkeitsempfinden wurde mit 25 Punkten sogar der niedrigste Wert im betrachteten Zeitraum gemessen. Gleichzeitig ist das politische Interesse gestiegen und erreicht mit 65 Punkten seinen bisherigen Höchstwert. Die Studienautoren sehen deshalb weniger einen allgemeinen Rückzug aus der Gesellschaft als vielmehr ein anhaltendes Vertrauens- und Gerechtigkeitsproblem gegenüber Politik und Institutionen.

Auch regional bestehen Unterschiede. Vier der fünf ostdeutschen Flächenländer liegen unter der rechnerischen Mitte von 50 Punkten. Den niedrigsten Wert erreicht Sachsen-Anhalt mit 45 Punkten, den höchsten Hamburg mit 58. Die meisten Bundesländer bewegen sich allerdings in einem vergleichsweise engen Bereich zwischen 48 und 52 Punkten.

Muslimische Religiosität geht mit mehr Gemeinwohlorientierung einher

Ein Schwerpunkt des Religionsmonitors liegt auf dem Zusammenhang zwischen Religion und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dabei zeigt sich bei muslimischen Befragten ein auffälliges Bild. Ihr durchschnittlicher Gesamtwert liegt mit 46 Punkten unter dem der evangelischen Befragten mit 55 und der katholischen mit 53 Punkten. Konfessionslose erreichen 49 Punkte. Die Studie warnt jedoch davor, daraus auf eine geringere Bereitschaft muslimischer Menschen zu Solidarität oder gesellschaftlichem Engagement zu schließen.

Im Gegenteil: Mit stärkerer Religiosität steigen bei muslimischen Befragten die Werte sowohl bei den sozialen Beziehungen als auch bei der Gemeinwohlorientierung. Letztere erhöht sich von 46 Punkten bei wenig oder gar nicht religiösen Menschen auf 50 Punkte bei mittelreligiösen und 52 Punkte bei hochreligiösen Musliminnen und Muslimen.

Anders entwickelt sich allerdings die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen. Sie fällt bei muslimischen Befragten mit zunehmender Religiosität deutlich ab: von 46 Punkten bei wenig oder gar nicht Religiösen über 42 Punkte bei Mittelreligiösen auf 28 Punkte bei Hochreligiösen. Dieser Rückgang zieht den Gesamtwert der hochreligiösen Gruppe deutlich nach unten.

Studie warnt vor einfacher Abschottungsthese

Als mögliche Erklärung nennt die Studie mehrere Faktoren. Eine starke Orientierung an der eigenen religiösen Gemeinschaft könne Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft und ihren Institutionen erschweren. Zugleich verwiesen frühere Untersuchungen auf antimuslimische Zuschreibungen, Diskriminierung, institutionelle Benachteiligung und fehlende gesellschaftliche Anerkennung.

Gegen eine einfache These, wonach sich stärker religiöse Musliminnen und Muslime lediglich von der Gesellschaft abschotteten, spreche jedoch, dass Religiosität bei ihnen zugleich mit stabileren sozialen Beziehungen und einer stärkeren Gemeinwohlorientierung verbunden sei. Plausibel sei daher ein Zusammenspiel zwischen religiöser Binnenorientierung und den gesellschaftlichen Bedingungen für Anerkennung und Teilhabe.

Mehr Anerkennung religiöser Vielfalt empfohlen

Die Bertelsmann Stiftung leitet daraus auch Empfehlungen für Politik und Gesellschaft ab. Sie plädiert unter anderem für mehr Möglichkeiten zur Beteiligung, für den Erhalt von Nachbarschaftszentren, Schulen, Bibliotheken, Jugendzentren, Sportvereinen und religiösen Gemeinden als Orte gesellschaftlicher Begegnung.

Zugleich sollten religiöse Minderheiten stärker in kommunale Beratungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Muslimische, jüdische und andere Religionsgemeinschaften seien in vielen politischen, administrativen und zivilgesellschaftlichen Strukturen bislang nicht entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung vertreten. Als Beispiel für sichtbare Anerkennung nennt die Studie auch Ramadan-Beleuchtungen in Städten – vergleichbar mit der öffentlichen Adventsbeleuchtung. Entscheidend sei, symbolische Anerkennung mit gleichberechtigter Beteiligung und dem Abbau institutioneller Benachteiligungen zu verbinden. (mig) Gesellschaft Leitartikel

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