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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Tote fliehen nicht

Corona hält Europa im eisernen Griff. Deutschland nutzt die Zeit, um der AfD-Basis zu gefallen - und um Fluchtursachen zu bekämpfen. Aber warum brauchen wir dafür Kanonenboote?

Von Dienstag, 05.05.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 04.05.2020, 23:48 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Corona hält Europa im eisernen Griff und trotzdem zeigt sich, dass die GroKo auch weit über diese bessere Grippe hinaus daran arbeitet, die von der AfD geforderte Festung Europa zu militarisieren. Während also der deutsche Michel noch immer ob Trumps Versuchs eine Mauer zu Mexiko zu bauen den Kopf schüttelt, rüstet seine Regierung auf.

Während zurzeit noch gesundheitliche Gründe vorgeschoben werden können, kein „Asylantenpack“ mehr ins Land zu lassen und so der AfD-Basis zu gefallen, wird nämlich bereits geplant für die Zeit, in der diese Ausrede nicht menschlich zu sein nicht mehr ziehen wird.

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Und so werden derzeit halt die 86 Meter langen „Patrouillenboote“ der „Potsdam-Klasse“ der „Bundespolizei“ mit 57mm-Kanonen mit einer Reichweite von 17 Kilometern und einer Feuerrate von 220 Schuss pro Minute ausgestattet – sie wissen schon: die Art von Geschütz, die die Polizei benötigt, um Bankräuber im Wattenmeer zu jagen. Dazu gibt’s noch auf jeder Seite je ein 12,7mm Maschinengewehr spendiert, damit auch ja kein Verkehrssünder auf Helgoland mehr falsch parkt.

Man kann der Bundespolizei natürlich zugutehalten, dass sie ganz offen damit umgeht, im Mittelmeer Jagd auf Flüchtlinge machen zu wollen, und zwar nicht nur im Rahmen von Frontex, sondern auch darüber hinaus, soweit sich die Möglichkeit einmal ergeben sollte. Trotzdem stellt sich eigentlich doch die Frage, warum die Polizei ausgerechnet jetzt, erstmals seit Ende des Kalten Krieges, unbedingt wieder große Kanonenboote brauchen sollte, zumal in aller Welt. Um überfüllte Schlauchboote auf dem Mittelmeer loszuwerden scheint mir das jedenfalls stark übertrieben.

Aber die Bundespolizei verweist ja gern auch darauf, dass man ja zusammen mit der GSG-9 zum Beispiel irgendwo im Indischen Ozean all diejenigen abknallen müsse, die aus purer Verzweiflung, dass wir ihnen die Fische vor der Nase weggefischt haben, ihre Fischerboote plötzlich ganz anders nutzen. Wir leben ja schließlich in dem Zeitalter der Piraterie – und Fluchtursachen bekämpfen ist das Mantra unserer Zeit.

Wer könnte schließlich bezweifeln, dass eine der Hauptursachen einer gelungenen Flucht das „am Leben sein“ per se ist, ein Umstand der sich bei dreieinhalb Schuss die Sekunde quer über den Horizont hinweg leicht beheben lässt: Tote fliehen nicht.

Und wie wusste denn schon der südgrüne Provinzbürgermeister? Wir würden da ja doch nur Leute retten, die sowieso irgendwann sterben. So lässt sich Artikel 1 Grundgesetz natürlich auch zusammenfassen – vor allem, wenn man sich auf seine eigene Medienpräsenz einen von der Palme wedelt.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Gerrit sagt:

    Ein toller Beitrag, auch wenn man ihn mindestens 2x lesen muß, um die Hintergründigkeit zu verstehen … aber sehr treffend!!!

    Das eigentliche Problem der heutigen Welt ist der alte Spruch: Money makes the world go round“. Und das gilt leider auch bei lukrativen Waffengeschäften – traurig genug!

    Um Fluchtursachen zu bekämpfen bedarf es einer WELTWEITEN Fairness (ein sinnloses Unterfangen???). Menschen fliehen nicht, wenn sie daheim eine vernünftige Perspektive haben und ein selbstbestimmtes Leben führen können/“dürfen“! Und für die Kosten der Fluchtbewegungen wird dermaßen viel Geld ausgegeben – das können wir mit Waffen nicht verdienen oder über den Einkauf billiger Rohstoffe „einsparen“. Das wissen die Verantwortlichen, die Allgemeinheit, die es bezahlt, weiß es leider nicht.

    Heute wird in der Tagespresse von den 48 Kindern aus Griechenland geschrieben, daß sie die Quarantäne verlassen dürfen. Was ist mit den anderen mindestens 1.552 Kindern (ach ja, Herr Seehofer muss ja noch Dossiers erstellen). Ist bei all den Corona-Rettungsschirmen nicht ein kleines „Kinder-Schirmchen“ über? Scheinbar nicht!

    Wie anfällig unsere globale Welt und die globale Lieferkette sind, hat Corona zweifelsfrei bewiesen … uns die Grenzen aufgezeichnet und die Probleme gezeigt. Die können wir mit den Kanonen nicht wegschießen.

    Wir müssten endlich anfangen zu lernen und zu ÄNDERN !!!