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Imam in der Moschee © paul prescott / Shutterstock.com

Populismus

Moscheekontrollen und Imame aus dem Ausland

Die Forderung, Moscheen zu kontrollieren und Imame aus dem Ausland zu verbieten, ist nicht neu. Sie wird seit Jahren immer wieder gestellt, sie ist populistisch, bedient bestimmte Zielgruppen und geht an der sozialen Realität vorbei. Von Cemil Şahinöz

Von Mittwoch, 04.05.2016, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 08.05.2016, 17:51 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

In Europa gibt es rund 3.000 Moscheen, 2.000 davon in Deutschland. Etwa 1.000 Imame in Deutschland kommen aus der Türkei. Sie sind Beamte des türkischen Staates, werden also von der Republik Türkei bezahlt. Diese Imame waren wichtig für die sogenannten „Gastarbeiter“, damit eine authentische Religionsausübung in den Moscheen überhaupt möglich war. In Deutschland ausgebildete Theologen hatte man nicht. So unterzeichneten die Türkei und Deutschland 1984 ein Abkommen, welches die Einreise von Imamen für eine bestimmte Aufenthaltsdauer erleichterte.

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Bevor die Imame heute nach Deutschland kommen, besuchen sie in der Türkei einen „Integrationskurs“. Sie lernen den Alltag, die Kultur, die Geschichte Deutschlands kennen und erhalten auch einen Crash-Kurs in deutscher Sprache. In Deutschland haben sie dann die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse zu erweitern – nicht alle machen das.

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Diese Imame und die zehntausenden Ehrenamtlichen in den Moscheegemeinden leisten tagtäglich immense Arbeit und erhalten dafür kaum Wertschätzung. Ihr Engagement für die Gesellschaft ist weder bekannt noch sichtbar obwohl sie von unschätzbarem Wert ist.

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Ein paar Beispiele: Imame in den Moscheen sind es vor allem, die Radikalisierungen entgegenwirken. Viele Studien belegen, dass die überwältigende Mehrheit der Extremisten und Radikalen vor der Radikalisierung nicht in diesen Moscheegemeinden war, ja sogar diese bewusst meidet. In Moscheegmeinden werden Jugendliche sogar immunisiert weil ausgerechnet die jetzt in der Kritik stehenden Imame einen authentischen, auf Koran und Hadith basierenden Islam vermitteln, während Radikale ihre Mitglieder mit islamfernen Utopien locken.

Mit Forderungen nach „Moscheekontrollen“ werden jedoch sowohl die Imame als auch die inzwischen sechs Millionen Muslime in Deutschland unter Generalverdacht gestellt. Laut dem Verfassungsschutz gibt es in Deutschland 1.100 gewaltbereite muslimische Extremisten aus dem religiösen Milieu. Zum Vergleich: es gibt 7.600 gewaltbereite Linksextreme und 10.500 gewaltbereite Rechtsextreme. Religiöse Extremisten machen also 0,001 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, 0,022 Prozent der muslimischen Bevölkerung und 5,73 Prozent aller Extremisten. Angesichts dieser Zahlen verbietet sich ein Generalverdacht von selbst, ebenso die Kontrolle von 2.000 Moscheen oder die Abschiebung von 1.000 Imamen in die Türkei.

Hinzu kommt, dass diese Forderungen verfassungsfeindlich sind. In Niedersachsen gab es in der Vergangenheit Moscheekontrollen – Anlasslos und ohne jeglichen Verdacht! Die Muslime wurden nach den Freitagsgebeten von schwerbewaffneten Hundertmannschaften willkürlich kontrolliert und abgestempelt auf dem Handrücken. Die gesamte Moscheegemeinde wurde in der Nachbarschaft diskreditiert, Misstrauen wurde geschürt obwohl diese Kontrollen kein einziges Mal dazu geführt haben, einen potenziellen Extremisten zu fassen. Die Folgen waren fatal. Die Kontrollierten entwickeln ein Misstrauen gegenüber dem Rechtsstaat und fühlten sich ausgeschlossen. Erst nachdem mehrere Rechtsgutachten dieser Praxis Verfassungsfeindlichkeit bescheinigte, wurden sie eingestellt. Vor wenigen Wochen hat das Land auch die Rechtsgrundlage für die verdachtsunabhängigen Moscheekontrollen beseitigt.

Verfassungsfeindlich ist auch die Imam-Forderung. Viele Gotteshäuser – ob Kirchen oder Synagogen – holen Prediger aus dem Ausland. Sie werden aus dem Ausland finanziert und sie predigen in ausländischer Sprache – lateinisch, italienisch, hebräisch. Das ist Religionsfreiheit.

Dennoch haben auch viele Muslime den Wunsch, Imame in Deutschland auszubilden. Personen, die hier geboren sind, hier zu Schule gegangen sind, hier sozialisiert wurden und die deutsche Sprache sprechen. Aber die Realität sieht anders aus. Von heute auf morgen ist es nicht möglich, 2.000 Imame auszubilden und einzusetzen. Die muslimischen Dachverbände und theologischen Fakultäten haben gerade erst damit begonnen. Und nicht alle Theologen werden zu Imamen. Da gibt es wieder Unterschiede und es steckt noch viel in den Kinderschuhen.

Letztendlich wird am Ende auch die Frage aufkommen, wer die Imame mit deutschem Hochschulabschluss bezahlen soll. Die Moscheegemeinden werden die Mehrbelastung kaum stemmen können, zumal die Politik den islamischen Religionsgemeinschaften nicht den Status des Körperschafts nicht zugestehen will.

Es zeigt sich also, dass solche Forderungen sich nicht mit der Realität in Deutschland decken. Sie sind daher nur populistische Aussagen und gerade in Zeiten, wo es genug Spalter gibt, kontraproduktiv. Stattdessen sollte man Chancen und Ressourcen der Moscheegemeinden erkennen und diese Produktiv in Problemlösungen einbinden.

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