Schantall, tu ma die Omma Prost sagen! © Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
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Rezension zum Wochenende

Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!

Kai Twilfer, Sophie Seeberg und Philipp Möller präsentieren den Lesern mit ihren Geschichten aus dem Alltag unerschrockener Sozialarbeiter, Lehrer und Familienpsychologen das schriftliche Pendant zu emotionalen Reality-Shows. Witzig und raffiniert erzählt machen sie den Habitus der Unterschicht zu einem Phänomen und animieren die Menschen dazu, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen.

Von Rukiye Cankıran Freitag, 13.02.2015, 8:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 15.02.2015, 18:32 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Sophie Seeberg präsentiert mit Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! skurrile Geschichten von der „Familie Dickmann mit ihrem Mischael, Kindern in Pflegefamilien oder Samantha in Rosa und Rot… und mit Goldglitzer…“ Einerseits traurig und schockierend, aber gleichzeitig verrückt und urkomisch erzählt, gelingt es der Autorin, den Leser tatsächlich bis zur letzten Seite zu unterhalten. Also in jedem Fall, mehr als lesenswert!

Im Mai erscheint das neue Buch von Sophie Seeberg Die Schanin hat nur schwere Knochen!. Hier berichtet sie von ihren spektakulären Erfahrungen als Gerichtsgutachterin. Was passiert, wenn Sandy ein Kind vom Ex-Freund ihrer Mutter erwartet, der der Vater ihres Bruders ist? Vor allem, wenn dann auch noch die Mutter vom Ex-Freund der Tochter schwanger ist? Spätestens im Mai wissen wir mehr.

Aus dem Alltag einen Grundschullehrers und den Abgründen deutscher Klassenzimmer hält uns Philipp Möller auf dem Laufenden. In seinen Büchern Isch geh Schulhof und Bin isch Freak, oda was? berichtet der Autor sehr unterhaltsam vom aktuellen Bildungschaos in Deutschland. Wer im Kino bei „Fack yu Göthe“ vor Lachen Atemnot bekam, wird an der Lektüre von Philipp Möller fast ersticken. Hyperaktive Kids, die man nur mit Medikamenten ruhig stellen kann oder zum Frühstück Fastfood vom Vortag in der Brotdose sind nur einige Details. Freuen können wir uns auch auf sein neues Buch, das im März erscheint, „Isch hab Geisterblitz“. Unglaublich witzig und verrückt, wenn auch der Alptraum aller Lehrer.

Sind die Dickmanns und Pröllmanns alltägliche Lebensrealität der Unterschicht oder nur provokative Erfindungen witziger Phantasien? Haben die Kinder in Plattenbausiedlungen am Stadtrand wirklich alle amerikanische und französische Namen, die weder ihre Eltern noch Großeltern aussprechen können? In jedem Fall amüsiert der Leser sich und denkt vielleicht sogar ein wenig über sich und seine Nachbarschaft nach. In jedem Fall sind die Geschichten inhaltlich sehr gut recherchiert und sprachlich radikal hemmungslos.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)
  1. J. Peters sagt:

    Liebes Migazin Team,
    ich schätze an Ihren Beiträgen Ihren kritischen Blick auf gesellschaftliche und politische Phänomene. Deshalb bin ich entsetzt, wie dieser Artikel Bücher empfehlen kann, die vor Klassismus nur so strotzen und ein Beispiel für gesellschaftliche Distinktionsbestrebungen sind.
    J.Peters

  2. Taaya sagt:

    Ich finde es ein wenig problematisch, Bücher von Sophie Seeberg und Herrn Möller, die ja den im Buch beschriebenen Beruf tatsächlich ausgeübt haben, mit den rein fiktiven Werken von Twilfer, vom Beruf WERBE-Spezialist, in einem Beitrag gegenüber zu stellen. Sieht man mal davon ab, dass Twilfers Werk in meinen Augen wirklich RTL-Nachmittagsniveau und genauso viele Vorurteile hat, so ist es immer noch kein Erfahrungsbericht sondern einfach nur ausgedacht. Dieser Mann hat nie als Sozialarbeiter gearbeitet und auch die darin erzählten Geschichten würden so zum Teil niemals von einem Sozialarbeiter miterlebt werden, weil er in solchen Situationen einfach nicht anwesend ist und eine Familie nicht rund um die Uhr bei allem begleitet.

    Dahingegen versuchen Seeberg und Möller tatsächlich einen echten Einblick in ihre Berufswelt zu ermöglichen. Ich kann mich nicht mehr genau an Möllers erstes Buch erinnern, das zweite habe ich noch nicht gelesen, aber wenn ich mich recht erinnere, hatte auch er versucht, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Sophie Seeberg macht das in jedem Fall und zeigt dabei, dass auch sie als Familienpsychologin nur ein Mensch ist. Sie geht selbstreflektiert ans Werk und versucht, ohne Vorurteile die Situationen zu beschreiben, die sie erlebt hat. Natürlich sind die manchmal auch bizarr und damit irgendwie humorvoll, aber darum geht es ihr nicht vorrangig. Damit steht sie im krassen Widerspruch zu Twilfer.

    Ich hätte mir jedenfalls gewünscht, dass beide nicht mit einander in Verbindung gebracht werden würden, weil Herr Twilfer meiner Meinung nach dann dafür sorgt, dass auch Frau Seebergs Buch in einem schlechten Licht da steht. Dabei war ihr erstes Buch es, was mich mit dem Genre der eigentlichen Nonfiction, für das ich Twilfers Buch auch zunächst gehalten hatte, wieder versöhnt hat. Weil sie wirklich gut und einfühlsam schreibt, während ich Twilfer ehrlich gesagt ganz gern zerrissen hätte.

  3. Buschkowsky-Fan sagt:

    Das Niveau, das hier beschrieben wird, entspricht in etwas weniger krasser Form durchaus dem unserer Medienleute und Politiker. Ich sage nur: A.D.!