Rezension zum Wochenende

Schantall, tu ma die Omma prost sagen!

Kai Twilfer, Sophie Seeberg und Philipp Möller präsentieren den Lesern mit ihren Geschichten aus dem Alltag unerschrockener Sozialarbeiter, Lehrer und Familienpsychologen das schriftliche Pendant zu emotionalen Reality-Shows. Witzig und raffiniert erzählt machen sie den Habitus der Unterschicht zu einem Phänomen und animieren die Menschen dazu, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen.

Reality-TV, Pseudo-Doku-Soaps oder Casting-Shows präsentieren immer hemmungslosere und radikalere Unterhaltung. Allen voran die Privatsender. Wie hieß doch gleich die Kuppelshow, in der sich splitterfasernacktes Männlein und Weiblein am Strand kennenlernen? Jegliche Grenzen des guten Geschmacks scheinen aufgehoben. Ist das noch Unterhaltung, schon Pornographie oder nur noch niveaulos? Aber auch der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen scheint in Vergessenheit zu geraten. Ist uns Menschen noch zu helfen oder wie Soziologen uns anhand von empirischen Untersuchungen veranschaulichen, ist diese Entwicklung einfach nur der Zeitgeist?

Jeder wird heutzutage irgendwie zu einer öffentlichen Person, und sei es nur über Facebook, twitter und instagram. Die neuen Stars sind YouTuber, die einfach nur endlos über ihren Alltag berichten und x-y-z-Promis, die nichts können und die kein Mensch kennt, die aber allabendlich TV-Shows beherrschen. Die Alternativen sind Sendungen über Shoppen, Kochen oder spektakuläre Gerichtsshows. Sollte man da nicht lieber den Fernseher in den Keller stellen, ein gutes Buch nehmen und sich zurückziehen, um wenigstens noch anstandshalber ein Restniveau an Bildung und Erziehung zu bewahren? Denn dieses „Unterschichtfernsehen“ ist wirklich unerträglich, oder? Vor allem wenn man Kinder hat, sollte man mit gutem Beispiel vorangehen.

Für alle diejenigen habe ich jede Menge guter Buchtipps (schmunzel). Es gibt in den letzten Jahren einen unaufhaltbaren Trend an guter Literatur, die in jedes Regal gehört (grins). Die Niederungen und Tiefpunkte gesellschaftlichen Geschehens, sei es nun in der Schule, im Beruf oder im Alltag, kann man schwarz auf weiß nachlesen. Unerschrockene Sozialarbeiter, Lehrer und Familienpsychologen haben neben ihrer harten Arbeit tatsächlich Standardwerke verfasst, die sogar in vielen Supermärkten zu finden sind. Ich habe fast alle gelesen und muss an dieser Stelle ehrlich gestehen, dass sie wirklich gelungen sind.

Besonders Kai Twilfer mit Schantall, tu ma die Omma winken! [1] und Schantall, tu ma die Omma prost sagen! [2] sind mir ans Herz gewachsen. Witzig, charmant und frech, einfach erfrischend, besonders zu empfehlen denjenigen, die lange nicht mehr gelacht haben. Die Familie Pröllmann ist einfach knuddelig: Vadder und Mudder Pröllmann, Schantall (auch Mutter und Hausfrau), Tschastin (Sohn) sind so ungewollt komisch, das sie Kultstatus erreichen. Der Familiensozialarbeiter beschreibt „die Dynamik innerhalb dieses personenreichen Klans“ mit dem „eines Wolfrudels“. „Gestreunt wurde ebenso wie gefuttert meist in der Gruppe, aber trotzdem kämpfte jedes Rudelmitglied für sich, um die Position im Rudel und Revier möglichst zu verbessern“.

Dieses bildungsferne Milieu beschreibt Sozialarbeiter Jochen so: „Ich möchte hier nicht wieder das allseits beliebte, aber oft ungerechtfertigte Klischee des verlockenden, horrenden Kindergeldes auf die Fahne malen, aber die Anzahl der in die Welt gesetzten Kinder in Familien wie die Pröllmanns steigt in vielen Fällen proportional zur fallenden Quotientenkurve des Intellekts.“ Ja, wie beruhigend, wenn man sich von dieser Unterschicht distanzieren kann (egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund).

Besonders interessant wird es, als Schantall durch Heirat der gesellschaftliche Aufstieg gelingt, von dem so viele Menschen träumen. Schantall zieht nicht nur in eine schickere Wohngegend, sie erlebt einen unvergesslichen Urlaub in Westerland – dem Urlaubsparadies der deutschen Elite – mit einem Hauch von „Schantall No. 2 Parfeng“ und jeder Menge Alkohol. Na denn mal Prost! Der Leser wird nicht nur mitgerissen in Schantalls Abenteuer, er möchte auch wissen, wie es weitergeht mit ihr. Wir warten also auf das nächste Buch.

Sophie Seeberg präsentiert mit Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! [5] skurrile Geschichten von der „Familie Dickmann mit ihrem Mischael, Kindern in Pflegefamilien oder Samantha in Rosa und Rot… und mit Goldglitzer…“ Einerseits traurig und schockierend, aber gleichzeitig verrückt und urkomisch erzählt, gelingt es der Autorin, den Leser tatsächlich bis zur letzten Seite zu unterhalten. Also in jedem Fall, mehr als lesenswert!

Im Mai erscheint das neue Buch von Sophie Seeberg Die Schanin hat nur schwere Knochen! [6]. Hier berichtet sie von ihren spektakulären Erfahrungen als Gerichtsgutachterin. Was passiert, wenn Sandy ein Kind vom Ex-Freund ihrer Mutter erwartet, der der Vater ihres Bruders ist? Vor allem, wenn dann auch noch die Mutter vom Ex-Freund der Tochter schwanger ist? Spätestens im Mai wissen wir mehr.

Aus dem Alltag einen Grundschullehrers und den Abgründen deutscher Klassenzimmer hält uns Philipp Möller auf dem Laufenden. In seinen Büchern Isch geh Schulhof [7] und Bin isch Freak, oda was? [8] berichtet der Autor sehr unterhaltsam vom aktuellen Bildungschaos in Deutschland. Wer im Kino bei „Fack yu Göthe“ vor Lachen Atemnot bekam, wird an der Lektüre von Philipp Möller fast ersticken. Hyperaktive Kids, die man nur mit Medikamenten ruhig stellen kann oder zum Frühstück Fastfood vom Vortag in der Brotdose sind nur einige Details. Freuen können wir uns auch auf sein neues Buch, das im März erscheint, „Isch hab Geisterblitz“. Unglaublich witzig und verrückt, wenn auch der Alptraum aller Lehrer.

Sind die Dickmanns und Pröllmanns alltägliche Lebensrealität der Unterschicht oder nur provokative Erfindungen witziger Phantasien? Haben die Kinder in Plattenbausiedlungen am Stadtrand wirklich alle amerikanische und französische Namen, die weder ihre Eltern noch Großeltern aussprechen können? In jedem Fall amüsiert der Leser sich und denkt vielleicht sogar ein wenig über sich und seine Nachbarschaft nach. In jedem Fall sind die Geschichten inhaltlich sehr gut recherchiert und sprachlich radikal hemmungslos.