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Tacheles

Der Erhalt der deutschen Kultur

Eine der lautesten Klagen der deutschen „Patrioten“ ist, Deutschland sei gar nicht mehr richtig deutsch. Dank der „schleichenden Islamisierung“. Ist das wirklich so? Was ist dran an dieser "Angst"? Anja Seuthe auf Spurensuche.

Von Anja Seuthe Donnerstag, 08.01.2015, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 08.01.2015, 20:04 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Was man unter „richtig deutsch“ versteht, bleibt jedem selbst überlassen. Häufig wird über die selbsternannten Patrioten gesagt, sie wünschten sich zurück in die 50er Jahre. Nun gut, zu sagen, sie wünschten sich zurück in die 30er Jahre, wäre gemein. In den 40er Jahren herrschte Krieg, und in den 60er Jahren kamen dann die Türken und die Hippies. Die 50er Jahre klingen also realistisch. Zeitalter der wöchentlichen Autowäschen, der Brieftaubenzüchter, der Gartenzwerge. Da verorten die „Patrioten“ die christlich-abendländische Kultur.

Anfang der 50er Jahre gehörten immerhin noch 96,4 % der westdeutschen Bevölkerung einer der zwei christlichen Großkirchen an, evangelisch oder katholisch. Nur 3,6% waren konfessionslos. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute bekennen sich nur noch knapp 60% der deutschen Bevölkerung zum Christentum, Tendenz fallend, und da sind die orthodoxen Kirchen schon bei. Ein klares Anzeichen für Islamisierung? Wohl eher nicht. Nur gut 4% der deutschen Bevölkerung bekennen sich zum Islam. Ein Drittel dagegen ist konfessionslos. Die DDR lässt grüßen, liebe Dresdner Pegida-Fans. Eure Staatsführung ließ die Weihnachtsengel in“ Jahresendflügelfiguren“ umbenennen. Und euer schöner „Striezelmarkt“ sollte Ende der 70er noch sozialistische Verhaltensweisen fördern und russische Märchen im Adventsprogramm thematisieren. Ja, euer Weihnachtsmarkt HEISST ja noch nicht einmal „Weihnachtsmarkt“. Und im Leipzig der 80er Jahre war der „Weihnachtsrummel“ genau das, ein Rummelplatz mit Schießbude und Losverkauf. Hier sehr schön im Bild festgehalten vom Fotografen Mahmoud Dabdoub. Für diejenigen, die es interessiert, Dabdoub ist arabisch und bedeutet „Bärchen“.

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Mit der christlichen Religion scheint auch der Wert „Familie“ an Bedeutung verloren zu haben. Jede achte Schwangerschaft wird in Deutschland mit einer Abtreibung beendet. Während Anfang der 50er Jahre statistisch pro Frau 2,5 Kinder geboren wurden, davon 90% ehelich, bekommt heute eine Frau durchschnittlich nicht mal mehr 1,5 Kinder, und davon jedes dritte Kind außerhalb einer Ehe. In den neuen Bundesländern, liebe Dresdner, werden gar 60% der Kinder unehelich geboren. In guter deutscher Tradition? Mit dem Islam hat das jedenfalls nichts zu tun.

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Die „patriotischen“ Vaterland-Fans sind wahrlich keine Vaterschaft-Fans. Im Gegenteil, eine der häufigsten Klagen über „den Islam“ ist, dass dessen Kinder zu laut spielen und so die Mittags- bzw. Sonntagsruhe stören. „Kinderreichtum“ wird nicht mehr als Bereicherung empfunden. Stattdessen diskutieren wir Kinderarmut in Deutschland. Mit der Begründung, dass Kinder ein Hobby seien, und auch Hundebesitzer selbst für ihr Haustier aufkommen müssten. Wahrlich ein Armutszeugnis.

Wer soll aber nun die deutsche“ Kültür“ fortführen? „Der Islam“? So wie der iranische Muslim der in Bonn Karnevalsprinz Amir, der Erste, wurde? Oder der türkischstämmige Muslim Mithat Gedik, Schützenkönig in Sönnern, NRW? Ist das nun Integration? Oder Islamisierung?

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