Historie

Der Islam als Geburtshelfer Europas

In Wissenschaft und Publizistik wird heute viel darüber gestritten, wo die Anfänge Europas zu suchen sind. Viele finden sie in der Antike und andere aber erst im Mittelalter. Für diese Auffassung spricht die Verlagerung des historischen Kraftfeldes vom Saum des Mittelmeeres nach Norden, zu welcher der Islam entscheidend beigetragen hat.

Von Michael Borgolte Freitag, 17.06.2011, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.06.2011, 1:49 Uhr Lesedauer: 17 Minuten  |   Drucken

Beginnende Entzweiung
Als die arabischen (oder berberischen und syrischen) Muslime aus Spanien und Italien vertrieben waren, drangen ihre türkischen Glaubensgenossen auf dem Balkan nach Europa vor, ohne einen gleich starken Einfluss auf die Christen zu gewinnen. Im Gegenteil trieben die osmanischen Eroberungen beide Religionsgruppen auseinander. Sultan Mehmed II. beanspruchte als Eroberer von Konstantinopel (1453) das Erbe der römischen Imperatoren und fühlte sich als Rächer der Trojaner an den Griechen. Sein Volk nämlich, die Türken (Teukrer), hielt man seit dem frühen Mittelalter für Abkömmlinge jener von Homer besungenen Helden, welche die Achaier einst an der Küste Kleinasiens besiegt haben sollen. Als Nachkommen des Aeneas und anderer Überlebender und Flüchtlinge galten aber auch die Römer selbst sowie fast alle Völker Europas, darunter die Franzosen, Engländer und Deutschen. Mehmeds Wunsch, sich dieser europäischen Völkerfamilie zuzugesellen, ja an deren Spitze zu treten, wiesen freilich gelehrte Lateiner sofort zurück. Diese beklagten den Verlust Konstantinopels als einer Stadt Europas und einen Teil „unseres Vaterlandes“, zu dem man die erobernden Osmanen nicht mehr zählen wollte. Der Humanist Enea Silvio Piccolomini, später als Papst Pius II. bekannt geworden, hat viel Mühe auf den Nachweis verwandt, dass „Teukrer“ (Trojaner) und Türken nicht identisch seien.

Mit dem Fall von Byzanz begann sich das westliche, christliche Europa von den Türken abzugrenzen und diese von dem Kontinent auszuschließen. Die weiteren militärischen Erfolge von Mehmeds Nachfolger Süleyman dem Prächtigen, der Belgrad und Rhodos einnahm, die Ungarn entscheidend schlug (1526) und erst vor Wien scheiterte (1529), trug weiter zu der Entzweiung bei. Der deutsche Reformator Martin Luther erkannte in „dem Türken“ den „Erzfeind Christi“ und rief seinen Gott um Hilfe an: „Beweis dein Macht, Herr Jhesu Christ, der du Herr aller Herren bist, beschirm dein arme Christenheit, dass sie dich lob in Ewigkeit.“

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  1. Ein interessanter kulturhistorischer Überblick, der deutlich macht, dass die Antwort auf die Leitfrage, wann beginnt „Europa“? davon abhängig ist, was man unter „Europa“ verstehen will: einen geografischen Raum, einen landwirtschaftlich-technisch geprägten Kulturraum oder ein religiös-weltanschaulich geprägtes Wertesystem.
    Wenn heute von Europa und europäischer Tradition die Rede ist, wird an die letzte dieser Definitionen gedacht. Und hier besinnt man sich erst seit der Auseinandersetzung mit Sarazin, dass unser Wertekanon auch von jüdischen Denkvoraussetzungen geprägt ist, wobei sowohl Jüdisches als auch Christliches nur durch die humanistische Renaissance und die philosophische Aufklärung gefiltert in Geltung stehen.

  2. Kritiker sagt:

    Man sollte den Artikel besser auf den heutigen Nahen Osten und die Türkei beziehen. Es ist zwar richtig das die Entzweiung der Historie geschuldet ist nur jetzt wäre es an der Zeit das die oben genannten Länder endlich einen brauchbaren Beitrag zur Menschheit leisten und nicht in dumpfem Nationalismus bzw. im waffenähnlichen Gebrauch ihrer eigenen Religion verharren. Vielleicht kann man ja in Zukunft postiveres aus dieser Gegend erwarten. Wenn nicht wird es eben wieder heissen:
    Djelaleddin Rumi, persischer Dichterphilosoph, 1207-1273: „Die Erbauung der Welt Ist ein Merkmal der Griechen, die Vernichtung der gleichen Welt ist den Türken vorbehalten.“

    Bin mal gespannt. Wenigstens haben Sie von dieser bescheuerten Gazaflotte Abstand genommen.

  3. Quine sagt:

    Das Vordringen des Islam bzw. seine Zurückschlagung hat für die Entstehung des Abendlandes aus den Völkerwanderungsreichen am Rande der christlichen Welt wohl eine ähnliche Bedeutung wie der trojanische Krieg (frühantiker „Kreuzzug“ ?) für die Entstehung der griechisch-römischen Kultur.

    Grotesk ist es aber zu behaupten, die westlich-christlichen Staaten hätten die Türken „vom Kontinent“ ausgeschlossen. Die Osmanen hatten sich selbst unter dem Ziel der Unterwerfung der Ungläubigen „eingeladen“. Invasorische Aggression zurückzuweisen ist also verwerflicher „Ausschluss“ ?
    Ziemlich wirrer Kram. Dann der Aufstand gegen die Kreuzzüge oder die Kolonialmächte wohl auch ein „Ausschluss gewesen ?

  4. saggse sagt:

    Zweifellos hat die Auseinandersetzung mit dem Islam ihre Spuren in der Entwicklung des Kontinents Europa hinterlassen. Allerdings scheint es mir sehr euphemistisch zu sein, dabei von „Geburtshilfe“ zu sprechen – nicht zuletzt angesichts der Tatsache, daß jene Regionen Europas in welchen der „Geburtshelfer“ am längsten tätig war, nicht gerade zu den prosperierendsten Gegenden gehören.

  5. Leo Brux sagt:

    Eine schöne Website, die mit zahlreichen Beispielen und auch gut bebildert zeigt, wie sehr Borgolte recht hat:

    http://www.geschichteinchronologie.ch/islam/Hunke_arab-kultur-in-europa.htm

    Ohne die Übernahmen aus der Kultur der islamischen Länder gäb es den heutigen Westen als dominante Kulturmacht wohl gar nicht. Europa hätte sich möglicherweise nicht aus seiner Mittelalterlichkeit heraus modernisiert.

  6. Kehrhelm Kröger sagt:

    Witzig, dass die, die immer pedantisch darauf bestehen, Islam und orientalische Kultur sauber zu trennen, jetzt „den Islam“ als Geburtshelfer für Kartenspiel, Kartenschach, Gewürze, Zimtsterne, Liedgut, Waffen, Burgenbautechnik, Papierherstellung usw. ausmachen—also die Religion. Dabei hat doch bei sonstigen Kulturbestandteilen und Gepflogenheiten von Migranten das alles immer gar nichts mir den Islam zu tun! Wenn der Islam uns das Kartenspiel gebracht hat, dann hat der Islam uns wohl auch die Kultur des Ehrenmords gebracht. Na ja, man kann natürlich auch richtig feststellen, dass unter „Kultur islamischer Länder“ alles das zusammenfällt, was in Gesellschaften entwickelt wurde, die auf Territorien lebten, die unter islamischer Oberherrschaft standen—da wird ein Schuh draus. Allerdings waren die schöpferisch Tätigen in solchen Gemeinwesen selten Muslime, schon gar keine Gebürtigen.

    Und dass Europa sich ohne den Islam/die Muslime nicht aus der Mittelalterlichkeit heraus modernisiert hätte, ist eine Flunkerei der Linken, um die zivilisatorische Überlegenheit des Abendlands zu leugnen.

    • Leo Brux sagt:

      K. Kröger,
      mit der zivilisatorischen Überlegenheit des Abendlandes war es bis ca. 1500 nicht weit her …

      Die offene Verachtung der nahöstlichen Welt, ihrer Bevölkerung und Kultur zieht alles zusammen: Religion, Kultur, Ethien … Man kann gut sehen, wenn man das alles so zusammenzieht, dann war diese orientalische Welt einer der Geburtshelfer der westlichen Moderne. Der Islam speziell hat immerhin einen Rahmen geschaffen dafür – durch seine Toleranz. So konnten sich auch Nichtmuslime ökonomisch und kulturell entfalten – sehr zum Vorteil aller.

      Dass die schöpferischen Leistungen im islamischen Raum nicht auch von gläubigen Muslimen gekommen wären – was soll man zu so einer Äußerung sagen? Eine Liste aufstellen mit den vielen prominenten Namen kreativer Muslime?

      Die „Kultur des Ehrenmords“ kenne ich aus der alten germanischen Kultur auch, Herr Kröger, und ich kenne sie aus Süditalien. Wieso soll die was spezifisch islamisches haben? Genauso wie das Christentum, so hat sich auch der Islam gegen diese archaische Handlungsweise ausgesprochen.

      Seltsam, dieses Bedürfnis, Leistungen anderer zu leugnen und schlecht zu machen. Statt sich an diesen Leistungen zu freuen.

  7. KTL sagt:

    Mein Vorschlag zur Güte wäre wir einigen uns darauf, daß der Islam mit beidem in Verbindung gebracht werden darf: Mit Kartenschach UND mit Ehrenmord!?
    Der Freispruch für Geert Wilders sagt das auch in etwa so.

    • Leo Brux sagt:

      KTL,
      darauf kann ich mich nicht einlassen, denn es ist eben nicht der Islam, dem wir den Ehrenmord verdanken. Der Ehrenmord war schon bei uns, BEVOR es den Islam gab. Beschäftigen Sie sich mal mit altgermanischer Kultur! Oder mit den Verhältnissen in Süditalien noch vor 100 Jahren. Im katholischen Spanien war’s wohl nicht anders.

      Im Sinne Ihres Vorschlags könnte ich auch sagen: Einigen wir uns darauf: KTLs posts kann man mit beidem in Verbindung bringen, mit der Aufklärung und mit dem Holocaust.
      In diesem Falle würde ich sowohl eine schwache Verbindung mit der Aufklärung durchaus sehen, als auch eine mit dem Holocaust, aber letzteres werden Sie natürlich ärgerlich bestreiten – aus verständlichen Gründen. Drum nehm ich meinen Vorschlag wieder zurück.
      Und Sie hoffentlich den Ihren.

  8. KTL sagt:

    @ Leo Brux
    Mag ja sein daß es hier zur Germanenzeit und in Italien vor 100 Jahren auch schon Ehrenmorde gegeben hat. Man hat das aber hierzulande mittlerweile geschafft abzustellen und das vor geraumer Zeit, wenn mir nichts entgangen ist.
    In islamischen Kulturen ist der Ehrenmord ein sehr aktuelles Thema.

    • Leo Brux sagt:

      KTL,
      da haben Sie recht, zumindest für einige der islamischen Länder.
      Bei uns heute bringt man Frau oder Kinder oder Mann aus anderen Gründen um.

      Die islamischen Länder, in denen es noch Ehrenmord gibt, werden sich dieser moderneren Motivation für innerfamiliäre Morde sicher bald anschließen.

  9. Pointe ala Pointe sagt:

    KTL

    Nur weil man in Deutschland „Ehrenmorde“ als „Familiendrama“ verkauft, heißt es nicht, dass es hier keine Probleme gibt. Mord aus Eifersucht oder anderen Gründen ist per se ein „Ehrenmord“, weil man sich in seinem Stolz oder seiner Ehre verletzt fühlt. Erweitern Sie lieber Ihren Horizont und reduzieren nicht kriminelle Taten auf den religiösen Hintergrund.

  10. Pointe ala Pointe sagt:

    @ Kröger
    „Wenn der Islam uns das Kartenspiel gebracht hat, dann hat der Islam uns wohl auch die Kultur des Ehrenmords gebracht. “

    1. Der Islam kann keinen Ehrenmord gebracht haben, weil es den Ehrenmord schon lange Zeit davor gab. Zudem bin ich gespannt, mit welcher Qulle Sie Ihre haltlose Behauptung belegen möchten. Ich persönlich kenne keine einzige Koranstelle und keinen islamischen Gelehrten, der Ehrenmord als „islamisch“ einstufen würde.

    2. Der Islam hat durch seine wissenschaftsfreundliche Einstellung zum Fortschritt beigetragen. Im Gegensatz dazu die wissenschaftsfeindliche Kirche, die viele Wissenschaftler und Gelehrte auf den Scheiterhaufen geschickt hat. Europa hat sowohl die geistige und auch die wissenschaftliche Entwicklung im Orient für sich nutzen und weiterentwickeln können, sodass man von einer „islamischen Renaissance“ sprechen könnte. Nur lässt es Ihre europäische Arroganz nicht zu, diese Tatsache anzuerkennen. Dagegen erkennt die heutige „islamische“ Welt die westliche Überlegenheit in Sachen Forschung und Technik an. Wir sollten schon immer objektiv bleiben Herr Kröger.