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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Datenlage und Forschungsstand

Gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund

Die gesundheitlichen Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, fanden erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

5. Qualität der Versorgung
Eine Medline-Recherche mit den Suchbegriffen „quality + health + care + migrant + Germany“ ergab für den Zeitraum zwischen 1981 und 2009 nur acht Artikel, die sich v.a. auf kleinere Studien zu spezifischen Migrantengruppen meist in Behandlungssettings bezogen oder eher methodisch ausgerichtet waren. Dieses Ergebnis deutet auf eine Vernachlässigung zentraler Forschungsfragen zur Qualität der Gesundheitsversorgung für Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland hin. Es ist zu vermuten, dass weitere (meist kleinere Studien) vorhanden sind, die nicht einschlägig publiziert wurden (bzw. werden konnten) oder den Begriff „Versorgungsqualität“ nicht als Schlüsselbegriff formuliert haben. Zur Qualität der Gesundheitsversorgung für Menschen mit Migrationshintergrund ist also relativ wenig bekannt, dennoch zeigen die vorliegenden Studien, deutliche Einschränkungen beim Ergebnis der Gesundheitsversorgung für Immigranten/-innen.

Für die psychosomatische Rehabilitation offenbarten Schmeling-Kludas et al. (2003) Hinweise auf eine unzureichende ambulante Behandlung. So wurden bei 16% der 184 türkeistämmigen Patienten/-innen erst in der Rehabilitationsklinik bisher unerkannte somatische Erkrankungen diagnostiziert. Die Autoren weisen darauf hin, dass eine gleich gute Behandlungsqualität für diese Gruppe spezifische Konzepte, höhere Kosten und Anstrengungen erfordern. Dass dies nicht nur bei der Behandlung sondern auch bei der Erreichbarkeit von Menschen mit Migrationshintergrund in Befragungen gilt, zeigen auch die Studien unserer Forschungsgruppe.

Unsere etwas ältere Vergleichsstudie zur Versorgungssituation deutscher und türkischer Frauen im Krankenhaus (Borde, David, Kentenich 2002) brachte deutliche Defizite in der Qualität der Versorgung für die Immigrantinnen zu Tage. Während die deutschen und die türkeistämmigen Patientinnen ähnlich hohe Erwartungen an die Behandlung in der Klinik hatten, zeigte sich bei den Patientinnen türkischer Herkunft bei fast allen abgefragten Versorgungsaspekten eine deutlich geringere Behandlungszufriedenheit (Borde u. David 2001, Borde 2003). Als zentrale Schwachstellen der Versorgungsqualität erwiesen sich für die befragten Immigrantinnen „Information und Aufklärung“, „psychosoziale Betreuung“ sowie „migrationsspezifische Angebote“ (wie qualifizierte Dolmetscherinnen, Aufklärung in der Muttersprache, soziokulturelle Aspekte). Das in dieser Befragung ermittelte Wissen der Patientinnen über ihre Diagnose und die Klinikbehandlung (am Tag der Aufnahme und am Tag vor der Entlassung aus der Klinik) wurde mit den in der Patientenakte dokumentierten Fakten verglichen. Dabei zeigte sich, dass die türkeistämmigen Patientinnen deutlich weniger korrekte Angaben machen konnten dass es bei ihnen im Verlauf des Klinikaufenthalts sogar zu einem Informationsverlust kam (Abb.1). Zwar hatten bessere Deutschkenntnisse einen Einfluss auf den Kenntnisstand der Patientinnen, aber auch türkeistämmige Frauen mit sehr guten Deutschkenntnissen waren deutlich schlechter informiert als die einheimischen deutschen Patientinnen (Pette et al. 2004).

In der Berliner Notfallambulanzstudie konnten auf der Grundlage der Analyse einer Befragung der behandelnden Ärzte/-innen (2.429 Kurzfragebögen) indirekte Hinweise auf die Versorgungsqualität gewonnen werden. Denn die befragten Ärzte/-innen waren mit Arzt- Patient-Beziehung bei Patienten/-innen mit Migrationshintergrund deutlich unzufriedener als bei deutschen Patienten/-innen. Als Gründe hierfür gaben die behandelnden Ärzte/-innen vor allem sprachliche Kommunikationsprobleme und Divergenzen in der Einschätzung der Dringlichkeit der Behandlung an (Babitsch, Braun et al 2008).

Auf Defizite im Bereich der Information und Kommunikation weisen auch Ergebnisse unserer Befragung der 45-60jährigen Frauen in der Wechseljahresstudie hin. Denn nur 15% der türkeistämmigen gegenüber 40% asiatischen Migrantinnen und 47% der deutschen Frauen kannten die Risiken der menopausalen Hormontherapie, die erstmals 2002 durch WHI Studie1 bekannt wurden. Gleichzeitig war festzustellen, dass von den Frauen in der postmenopausalen Phase etwa die Hälfte der türkeistämmigen und der deutschen Frauen gegenüber 35% asiatischen Migrantinnen bereits Erfahrungen mit der Anwendung der Hormontherapie hatten und die Anwendung von Hormonpräparaten v.a. bei türkeistämmigen Migrantinnen offensichtlich ohne eine wirksame Aufklärung über Risiken und Nutzen der Therapie erfolgte (David, Schalinski et al 2007).

  1. Die Women’s Health Initiative/WHI wurde 1991 von den National Institutes of Health/NIH, USA,initiiert. Ziel war es, Forschung zu den bedeutenden Gesundheitsproblemen von Frauen, beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, durchzuführen. Die Ergebnisse der Studien werden laufend publiziert (www.nhlbi.nih.gov/whi/, accessed 05. 11. 2008). []
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  1. […] Prof. Dr. Theda Borde, Datenlage und Forschungsstand zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund […]



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