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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Studie

Türken finden sich in deutschen Medien nicht wieder

Die Akzeptanz deutscher Fernsehsender sinkt bei den türkischstämmigen Zuschauern. Dies geht aus einer Studie des Zentrums für Türkeistudien hervor, die im Auftrag des nordrhein-westfälischen Integrationsministeriums erstellt wurde und dem Stern bereits vorliegt.

Mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken sehen lieber türkisches als deutsches Fernsehen. Mehr noch: Laut Studie wird türkisches Fernsehen und türkische Medien heute häufiger genutzt als noch vor einigen Jahren. Woran liegt das? Was bietet das türkische Fernsehen, was ARD, RTL & Co. nicht bieten? Grund dafür sei unter anderem, dass sich Türken vom deutschen Fernsehen nicht genügend unterhalten fühlten, sich darin zu wenig wiederfinden und wenn, dann nur klischeehaft und negativ.

Das deutsche Fernsehen werde aber auch mit Sachlichkeit und Distanz assoziiert. So würde Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen grundsätzlich als glaubwürdiger eingeschätzt als türkische. Die Befragten würden der deutschen Presse aber auch „Parteilichkeit, Oberflächlichkeit und Schlampigkeit“ vorwerfen, wenn es etwa um die Berichterstattung zum Hausbrand in Ludwigshafen geht, bei dem neun Menschen ums Leben kamen.

Ein türkischer TV-Sender stellt seine TV-Stars vor.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=gC_mmMc5lu0[/youtube]

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister, Armin Laschet, sieht die deutsche Medienlandschaft in der Pflicht. Der Zuwachs der Nutzung von türkischen Medien hänge damit zusammen, dass sie mehr Unterhaltungssendungen anbieten und viel intensiver Emotionen ansprechen. Dennoch gehören Nachrichtensendungen zu den Lieblingsgenres türkischer Zuschauer, gefolgt von Unterhaltungsserien.

Die deutschen Medien müssten die Migranten dort abholen, wo ihre Interessen liegen: „Gebt den Zugewanderten eine Heimat in euren Medien“, forderte Laschet. Auch sei eine höhere Sensibilität von deutschen Berichterstattern geboten, wenn es um Katastrophenmeldungen, wie zum Beispiel in Ludwigshafen geht. Die Kritik an der Berichterstattung bezeichnete der Minister als „Alarmsignal“. Eine Lösung könnte sein, „dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte noch stärker als bislang in deutsche Redaktionen einziehen.“

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Auch der renommierte Migrationsforscher und Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Prof. Dr. Klaus J. Bade, forderte die Medien auf, mehr auf die Vorlieben der Migranten einzugehen. „Integration sollte auch im Fernsehen mit einer Vielfalt der Geschmäcker leben“, so Bade. Türkische Migranten würden aber als Nicht-EU-Ausländer nicht mal bei der Quotenmessung der Fernsehforschung berücksichtigt; ihre Vorlieben zählten also nicht.

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128 Kommentare
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  1. municipal sagt:

    „Der Zuwachs der Nutzung von türkischen Medien hänge damit zusammen, dass sie mehr Unterhaltungssendungen anbieten und viel intensiver Emotionen ansprechen.“

    Wäre es nicht wünschenwerter und als langfristiges Ziel anzustreben, die hier lebenden (türkischen) Migranten ein wenig zu „entemotionalisieren“ , und sie zur mehr Sachlichkeit und nüchterner Betrachtung von Themen zu bewegen ?

    Beispielhaft dafür ist der Unterschied im Verhalten bei Demonstrationen oder Ereignissen
    in der Türkei und in Deutschland. Wer emotional aufgewühlt ist, und „schreit“, schreit irgendwann auch „hängt ihn auf“.

    Ich halte die wachsende Emotionalisierung auch der deutschen Bevölkerung, betrieben GERADE von den privaten Medien (um Quote zu machen) für eine der langfristig gefährlichsten Entwicklungen für den gesellschaftlichen Frieden.

    Gerade „wenn es um Katastrophenmeldungen, wie zum Beispiel in Ludwigshafen geht“ sieht man, WOHIN eine unsachliche,emotionale Haltung führt.

  2. uebrigkeiten sagt:

    „Die Kritik an der Berichterstattung bezeichnete der Minister als „Alarmsignal“. Eine Lösung könnte sein, „dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte noch stärker als bislang in deutsche Redaktionen einziehen.““

    Ich denke hier sollte es ausschließlich um Kompetenzen gehen, gerade im Bereich der Nachrichtensendungen. Die Zuwanderungsgeschichte eines Menschen sollte nicht Einstellungsgrund sein, es sei denn, es geht um ein entsprechendes Ressort. Aber dies ist dann ja auch wieder der Bereich der Kompetenzen.
    Und was die Unterhaltungssendungen angeht, hier geht es doch bei den privaten Anbietern eh nur um Zielgruppen und ihre Kaufkraft, bzw. Werbeeinnahmen. Da fühle ich mich (ohne Zuwanderergeschichte) ebenfalls zu 90% schlecht unterhalten.

  3. Selçuk sagt:

    Es mag sich zwar extrem anhören, aber die (aus meiner Sicht die Mehrzahl der) türkischen Sender kannst du echt in die Mülltonne schmeißen. Das fängt schon mit den Sendungen an, die früh morgens ausgestrahlt werden. Ich meine die von Müge Anlı, Seda Sayan, Petek Dinçöz, …

    Außerdem hält jeder Sender für einen Abend in der Regel zwei Serien parat, die nacheinander ausgestrahlt werden. Obwohl die erste dieser Serien in der Regel relativ früh beginnt, ca. 19 – 20 Uhr, endet die zweite erst gegen Mitternacht, dank den vielen Werbespots, die eingespielt werden und des Öfteren eine inakzeptable Dauer haben.

    Dann beginnen die Nachrichtensendungen, die mehr und mehr einem Magazin ähnlich werden. Ich würde mir mehr Sachlichkeit auch für viele der restlichen Sendungen wünschen. Das gilt aber nicht für die eigentlichen Magazinsendungen, weil die einfach nicht mehr zu retten sind.

    Was fehlt im türkischen Fernsehen? Wissenschaft! Mir ist keine einzige Sendung wie „Quarks & Co.“ oder „alpha-Centauri“ bekannt. Fall es doch welche gibt, lasse ich mich gerne belehren.

  4. municipal sagt:

    @ Selcuk

    Danke für Ihre Einschätzung , und wie schon gesagt, der „Weg“ des deutschen Privatfernsehens ist ähnlich, wenn auch noch nicht so weit „fortgeschritten“.

    Und dann fordert ein deutscher Minister für Integration, man solle diese „Entwicklung“ zum Wohl der Migranten unterstützen ? Hilft das diesen Menschen bei der Meinungsbildung ?

  5. Kosmopolit sagt:

    Seit Anfang der 90er Jahre nehmen islamische Vereinigungen sowie türkische nationalistische Gruppierungen in der BRD auffällig zu. Die fundamentalistischen islamischen Vereinigungen streben eine geeinte islamische Welt, in der die Trennung von Politik und Religion aufgehoben ist, sowie eine eigenständige islamische Gesellschaft der hier lebenden MuslimInnen an. Sie instrumentalisieren die Religion, indem sie versuchen, sich mit dieser eine Lobby für ihre politischen Aktivitäten zu schaffen.
    Permanente Propaganda türkischer Medien bezweckt die Herausbildung starken Nationalbewußtseins mit Richtung auf ein großtürkisches Reich (in Anlehnung an das osmanische Reich). Auf diese Weise soll der Vielvölkerstaat Türkei zusammengehalten, von den eklatanten wirtschaftlichen und innenpolitischen Problemen in der Türkei abgelenkt und Frust und Verunsicherung der MigrantInnen in religiöse Bahnen gelenkt werden.
    Bei vielen türkischen Jugendlichen fällt die nationalistische Beeinflussung nach dem Motto: „Die Türkei ist das Größte, es gibt nichts Größeres“ auf fruchtbaren Boden, begünstigt durch die ausgeprägte Ausgrenzungs- und Diffamierungspolitik der BRD.
    Mit Hilfe der deutschen Innenpolitik mischt sich der türkische Staat, über die DITIB, in die politischen Belange ein. Aussagen Erdogans in Deutschland tun ihr übriges, die Parallelgesellschaft zu fördern. Keiner kommt auf die Idee, dass hier unterschiedliche Wertesystem aufeinander prallen. Wir haben kein Migrantenproblem, sondern ein Problem mit dem türkischenen/libanesischen/arabischen Wertesystem des Islam.
    Diesem Kulturkreis reicht folgender Grundsatz aus;
    fremd denken, fremd glauben, fremd verstehen, fremd fernsehen, sich fremd fühlen – aber von den Deutschen Errungenschaften und Sozialsysteme profitieren.
    Beschämend ist die Tatsache, mit welchen Niveau hier dieses Klientel zufrieden ist. Wie können hier gesellschaftliche Probleme aufgearbeitet werden? Der Koran atmet einen anderen Geist.

  6. Ali As Men sagt:

    Inhaltlich sind bei deutschen Sendern im Vergleich zu türkischen ein hohes Gesamtniveau zu beobachten, was andere Deutschtürken hier sicherlich bestätigen können.
    Ich bin der Meinung das türkische Medien sind auf die schnelle Kohle ausgelegt, schlecht Recherchiert, Billig. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich mal einen kurzen Abend auf einem türkischen Sender durchhalten konnte ohne das ich mich aus trotz gegenüber der penetranten Bombardierung mit lauter und aufdringlicher Werbung umgeschalten habe.
    Den bewusten Konsum von türkischen Sendern schätze ich, wenn man die Zeit in der der Fernseher bei vielen Türken konstant einfach so läuft, als sehr viel niedriger ein.
    Wenn es nur mehr Anreitze gebe die Türken dazu bringen könnten auf Deutsche Sender umzuschalten es bräuchte nicht viel!
    Weg vom Grundtenor der negativen Berichterstattung über Türken.

  7. uebrigkeiten sagt:

    „Diesem Kulturkreis reicht folgender Grundsatz aus; fremd denken, fremd glauben, fremd verstehen, fremd fernsehen, sich fremd fühlen – aber von den Deutschen Errungenschaften und Sozialsysteme profitieren.“

    Wenn Sie diesen Kulturkreis so gut durchschaut haben, wie sieht es dann mit anderen Kulturkreisen aus? Können sie z.B. auch den Kulturkreis den die Deutschen (dann natürlich auch alle) angehören so differenziert darstellen?

    Alleine die Existenz dieser einen Seite (migazin) führt ihren Kommentar ad absurdum, nur so nebenbei.

  8. Ali As Men sagt:

    Meine Einschätzung bzgl. der schnellen Kohle … zielt auf das Gesamtbild der türkischen Medien ab. Es gibt auch Serien die ich mir gern ansehe wenn mein Nervenkostüm und Tagesform es zulässt ( 😯 Werbung 😯 ).

  9. municipal sagt:

    @ Ali As Men

    …bei deutschen Sendern im Vergleich zu türkischen ein hohes Gesamtniveau zu beobachten…

    „Tal der Wölfe“ 1 und 2 , Spielfilm und Serie ein Begriff ?

    …bewusten Konsum von türkischen Sendern schätze ich, wenn man die Zeit in der der Fernseher bei vielen Türken konstant einfach so läuft, als sehr viel niedriger ein…

    Wenn der Fernseher den ganzen Tag zu Hause läuft und die Kinder damit aufwachsen,führt das zu welchen Ergebnissen ?

    „Weg vom Grundtenor der negativen Berichterstattung über Türken.“

    Der Grundtenor ist SACHLICH, Dinge, die nicht in Ordnung sind, müßen klar benannt werden. „Kopf in den Sand“ und beschönigen/verschweigen bringt da nichts, sondern das Fördern von kritischem Denken, zusammen mit der Bereitschaft durch Selbstreflektion Kritik zu „ertragen“ und aufzuarbeiten.

  10. Markus Hill sagt:

    „Weg vom Grundtenor der negativen Berichterstattung über Türken.“
    Warum sehen Sie dass als eine Voraussetzung an?
    Sollen wir jetzt ein „Türken-negativ-Nachrichten-Meldungsverbot“ einführen?
    Die Benennung von Missständen soll dazu führen, dass die Missstände abgestellt werden. Sinn der Berichte ist, Aufklärung zu betreiben. Jahreland wurde nicht darüber berichtet, obwohl jedem mit Augen im Kopf diese Missstände mitbekommen hat. (Natürlich gibt es dumme, implizit hetzende Berichterstattung. Die unterstelle ich aber nicht den Hauptmedien als Absicht).
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass hier zwei Diskussionskulturen aufeinander prallen. Sachliche Kritik ist nichts Negatives sondern eher als eine Einladung zur Kommunikation bzw. zur Problemlösung zu sehen. Problem zu nennen, führt auch zu einer gewissen Klarheit im Denken und gerade zu weniger Emotion bei Sachfragen. Das hilft oft bei der Lösungsfindung.


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