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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Ekin Deligöz

„Ich kann auf das Beste zweier Kulturen zurückgreifen“

Ekin Deligöz, stellvertretende Vorsitzende des Familienausschusses, über ihre Schulzeit, die Familienpolitik der Grünen, mögliche Koalitionen nach der Bundestagswahl und die Rolle von Migranten in der Politik.

MiGAZIN: Sie sind 1979 mit Ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Welche Erinnerung aus Ihrer Schulzeit in Deutschland hat Sie am meisten geprägt?

Ekin Deligöz: Ich kam zunächst in eine türkische Klasse mit einem türkischen Lehrer. Sogar die Pausenhöfe der türkischen und deutschen Schüler waren getrennt. Wir hatten lediglich drei Stunden Deutsch in der Woche. Ich wollte unbedingt Deutsch lernen sollte es aber nicht! Gut, dass ich damals wie heute ein Sturkopf war bzw. bin. Ich habe Deutsch gelernt trotz der damaligen Schulpolitik, die dies nicht vorgesehen hat. Seit dem hat sich viel geändert. Aber nach wie vor gibt es große Defizite bei der Förderung von Migrantenkindern im Bildungssystem. Um dies zu ändern, mache ich grüne Politik.

MiGAZIN: Sie sind bereits seit 1998 Bundestagsabgeordnete und werden voraussichtlich auch nach den bevorstehenden Bundestagswahlen ihr Mandat weiter ausüben. Woher kommt Ihr Erfolg?

Deligöz: Ich kann auf das Beste zweier Kulturen zurückgreifen: Kommunikationsfähig, freundschaftlich, herzlich und zuvorkommend, einfühlsam, emotional und grün. Das sind meine türkischen Eigenschaften. Fleißig, pünktlich, ehrgeizig, hartnäckig und grün. Das sind meine deutschen Eigenschaften. Suchen Sie sich die Antwort aus.

MiGAZIN: Sie sind stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Vorsitzende der Kinderkommission und türkischstämmig. Mal provokativ gefragt, geht das?

Deligöz: Wenn wir diese Gesellschaft gerechter gestalten wollen, dann müssen wir bei Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern anfangen. Wer, wenn nicht ich, die sich im jetzigen System durchsetzen musste, kann eine authentische Politik machen? Ich bringe oft meine Erfahrungen ein und suche nach Lösungen für die gesamte Gesellschaft, für alle Kinder. Ideen habe ich genug. Ich freue mich, dass ich damit auch eine große Anerkennung erfahre.

MiGAZIN: Auf dem „Medienforum Migration“ in Stuttgart sagten Sie, dass viele Menschen überrascht reagieren, wenn sie erfahren, dass Sie keine Integrationspolitik machen. Wie erklären Sie sich diese Verwunderung?

Deligöz: Von uns Migranten wird erwartet, dass persönliche Gründe allein der Beweggrund für den Eintritt in die Politik seien. Damit wird ausgeschlossen, dass wir Kompetenzen auch in anderen Themengebieten entwickeln können. Für mich gilt: Ich mache Politik für eine gerechtere Gesellschaft, die menschlich und sozial ist, die unsere natürlichen Ressourcen erhält und die die Umwelt schützt.

MiGAZIN: Als Canan Bayram in Berlin von der SPD zu den Grünen wechselte, wanderte Bilkay Öney von den Grünen zur SPD ab. Gemunkelt wurde, dass der Posten der integrationspolitischen Sprecherin der Auslöser war. Haben Sie das Gefühl, dass Politiker mit Migrationshintergrund von den Parteien in die Rolle des Integrationspolitikers gedrängt werden?

Deligöz: Es wurde „gemunkelt“, das war aber nicht der Grund! Mehr kann ich dazu nicht sagen. Wenn Sie mich aber fragen, warum Migranten das Thema übernehmen: Migranten sind als Migrationspolitiker authentischer, entsprechen den Erwartungen der Parteikollegen, der Medien und ihrer Herkunftsgesellschaft. Das ist ein Bonus und erleichtert den Einstieg in die Politik. Ich habe den steinigeren Weg gewählt. Aber: Ich liebe Herausforderungen, mit denen ich wachsen kann.

Im September 1979 kam Ekin Deligöz mit ihrer Familie in die Bundesrepublik Deutschland. 1992 bestand sie in Weißenhorn das Abitur und absolvierte anschließend ein Studium der Verwaltungswissenschaften in Konstanz und Wien. Schon als Schülerin wurde sie 1988 Mitglied bei Die Grünen. Sie ist seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war sie von 2002 bis 2005 Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Seit November 2005 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Mitglied der Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission) des Deutschen Bundestages.

MiGAZIN: Familienpolitik wird oftmals als Domäne der Unionsparteien wahrgenommen. Was sind die wesentlichen Unterschiede der Grünen Familienpolitik?

Deligöz: Bei allem, was die Unionsparteien in der Familienpolitik machen, haben sie die traditionelle Familie vor Augen und akzeptieren nicht, dass es heute viele verschiedene Formen des familiären Zusammenlebens gibt. Aber nicht nur je nach Familienform werden Familien von den Unionsparteien unterschiedlich behandelt. Auch was verschiedene Einkommensgruppen anbelangt, handeln sie ungerecht. Familien, die über ein hohes Einkommen verfügen, bekommen unterm Strich am meisten und nicht etwa diejenigen, die am meisten bräuchten. Wir Grünen hingegen setzen uns dafür ein, dass endlich Schluss ist, mit den Ungerechtigkeiten im bestehenden Ehe- und Familienfördersystem. Wir stellen das Kind in den Mittelpunkt der Förderung und erkennen an, dass es verschiedene Formen des familiären Zusammenlebens gibt. Wir setzen uns dafür ein, dass jedes Kind unabhängig von seiner Herkunft einen guten Start ins Leben bekommt und gesund aufwachsen kann.

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20 Kommentare
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  1. ibo sagt:

    Zum Thema Kopftuch total inkompetent.
    Wir brauchen Politiker mit Migrationshintergrund, die die Realität ansprechen und nicht die Meinung einiger dt. Politiker wiedergeben. Die in Deutschland lebenden Musliminnen werden nicht gezwungen diese zu tragen, sicherlich gibt es Ausnahmen, aber diese werden wieder mal pauschalisiert. Ich persönlich mag Kopftücher auch nicht, aber wer diese tragen will, soll es tragen. Das ist so unwichtig.

    Zum Thema Jugendamt total inkompetent.
    Die Fr.Deligöz ist anscheinend blind und taub. […]
    Sie spricht von der Wichtigkeit der Familie in Bezug auf Kinder, hat aber kein Plan vom Jugendamt.

    Migrationspolitiker wie Cem Özdemir und Fr.Deligöz brauchen wir nun wirklich nicht.

  2. Krause sagt:

    „Wir brauchen Politiker mit Migrationshintergrund, die die Realität ansprechen und nicht die Meinung einiger dt. Politiker wiedergeben. “

    Vielleicht ist es ja deren eigene Meinung. Vielleicht sind Özdemir und Deligöz ja in Deutschland angekommen, statt in einer imaginären türkischen Welt hier in Deutschland zu leben. Statt immer nur zu jammern, sprechen die beiden zweifellos bestehende Mißstände in der türkischen Community an. Ist klar, dass dies nicht jedem gefällt.

  3. Mensch sagt:

    Es fällt auf, dass Frau Deligöz zu schwierigen Fragestellungen schweigt. Von der stellvertretenden Vorsitzende des Familienausschusses hätte ich erwartet, dass sie sich zumindest zu den Vorwürfen gegen die Jugendämter äußert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie keine Kenntnis davon hat, was übrigens schwiegender wäre.

    Auch in der Kopftuchangelegenheit weicht sie der Frage ab. Dabei wäre eine Begründung unerlässlich. Ich glaube sogar, dass man sie oft missversteht. Soweit ich sie richtig verstanden habe (siehe Spiegel-Interview), fordert Deligöz gar keine Verbotsgesetze, was dem Geist einer grünen Politik auch widersprechen würde. Aber was bezweckt Frau Deligöz eingentlich mit ihrem Appell?

    Ich finde Jemanden zu zwingen, ein Kopftuch zu tragen, oder zu zwingen, es nicht zu tragen, ist im Grunde das gleiche. Es gibt sicherlich Fälle, in denen Frauen gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen. Diese Gesetze helfen dagegen aber nicht. Sie dämonisieren nur die Frauen, die sich selbst für das Kopftuch entschieden haben und die eigentlich Beispiele für eine gelungene Integration sind, denn sie sind Lehrerinnen an Schulen geworden und damit großartige Beispiele.

  4. Johanna sagt:

    >Statt immer nur zu jammern, sprechen die beiden zweifellos bestehende Mißstände in der türkischen Community an. Ist klar, dass dies nicht jedem gefällt.Besonders der Islamratsvorsitzende Ali Kizilkaya machte klar, dass das Kopftuch ein “religiöses Gebot” ist, welches nicht von Ort und Zeit abhängig ist.<

    http://www.dunia.de/2006/10/31/das-kopftuch-ist-ein-religioses-gebot/

    Eine seltsame Auslegung des Korans seitens Herrn Kizilkaya.

  5. HL sagt:

    Ich weiss ja nicht ob ein „Ibo“ oder ein „Mensch“ an totaler Selbstüberschätzung der eigenen Kompetenz leiden, aber Fr. D. hat sich sehr wohl zum „Kopftuch“ geäußert und kann als türkischstämmige Frau die Lage der Musliminnen wesentlich besser verstehen und einschätzen. Sie kennt diese Welt wesentlich eher und weiß deshalb, ob Frauen zum Tragen des Kopftuches gezwungen werden oder nicht.
    Im Übrigen kann ich Johanna nur zustimmen, eine seltsame Auslegung des Korans seitens Herrn Kizilkaya.
    Ob ein Verbot hilfreich ist, sei mal dahingestellt, aber persönlich würde ich es auch eher bezweifeln, allerdings frag ich mich, wieso dies die Frauen, die es trotzdem tragen, dämonisieren sollte!
    Lehrerinnen mit Kopftuch an Schulen gibt es in Deutschland nicht, jedenfalls nicht an staatlichen Schulen, deshalb sind dies auch keine gelungenen Beispiele für Integration, eher das Gegenteil, wenn sie sich weigern, das Kopftuch abzulegen während sie als Lehrerin an einer staatlichen deutschen Schule arbeiten. Damit lehnen sie ein deutsches Gesetz ab und zur Integration gehört nun mal auch das Anerkennen, Akzeptieren und natürlich Befolgen aller Gesetze.

  6. ibo sagt:

    sie sind ja lustig…ein „ibo“ kennt seine Landsleute und ist selber Moslem, daher kann dieser „ibo“ das sehr gut beurteilen.

    Ich habe gesagt, dass Sie (Fr.Deligöz) inkompetent ist und nicht, dass Sie sich nicht äußert hätte, wie sonst sollte ich wissen, dass Sie halt „inkompetent“ ist…

  7. Markus Hill sagt:

    1.
    Zitat:
    „Migazin: Sind ähnliche Probleme auch bei anderen Migrantengruppen bekannt?

    Deligöz: Nein“

    Einer der Gründe, warum es in Deutschland so „gärt“ in Medien und Leserbriefen. Man möchte die durch einen Mangel an Eigenverantwortung und Motivation von bestimmten (nicht allen!!!) Türken verursachten Probleme nicht mehr finanzieren bzw. deren ganzen Overhead (Sozialkosten, Sicherheit, geförderte Vereine, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer etc.). Obama hat diesbezüglich eine sehr zielführende Rede ggü. der Black Community in den USA gehalten. Es wäre gerade deshalb begrüssenswert, wenn man von anderen Einwanderergruppen (den Erfolgreichen!) Anregungen aufnehmen könnte. Die Ausführungen im Interview sind selbsterklärend. Man spricht von Migrationsproblemen, meint aber „Türken-Probleme“. Um Wahrheit und Klarheit in die Diskussion zu bringen sollte man vielleicht so etwas wie eine Türkei-Beauftragte bei den Grünen einführen. Andere Migrantengruppen würden dann in der Diskussion nicht so oft als Problemgruppen diskrimniert und stigmatisiert. Die ganze Thematik würde redlicher und klarer behandelt. Das führt zur Versachlichung der Diskussion.

    2.
    Die Anforderungen des Einbürgerungstests sind absolut minimal. Immer wiederholbar, hohe Bestehensquote. Eigentlich müsste er wahrscheinlich irgendwann mit einem höherem, besseren Niveau ausgestattet werden. Ein Beispiel: Jede „Brautimport“-Türkin vom Lande ohne Sprachkenntnisse, die zuhause isoliert lebt und lange Zeit wenig Sprachlernmöglichkeit hat, zieht wieder eine gewisse Anzahl von Kindern auf, denen Sie dann schwerlich bei Schulfragen helfen kann. Nicht bildungs- und integrationsfreundlich. Der schlechte Ruf der Türken als Einwanderungsgruppe wird dadurch nur zementiert (siehe oben, Punkt 1). Man nutzt die Chance nicht, diese Situation zu verbessern. Im Gegenteil, wahrscheinlich müsste der Druck von Sprechern der türkischen Community auf diese Problemgruppen grösser werden. Die erfolgreichen, deutschsprechenden türkischen Abiturienten etc. zeigen, wie man positiv Fakten schafft und die Reputation und damit auch den Respekt von anderen Einwanderergruppen und Deutschen schafft. Ebenso der derzeit stärker wahrnehmbare, minimale Prozentsatz an türkischstämmigen Akademikern. Er ist derzeit nicht repräsentativ für das Türken-Bild in Deutschland, wird aber langsam aktiv.

  8. ibo sagt:

    Türken fallen auf, da Sie auch die größte Migrantengruppe stellen und überwiegend Moslems sind…
    Italienische, griechische, polnische, russische…. Migranten haben die selben Probleme.

    Nur nimmt man das nicht wahr oder will das nicht.

  9. Schneter sagt:

    „Italienische, griechische, polnische, russische…. Migranten haben die selben Probleme.“

    Sie täuschen sich, Herr Ibo. Warum das nicht so ist, weiss ich auch nicht.

  10. Markus Hill sagt:

    …fairerweise kann man vielleicht sagen, dass bei selbst nur 20 % „Problem-Türken“ (Frankfurter Gallusviertel, Köln-Mülheim etc.) diese in der absoluten Anzahl natürlich stärker auffallen. Vielleicht ist es aber auch die Art des Auffallens. Es gibt wenige Fälle von „marodierenden Italiener-Gangs“ auf den Strassen, weniger Gewalt als Beispiel. Chinesen, Inder etc. – da müssen sich die Deutschen warm anziehen, da diese indirekt das Niveau auf den Schulen noch mit anheben und tendenziell eher friedfertig erscheinen. Das ist die Art von Zuwanderung, gegen die kaum jemand etwas einzuwenden hat. Das andere sind Problemgruppen, ,mit denen man sich jetzt halt sachlich auseinanderzusetzen hat.


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