
Warnung aus Kabul
6,3 Millionen kehren zurück – Afghanistan am Limit
Seit 2023 sind Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt, die Mehrheit nach UNHCR-Einschätzung unfreiwillig. Armut, Taliban-Verbote und drastische Hilfskürzungen verschärfen die Lage. UN-Vertreter Arafat Jamal warnt im Gespräch vor weitreichenden Folgen.
Von Gundula Haage Mittwoch, 28.10.2026, 10:47 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 28.10.2026, 10:47 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Afghanistan steht nach Einschätzung des UNHCR vor einer der größten humanitären Herausforderungen seiner jüngeren Geschichte. Arafat Jamal arbeitet als Landesvertreter in Kabul für das UN-Flüchtlingshilfswerk. Im Gespräch schildert er die täglichen Herausforderungen der Zusammenarbeit mit Taliban-Vertretern, wie das Land gerade die Rückkehr von Millionen Afghaninnen und Afghanen bewältigen muss – und wie fatal sich Mittelkürzungen auswirken.
Herr Jamal, als UNHCR-Landesvertreter arbeiten Sie mit geflüchteten Afghaninnen und Afghanen, die in das Land zurückkehren. Was sind dabei die größten Herausforderungen?
Arafat Jamal: Afghanistan erlebt derzeit eine massive Rückkehrbewegung, die in diesem Ausmaß beispiellos ist. Seit 2023 sind rund 6,3 Millionen Menschen ins Land zurückgekehrt. Das entspricht etwa 15 Prozent der Bevölkerung. Die meisten kommen aus Pakistan und Iran. Wir gehen davon aus, dass rund 60 Prozent dieser Menschen nicht freiwillig zurückkehren, sondern zur Rückkehr gezwungen wurden.
Was bedeutet dieser Bevölkerungszuwachs für ein Land, das nicht erst seit der erneuten Machtergreifung der Taliban im August 2021 mit humanitären und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat?
Jedes Land wäre damit überfordert, für Afghanistan ist es eine außergewöhnliche Belastung. Die Bevölkerung leidet unter Armut und Mangelernährung. Gleichzeitig sind Menschenrechtsverletzungen und politische Maßnahmen gegen Frauen und Mädchen an der Tagesordnung.
Wenn eine Familie heute nach Afghanistan zurückkehrt: Vor welchen Herausforderungen steht sie in den ersten Tagen und Wochen?
Wer die Grenzen von Pakistan oder dem Iran übertritt, hat oft kaum Gepäck bei sich. Die meisten mussten ihre Habseligkeiten für den Transport verkaufen. Gemeinsam mit anderen UN-Organisationen und den Behörden empfangen wir die Menschen an der Grenze. Sie erhalten finanzielle Unterstützung, mit der sie zumindest ihre unmittelbaren Bedürfnisse decken können. Danach brauchen sie ein Dach über dem Kopf, Arbeit und Dokumente, um sich eine Existenz aufzubauen.
Um Menschen in Not zu erreichen, muss der UNHCR mit den de-facto-Behörden im Land, den Taliban, zusammenarbeiten. Wie funktioniert das in der Praxis?
Es ist unsere Aufgabe als UN-Organisation, den Menschen unparteiisch humanitär zu helfen. Deshalb arbeiten wir weltweit mit denjenigen zusammen, die die Kontrolle haben. Das ist eine Notwendigkeit und bedeutet nicht, dass wir die Politik der Taliban billigen. Ich treffe mich regelmäßig mit dem Minister für Flüchtlingsangelegenheiten, dem Außenminister und anderen Verantwortlichen. Unsere Unterstützungsangebote richten wir jedoch immer direkt an die Menschen. Und 60 Prozent unserer Hilfe geht an Frauen.
Besonders schwierig ist, dass ich zwar mit lokalen Behörden eine Einigung erzielen kann – aber Entscheidungen trotzdem von der Führung jederzeit aufgehoben werden können. Ein Beispiel: Kürzlich habe ich in Herat ein Zentrum für Teppichweberei eröffnet, das 348 Frauen beschäftigte. Wir eröffneten es gemeinsam mit dem örtlichen Gouverneur. Doch dann kamen die sogenannten Sittenwächter und schlossen das Zentrum.
Beschäftigen Sie auch Frauen beim UNHCR in Afghanistan?
Ja, wir haben großartige Mitarbeiterinnen. Von unseren 200 Beschäftigten im Land sind 29 afghanische Frauen. Allerdings dürfen sie seit über einem Jahr die UNHCR-Büros nicht mehr betreten und müssen von zu Hause aus arbeiten. Wir haben versucht, dieses Verbot aufzuheben. Aber die Regierung hält daran fest.
Wie stellen die Taliban sicher, dass keine UN-Mitarbeiterin ihr Büro betreten kann?
Anfangs gingen sie sehr aggressiv vor. Soldaten umstellten unsere Einrichtungen und hinderten Frauen am Zutritt. Diese sichtbare Präsenz gibt es inzwischen nicht mehr. Aber wir wissen jetzt, wo die rote Linie verläuft.
Die gesamten Vereinten Nationen sind von Finanzkürzungen betroffen. Wie zeigt sich der finanzielle Druck in Ihrer Arbeit?
Wir spüren die Kürzungen ganz massiv. Wir mussten 200 von 400 Stellen abbauen. Früher gab es sieben UNHCR-Standorte im Land, heute nur noch sechs. Das beeinträchtigt natürlich unsere Fähigkeit, Menschen in abgelegenen Regionen zu helfen.
In welchen Bereichen wird weitere Finanzierung besonders dringend benötigt?
Es braucht konkrete Möglichkeiten für Rückkehrende, sich eine Existenzgrundlage aufzubauen, insbesondere auch für Frauen. Die aufnehmenden Gemeinschaften benötigen ebenfalls Unterstützung.
Investitionen in das Land, auch aus dem privaten Sektor, könnten dabei helfen, Afghanistan zu stabilisieren. Aber wenn die Welt so weitermacht wie bisher, werden wir massive Probleme bekommen. Vor allem mit einer ganz bestimmten Gruppe: Männer unter 30 Jahren.
Warum sind vor allem junge Männer so ein großes Risiko?
Sie werden nicht zum Risiko, weil sie an sich problematisch wären, sondern weil ihre Familien von ihnen erwarten, dass sie Geld verdienen. Wenn ich an den Grenzen mit frisch zurückgekehrten Menschen spreche, dann wollen alle etwas tun, um das Land wieder aufzubauen. Aber wenn ich neun Monate später zurückkehre und mit exakt denselben Männern spreche, dann sind sie desillusioniert, die meisten haben keine Arbeit gefunden. Und dann suchen sie nach anderen Möglichkeiten, ihre Familie zu versorgen. Ein Weg ist die erneute Ausreise in den Iran, manchmal weiter in die Türkei und nach Europa. Fehlende Perspektiven können auch dazu führen, dass sie sich militanten Gruppen anschließen. Diese Gruppen sind derzeit nicht sehr stark, aber es gibt Gerüchte, dass sie 500 Dollar pro Monat zahlen. Das ist in Afghanistan viel Geld.
Was müsste auf internationaler Ebene geschehen, um die Situation der Afghanen zu verbessern?
International herrscht der Eindruck, Afghanistan sei mehr oder weniger befriedet und die Unterstützung kann guten Gewissens weniger werden. Aber Afghanistan war in seiner ganzen Geschichte immer ein Knotenpunkt verschiedener Interessen. Es gab kommunistische Regierungen, die Mudschaheddin, Bürgerkrieg und den Nato-Einsatz. Die Anschläge vom 11. September wurden von Afghanistan aus vorbereitet. Ich glaube, die Welt handelt sehr kurzsichtig, wenn sie Afghanistan ignoriert.
Dabei wäre gar nicht so viel nötig, um das Land zu stabilisieren. Wir arbeiten beispielsweise mit Mikrokrediten. Wir haben fünf Millionen Dollar an Mikrokrediten für Rückkehrer bereitgestellt – als strategische humanitäre Hilfe. Außerdem halte ich Investitionen in Wohnraum und in die Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen für besonders wichtig.
Deutschland verstärkt derzeit die Bemühungen, Afghanen abzuschieben. Kann unter den derzeitigen Bedingungen eine Abschiebung nach Afghanistan überhaupt menschenwürdig vollzogen werden?
Wir als UNHCR haben keinen Zugang zu den Menschen, die aus Europa abgeschoben werden. Generell haben wir eine Leitlinie veröffentlicht, in der wir alle Staaten dazu auffordern, niemanden abzuschieben, der Schutz braucht. Frauen, Angehörige von Minderheiten, ehemalige Regierungsmitarbeitende und eine Reihe weiterer schutzbedürftiger Gruppen sind besonderen Risiken ausgesetzt. Insgesamt betrachtet sollten Menschen freiwillig nach Hause zurückkehren können und nicht dazu gezwungen werden.
Was macht Ihnen trotz allem noch Hoffnung?
Meine Hoffnung liegt vor allem bei den Menschen selbst. Denn trotz allem, was ich erzählt habe, sagen die rückkehrenden Menschen: „Wir sind nach Hause gekommen und werden es schaffen.“ Außerdem gibt es im ganzen Land eine große Bereitschaft, zurückkehrende Menschen aufzunehmen. Das ist bemerkenswert. (epd/mig) Aktuell Ausland Interview
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Glosse Merz‘ Termindiebe gefunden
- Familientrennung Hessen schiebt Eltern ab – und behält ihre drei Kinder
- Ab 1. November 2026 Wegen wenigen Betrugsfällen: Strengere Deutschtests für alle
- Zweierlei Maß An Deutschland scheitern
- Leverkusen trennt Familie Leverkusen trennt Familie: Proteste gegen…
- Autorin Sibel Schick „Emma“ hat islamfeindlichen Rassismus reproduziert

