
Mediennutzung
Studie widerspricht Klischee über eingewanderte Eltern
Eltern mit Einwanderungsgeschichte sitzen nicht nachweislich länger vor Bildschirmen als andere. Trotzdem machen sie sich häufiger Sorgen um die Mediennutzung ihrer Kinder. Die Forschenden warnen vor pauschalen Zuschreibungen.
Dienstag, 27.10.2026, 14:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 27.10.2026, 14:06 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Jeder zweite selbst eingewanderte Elternteil sorgt sich um die Mediennutzung seiner Kinder. Bei Eltern ohne Einwanderungsgeschichte ist es nur etwa jeder vierte. Auch Unsicherheit im Umgang mit digitalen Medien ist unter eingewanderten Eltern mehr als doppelt so häufig verbreitet. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Für die Untersuchung wurden Angaben von 514 Eltern mit Schulkindern zwischen sechs und 18 Jahren ausgewertet. Demnach äußern 50 Prozent der selbst eingewanderten Eltern Sorgen wegen der Mediennutzung ihrer Kinder, gegenüber 26 Prozent der Eltern ohne Einwanderungsgeschichte. Unsicherheit bekunden 37 gegenüber 17 Prozent. Unterstützung wünschen sich 47 gegenüber 31 Prozent.
Dabei sind eingewanderte Eltern keineswegs schlechter darüber informiert, was ihre Kinder im Internet tun: 80 Prozent geben an, darüber Bescheid zu wissen. Bei Eltern ohne Einwanderungsgeschichte sind es 82 Prozent.
Mehr Sorgen trotz ähnlicher Bildschirmzeiten
Bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Eltern mit Einwanderungsgeschichte verbringen selbst nicht nachweislich mehr Zeit vor Bildschirmen als andere Eltern. Unterschiede zeigen sich allenfalls bei der Art der Nutzung. Während eingewanderte Eltern tendenziell häufiger Smartphone und Tablet verwenden, nutzen Eltern ohne Einwanderungsgeschichte etwas länger Fernseher, Computer oder Spielekonsolen.
„Die pauschale Annahme, dass Eltern mit Einwanderungsgeschichte besonders viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, wird durch unsere Daten nicht gestützt“, erklärt Studienautor Jannes Jacobsen.
Warum sich eingewanderte Eltern dennoch deutlich häufiger Sorgen machen, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Die Forschenden vermuten unter anderem Sprachbarrieren beim Zugang zu Beratungsangeboten oder eine geringere Vertrautheit mit der deutschen Medienlandschaft.
Wenn das Smartphone Familien zusammenhält
Die Forschenden weisen auf einen weiteren Aspekt hin, der in Debatten über Bildschirmzeiten häufig untergeht: Digitale Medien erfüllen gerade in Familien mit Einwanderungsgeschichte besondere Aufgaben. Videoanrufe mit Großeltern im Ausland, Nachrichten aus dem Herkunftsland oder Gespräche in der Familiensprache ermöglichen Kontakte, die über große Entfernungen hinweg sonst nur schwer aufrechtzuerhalten wären.
Dies könne nach Einschätzung der Forschenden die Medienerziehung erschweren: Wenn dasselbe Gerät sowohl dem familiären Zusammenhalt als auch der Unterhaltung dient, lässt sich seine Nutzung nicht ohne Weiteres begrenzen.
Medienerziehung ist Familiensache
Die Studie zeigt zudem, wie eng Mediengewohnheiten von Eltern und Kindern zusammenhängen. Von allen untersuchten Kindern nutzen neun Prozent mobile Geräte täglich länger als zwei Stunden. Unter Kindern, deren Eltern selbst mehr als zwei Stunden am Smartphone oder Tablet verbringen, sind es dagegen 37 Prozent.
Die Erkenntnisse fallen mitten in eine politische Debatte über den digitalen Kinder- und Jugendschutz. Die Bundesregierung hat Mitte Oktober Eckpunkte für strengere Social-Media-Regeln beschlossen. Unter 13-Jährige sollen grundsätzlich keinen Zugang zu sozialen Netzwerken erhalten, für ältere Jugendliche sind abgestufte Beschränkungen geplant. Zugleich will die Regierung die Medienkompetenz von Kindern und Eltern stärken.
Experten fordern mehrsprachige Beratungsangebote
Die DeZIM-Forschenden halten es für wichtig, dabei die gesamte Familie einzubeziehen. Statt ausschließlich Kindern Regeln vorzugeben, sollten auch Eltern ihre eigenen Mediengewohnheiten hinterfragen und gemeinsam mit ihren Kindern Vereinbarungen treffen.
Für eingewanderte Eltern empfehlen sie vor allem leicht zugängliche, mehrsprachige Beratungsangebote. Diese sollten gezielt über Migrantenorganisationen, Integrationskurse und Familienzentren bekannt gemacht werden. (mig) Aktuell Gesellschaft
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Glosse Merz‘ Termindiebe gefunden
- Familientrennung Hessen schiebt Eltern ab – und behält ihre drei Kinder
- Ausschreitungen in Frankreich Schüler fordern Bildung, Dobrindt liefert Herkunftsdebatte
- Ab 1. November 2026 Wegen wenigen Betrugsfällen: Strengere Deutschtests für alle
- Sachsen-Anhalt Schutz der Bevölkerung: Gericht bestätigt…
- Zweierlei Maß An Deutschland scheitern

