
Frantz Celestin im Gespräch
IOM-Experte: „Klimawandel vertreibt die Menschen aus ihrer Heimat“
Extremwetter zerstört in Ost- und Südafrika zunehmend Lebensgrundlagen. IOM-Regionaldirektor Frantz Celestin beobachtet, dass klimabedingte Gefahren häufiger und heftiger auftreten. Im Gespräch kritisiert er gekürzte internationale Hilfen. Die Folgen kosteten viermal so viel als die Prävention.
Von Gundula Haage Montag, 05.10.2026, 13:59 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 05.10.2026, 13:59 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Der Klimawandel ist laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) vielerorts bereits heute einer der wichtigsten Treiber für Fluchtbewegungen in Ost- und Südafrika. Immer häufiger auftretende Dürren und Überschwemmungen gefährdeten die Lebensgrundlage von Millionen Menschen, erklärt Regionaldirektor Frantz Celestin. Durch das für 2026 und 2027 besonders stark prognostizierte Wetterphänomen El Niño drohe zudem zahlreichen weiteren Menschen die Vertreibung aus ihrer Heimat.
Herr Celestin, als IOM-Regionaldirektor für Süd- und Ostafrika befassen Sie sich mit Flucht- und Migrationsbewegungen von Eritrea über Angola bis nach Südafrika. Wie wirkt sich der Klimawandel dort auf Migrationsbewegungen aus?
Frantz Celestin: In den 25 Ländern, für die ich zuständig bin, beobachten wir einen dramatischen Anstieg klimabedingter Gefahren: Sie treten häufiger und heftiger auf. Früher kam es etwa alle zehn Jahre zu einer schweren Dürre. Jetzt erleben wir das fast alle zwei Jahre. In Somalia sorgte die Dürre von 2021 bis 2023 beinahe für eine Hungersnot. Rund drei Millionen Vieh verendeten dabei.
Die deutlichste Auswirkung des Klimawandels ist, dass es kaum noch ein durchschnittliches Jahr gibt: Auf ein Wetterextrem folgt direkt das nächste, nach der Dürre folgt die Überschwemmung. Der Klimawandel vertreibt die Menschen aus ihrer Heimat, wenn das Land sie nicht mehr ernähren kann.
Wie würden Sie die Mobilitätsmuster beschreiben, wenn klimawandelbedingte Extremereignisse Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen?
In der Regel bleiben die Menschen so nah wie möglich bei ihrem Wohnort. Sie wollen ihre Heimat nicht verlassen. Sie gehen, weil sie dazu gezwungen werden. Unsere Daten zeigen, dass die meisten zunächst in das nächste Dorf ziehen, dann vielleicht in die nächstgelegene Stadt. Erst, wenn sie auch dort keine Perspektiven finden, überqueren einige von ihnen Landesgrenzen.
Werden mehr Menschen durch den Klimawandel oder durch gewaltvolle Konflikte vertrieben?
In vielen Ländern führt der Klimawandel bereits zu mehr Vertreibung als es gewaltvolle Konflikte tun, aber beides ist eng miteinander verflochten. In Somalia beispielsweise ist die überwiegende Mehrheit der in den vergangenen Jahren Vertriebenen aus klimabedingten Gründen geflohen.
Allerdings schaffen Klimaschocks oft erst die Voraussetzungen für Konflikte: Wenn Menschen flüchten, sind sie häufig auf engstem Raum zusammengedrängt. Dort sind Ressourcen meist ohnehin schon knapp, was soziale Spannungen erzeugt. Diese wiederum können sich in Gewalt, Verteilungskämpfe um Land und Ressourcen und weitere Vertreibung ausweiten. Darum spreche ich immer von einer dreifachen Bedrohung durch den Klimawandel.
Für die kommenden Monate haben Wissenschaftler ein besonders starkes El Niño-Wetterphänomen vorausgesagt. Welche Gebiete werden voraussichtlich von den damit einhergehenden prognostizierten Sturzregenfällen, Überschwemmungen und Dürren betroffen sein?
Der sogenannte „Super El Niño“ wird das gesamte Horn von Afrika treffen. In unseren Prognosen, die auf IOM-Daten und Vorhersagen der UN-Meteorologieorganisation (WMO) basieren, rechnen wir damit, dass allein in Somalia zwischen Oktober und Dezember etwa 870.000 Menschen vertrieben werden. In dem Land gibt es bereits jetzt rund drei Millionen Binnenvertriebene.
Wie gut sind diese Länder auf El Niño-bedingte Klimagefahren vorbereitet?
Derzeit ist kein Land ausreichend vorbereitet, weil die finanziellen Mittel schlichtweg fehlen. Die Mittelkürzungen bei der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sind ein großes Problem. Sie beschränken auch bei uns die Fähigkeit zum präventiven Handeln. Oft fließen Mittel erst, wenn man eine Katastrophe in den Nachrichten sieht – die Nachrichten bestimmen also die Reaktion.
Unsere Daten zeigen aber, dass die Reaktion auf ein Extremwetterereignis im Schnitt viermal so viel kostet wie Präventionsmaßnahmen. Auch das Trauma der Betroffenen könnte vermieden werden, wenn stärker in Vorsorge investiert würde.
Haben Sie ein positives Beispiel, bei dem die Vorbereitungen zumindest etwas weiter fortgeschritten sind?
Einige Regierungen, wie beispielsweise die kenianische, bereiten sich auf erwartete Folgen wie Hochwasser vor. Dort werden die Abwassersysteme gereinigt, damit das Wasser bei Starkregen ungehindert abfließen kann. Auch in Somalia haben Hilfsorganisationen Maßnahmen zur Wetterprognose in die Wege geleitet. Die Regierungen und regionalen Organisationen nehmen El Niño ernst, auch wenn ihre Kapazitäten zur Vorsorge erheblich variieren.
Vor kurzem hat die zwischenstaatliche Entwicklungsorganisation für Ostafrika IGAD gemeinsam mit der IOM, der WMO und anderen UN-Organisationen eine Konferenz zum El Niño organisiert. Dabei wollten wir vorausschauendes Handeln in den Mittelpunkt stellen. Wenn wir im Voraus wissen, dass Menschen vertrieben werden, können wir die Auswirkungen auf die Bevölkerung mindern. Bestenfalls können wir so für mehr Widerstandsfähigkeit sorgen.
Wie sieht denn eine tatsächlich wirksame Vorbereitung auf ein solches Extremereignis aus?
Wir müssen bei der Anpassung unterstützen und die Resilienz der Menschen stärken. Wenn Klimagefahren das Bleiben unmöglich machen, müssen Menschen bei ihrer Flucht unterstützt werden.
Ein positives Beispiel, von dem ich berichten kann, stammt aus Somalia: Wir haben dort unser Informationssystem zur Erfassung von Flucht- und Migrationsbewegungen (Displacement Tracking Matrix, DTM) genutzt, um zu schauen, wo Menschen in der Vergangenheit vertrieben wurden, wie viele das jeweils waren und wo sie hingeflüchtet sind.
Wir haben diese historischen Daten mit Prognosedaten zusammengerechnet und konnten so mit hoher Genauigkeit vorhersagen, in welchen Gebieten es nach einer Überschwemmung zu Vertreibungen kommen wird. An diesen Orten haben wir Hilfsgüter wie Boote und Planen bereitgestellt. Derzeit prüfen wir diese Art von vorausschauendem Handeln in Somalia und einigen Nachbarländern. (epd/mig) Aktuell Ausland Interview
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