
Somalia
Gekürzte Hilfen verschärfen Somalias Kampf gegen den Hunger
Dürre, Terror und stark gestiegene Preise treiben Somalia tiefer in die Hungerkrise. Gleichzeitig musste das Welternährungsprogramm seine Nothilfe um 80 Prozent kürzen, weil Geberländer weniger Geld bereitstellen.
Von Bettina Rühl Sonntag, 17.05.2026, 16:59 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 17.05.2026, 16:59 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Sharifo Aden Nur musste mit ihren sieben Kindern fliehen. Der Regen in ihrer Heimat im Süden Somalias blieb über Monate aus; nun sitzt sie vor ihrer Wellblechhütte in einem Flüchtlingslager am Rande der Hauptstadt Mogadischu, wo sie vor gut vier Monaten Zuflucht fand.
Früher sei sie glücklich gewesen, sagt Sharifo Aden. „Was auf unserem Feld wuchs, reichte, um uns zu ernähren.“ Doch dann vertrocknete die Ernte und die Tiere gaben keine Milch mehr – sofern sie überhaupt überlebten. Jetzt bestehe ihr Leben nur noch aus der Suche nach Arbeit und dem Gedanken an Essen.
Dürre, Terror und stark gestiegene Preise
In Somalia sind drei Regenzeiten in Folge ausgefallen. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms WFP sind mittlerweile sechs Millionen Menschen von Hunger bedroht, also fast ein Drittel der Bevölkerung. Davon befinden sich bereits zwei Millionen in einer Notsituation, auf der internationalen Skala zur Ernährungssicherheit (IPC) nur einen Schritt von einer Hungersnot entfernt. Rund 1,9 Millionen Kinder sind akut unterernährt, und Hunderttausenden von ihnen droht die schwerste Form der Unterernährung.
Grund dafür ist neben der schweren Dürre auch der anhaltende Terror der Al-Shabaab-Miliz. Aufgrund der Gewalt können viele Menschen ihre Felder nicht bestellen und müssen fliehen. Meist suchen sie in Mogadischu Schutz.
Hinzu kommt nun auch noch die Preisentwicklung infolge der Krise in Nahost: Laut WFP sind die Lebensmittelpreise in einigen Gebieten Somalias um 70 Prozent gestiegen, die Kraftstoffpreise um 150 Prozent. Die Versorgungswege seien unterbrochen, was die Lieferung von Hilfsgütern innerhalb des Landes erschwere und verteuere, bedauerte der stellvertretende Exekutivdirektor des WFP, Matthew Hollingworth bei einer Pressekonferenz in Genf.
80 Prozent weniger Hilfe
Die Hungernden setzen ihre Hoffnung auf internationale Hilfsorganisationen und die UN – von der somalischen Regierung haben sie nicht viel zu erwarten: Nach dem Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen in den 1990er Jahren ist sie bis heute personell schwach, organisatorisch überlastet und chronisch unterfinanziert.
Aber auch die Vereinten Nationen haben kaum noch etwas zu verteilen. Die USA und viele weitere Geberländer haben ihre Zuwendungen drastisch gekürzt. In Somalia kann das Welternährungsprogramm laut der stellvertretenden Programmleiterin Michèle Kiermeier im Mai nur noch 300.000 Menschen mit Nothilfe unterstützen – ein Rückgang um 80 Prozent, verglichen mit 2024. Im Juni wird die Zahl auf 200.000 weiter sinken.
Weil das Geld immer knapper wurde, musste das WFP schon in den vergangenen Jahren regelmäßig „re-priorisieren“. Im Klartext: Nach immer härteren Kriterien entscheiden, wer von den Hilfsbedürftigen auch tatsächlich Hilfe bekommt. Das sind laut Kiermeier gegenwärtig nur noch fünf Prozent. Oder anders gesagt: 95 Prozent von denen, die dringend Hilfe bräuchten, gehen leer aus, darunter auch Hunderttausende kleine Kinder – ganz einfach, weil das WFP mehr Geld nicht hat.
Nicht helfen zu können, schwer zu ertragen
Der Ernährungsspezialist der Organisation, Faisal Ali Abdi, weiß, was es bedeutet, wenn kleine Kinder dauerhaft unterernährt sind: „Die Entwicklung des Gehirns ist beeinträchtigt, mit Folgen für die kognitive Entwicklung und die spätere schulische Leistung der Kinder.“ Gleichzeitig erhöhe akute Mangelernährung auch das Risiko für Krankheit und Tod, weil das Immunsystem in diesem Zustand stark geschwächt sei.
Faisal Ali ist selbst Vater. Für ihn ist es schwer zu ertragen, wenn er Kindern aufgrund der Finanzierungskrise nicht helfen kann. „Man stellt sich unwillkürlich vor, was man empfinden würde, wenn das eigene Kind in einer solchen Lage wäre. Mich berührt das jedes Mal sehr.“
Ab Juli geht das Geld aus
Wegen der knappen Finanzen musste das WFP auch die Lebensmittelhilfen für schwangere und stillende Mütter einstellen, es sei denn, sie brauchen wegen akuter Unterernährung medizinische Behandlung. „Das wird sich auf das Wachstum des Ungeborenen auswirken, und Komplikationen bei der Geburt werden wahrscheinlicher“, warnt Faisal Ali.
Und die Aussichten sind noch schlechter. „Aktuell sieht es so aus, dass wir ab Juli keine weiteren Gelder zur Verfügung haben, um die bereits sehr, sehr reduzierte Anzahl an Menschen weiter zu unterstützen“, sagt Kiermeier. Was auch bedeutet: Den fast zwei Millionen Menschen, die schon jetzt am Rande einer Hungersnot stehen, ist dann nicht mehr zu helfen, jedenfalls nicht von den Vereinten Nationen. (epd/mig) Aktuell Ausland
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