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Roman Lietz © privat, Zeichnung: MiG

Critical Cultural Literacy

Pädagogik der Unterdrückten

Dritte Klasse. Musikunterricht. Es ertönt Peer Gynt – koloniale Bilder: exotisierte Frauen und weiße Welteroberer. Kulturelle Bildung gelingt erst, wenn Kinder solche Werke nicht nur hören, sondern auch kritisch lesen lernen.

Von Sonntag, 17.05.2026, 17:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 17.05.2026, 17:33 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Musikunterricht: Dritte Klasse irgendwo in Deutschland. Seit ein paar Wochen befasst sich die Klasse mit Peer Gynt. Sicher, dem Norweger Edvard Grieg ist hier eine meisterliche musikalische Interpretation von Henrik Ibsens Epos gelungen. Die Morgenstimmung ist vielen im Ohr, und warum nicht schon Kindern etwas zutrauen. Auch Grundschüler:innen können klassische Musik auf Ihre Art verstehen. Hier werden sie dabei von der Lehrkraft unterstützt. Zum Beispiel beschreibe sie mit Farben die Gefühle, die die dumpfen Fagott- und die hellen Klarinetten-Töne bei ihnen auslösen.

Der Plan der Lehrkraft ist naheliegend: Nicht alle Kinder haben von zuhause aus Kontakt zu klassischer Musik und Literatur, auch nicht in Deutschland, wo Bildungserfolg wie in fast keinem anderen OECD-Land von der Förderung durch das Elternhaus abhängt. Dem Niedersächsischen Institut für Frühkindliche Bildung zufolge lesen 32 Prozent der Eltern ihren Kindern so gut wie nie etwas vor. 68 Prozent der Kinder von 1 bis 6 Jahren haben maximal zehn Bücher. Hier, im Musikunterricht der dritten Klasse, werden die Kinder unterstützt, einen Zugang zu Kultur und ihren Erzeugnissen zu bekommen: Das ist Cultural Literacy, die Lesefähigkeit von Kultur. Nur zur Vollständigkeit: Cultural Literacy beschränkt sich nicht auf vermeintlich „hochkulturelle Kunstformen“ (Goethe, Gauguin, Grieg…). Zurück in die Schule: Noch Tage später hört man die Kinder auf dem Schulhof „In der Halle des Bergkönigs“ trällern, ein echter Ohrwurm: Im Hinblick auf Cultural Literacy, das muss gesagt sein, liefert die Peer-Gynt-Unterrichtseinheit.

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Doch was ist das für eine Handlung? Ein achtjähriges Mädchen aus der Klasse erzählt mir, was Peer Gynt auf seiner Reise widerfährt: „Zuerst tanzen die arabischen Mädchen für ihn, dann sucht er sich Anitra aus, und dann tanzt nochmal Anitra alleine für ihn.“ Wie bitte?

Für alle, die ihre alte Reclam-Ausgabe nicht aus dem Keller holen möchten, hier zur Erinnerung: Peer Gynt ist ein norwegischer Tagedieb. Er entführt eine Braut, lässt sie nach einer Nacht aber sitzen, flüchtet sich auf eine Weltreise, verdingt sich mit dem Handel von Pelzen, Gold und Sklaven. In Marokko tanzen arabische Frauen für ihn und er erliegt dem Reiz der Prinzessin Anitra, die – verschlagen wie ihre „orientalische Verführungskunst“ ist – ihn wiederum ausraubt. Eins wird klar: Um Peer Gynt einordnen zu können gehört zur Cultural Literacy (kulturellen Lesefähigkeit) unbedingt auch eine kritische Komponente: Critical Cultural Literacy.

„Fragen von Sexismus, Eurozentrismus, weißer Norm, Rassismus, Klassismus und Kapitalismus wurden nicht reflektiert.“

Diese ermöglicht es, kulturelle Erzeugnisse auch unter der Perspektive von Macht zu lesen. Im vorliegenden Unterricht der dritten Klasse kam das wohl etwas zu kurz. Die Drittklässler:innen wurden für klassische Musik interessiert; check. Sie können Holz- von Blechbläsern unterscheiden; check. Sie haben sogar mich dazu gebracht, die ganze Suite anzuhören; check. Aber sich aufdrängende Fragen von Sexismus, Eurozentrismus, weißer Norm, Rassismus, Klassismus und Kapitalismus wurden nicht reflektiert. Damit ist eine Chance vertan: Diese für manche erste Erfahrung mit klassischer Musik verkommt auf der inhaltlichen Ebene zu einer Reproduktion von kolonialen Stereotypen und erzählt unkritisch von einem narzisstischen, weißen Welteroberer. Peer Gynt bleibt dazu in der Aufarbeitung das einzige Identifikationsangebot, für den Frauen und „Fremde“ (und vor allem „fremde Frauen“) zu Objekten werden.

Dabei liegen gerade im Musik- und Kunstunterricht große Potenziale, nur leider werden genau diese Fächer im Stundenplan randständig betrachtet und zu oft den institutionellen Zwängen der Schule unterworfen. Doch es gibt auch gute Nachrichten: An manchen Orten bewegt sich etwas in der Kunstpädagogik. Ein Beispiel ist das EU-Projekt Expect_Art. Dieses erprobt gleich in sechs europäischen Ländern einen anderen Weg und neue Ideen für die Kunstpädagogik.

„Wie werden Kinder mit Ausgrenzungserfahrungen erreicht?“

Als Praxispartnerinnen beteiligt sind unter anderem zwei Schulen in Süddeutschland, die mit dem Programmkino Kinemathek Karlsruhe und der Rheinland-Pfälzisch Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) kooperieren. Die Pädagog:innen des Kinos übernehmen über mehrere Monate immer wieder den Unterricht. Sie gestalten diesen offen und machtsensibel und bringen Impulse von außerhalb der Schule mit. Alles dreht sich um das Thema Film: Die Kinder können selbst entscheiden, wie sie sich mit dem gewählten Thema auseinandersetzen, sei es durch das gemeinsame Auswählen, Anschauen und Diskutieren von Filmen, das Erlernen von Filmperspektiven und –techniken oder den Dreh eines eigenen kleinen (Musik-)Videoclips.

Gleichzeitig muss sich die Schule den Fragen nach Institution und Hierarchie stellen: Warum – zum Beispiel – gibt es in Musik und Kunst Noten? Wie gelingt es, nicht den Output in den Mittelpunkt zu stellen, sondern den Entstehungsprozess, der auch zu einem kreativen, nicht vorhergesehenen Ergebnis führen kann? Welche kulturellen Erfahrungen und Kompetenzen bringen die Kinder schon mit? Und wie werden insbesondere Kinder mit Ausgrenzungserfahrungen erreicht?

Potenziale für die kritische kulturelle Lesefähigkeit werden vor allem dann ausgeschöpft, wenn die Lernorte auch außerhalb der Schule stattfinden, beispielsweise im Kino oder im städtischen Alltag. Ohnehin zeigen die Kids vor allem dann Interesse an Kunst und Kultur, wenn sich diese am Alltag der Schülerinnen orientiert. Über die Kunst und Musik und die Autonomie ihrer Entscheidungen finden Schülerinnen eine „Sprache“, um über ihre Lebenswelten zu reflektieren und ihre eigene Wirksamkeit zu erfahren.

„Eine Schule, in der Schüler:innen und Lehrkräfte auf Augenhöhe und kritisch gegenüber Sexismus, Klassismus, weißer Norm und Kapitalismus handeln.“

Die De-Hierarchisierung des Unterrichts muss nicht auf den Kunst- und Musikunterricht beschränkt bleiben, sondern kann auch im Sinne des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire zu einer grundsätzlichen Haltung des Schulbetriebs werden. Unter dem Eindruck der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) entwickelte er die Pädagogik der Unterdrückten (Pedagogia do oprimido / Pedagogy of the Oppressed), die den gesamten Bildungsprozess als „Akt radikaler Demokratie“ sieht und eine Schule fordert, in der Schüler:innen und Lehrkräfte auf Augenhöhe und kritisch gegenüber Sexismus, Klassismus, weißer Norm und Kapitalismus handeln.

Was heißt das für die Dritte Klasse: Sie könnte sich (vermehrt) nicht-eurozentrischen Perspektiven widmen, allerdings ohne das „Fremde“ zu othern, zu exotisieren und zu kulturalisieren. Sie könnte sich am Alltag der Schüler:innen orientieren und vor allem auch die Lebenswelten marginalisierter Kinder (z. B. von Fremdenfeindlichkeit, Klassismus und Ableismus betroffener) einbeziehen. Bei Themen und Methoden könnten die Kinder mitbestimmen. Sie könnte mit externen, nicht-schulischen Kunst- und Kultureinrichtungen kooperieren. Im Zentrum sollte nicht das Lernergebnis und der vergleich- und bewertbare Output stehen, sondern der Entwicklungsprozess und die Vielfalt an künstlerischen Verwirklichungen. Und tradierte Geschichten – wie Peer Gynt – sollten mit den Kindern in ihrer Sprache kritisch reflektiert werden. Dann steckt in Griegs musikalischem Opus neben der Morgenstimmung auch eine Aufbruchstimmung. Meinung

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