
Bildungsmonitor 2026
Hessen liegt bei Integration vorn – Bayern auf Rang zehn
Gute Schulleistungen bedeuten nicht automatisch gleiche Chancen: Der Bildungsmonitor sieht Hessen im Handlungsfeld Integration auf Platz eins. Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg schneiden deutlich schlechter ab. Bundesweit zeigt die Entwicklung seit Jahren nach unten.
Montag, 14.09.2026, 18:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 14.09.2026, 18:23 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Wie gut es den Bundesländern gelingt, soziale und migrationsbezogene Bildungsnachteile auszugleichen, unterscheidet sich deutlich. Im Vergleich liegt Hessen vorn, gefolgt von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Auffällig ist, dass einige ansonsten bildungspolitisch starke Länder deutlich schlechter abschneiden: Bayern kommt im Handlungsfeld Integration lediglich auf Rang zehn, Baden-Württemberg auf Platz 13 und Hamburg auf Platz 14. Sachsen-Anhalt und Thüringen teilen sich den letzten Platz, Nordrhein-Westfalen liegt auf Rang sieben.
Das zeigt der neue Bildungsmonitor 2026, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt hat. Die Studie bewertet die Bildungssysteme der Länder in 13 Bereichen und nimmt dabei ausdrücklich eine bildungsökonomische Perspektive ein. Untersucht werden unter anderem Schulqualität, Bildungsarmut, Förderangebote und Bildungschancen.
Ranking misst mehr als Migration
Das Handlungsfeld „Integration“ ist allerdings kein reines Ranking für die schulische Integration von Kindern mit Einwanderungsgeschichte. Es untersucht vielmehr, wie stark Kompetenzen und Bildungsabschlüsse mit der Herkunft zusammenhängen. Dazu zählen sowohl der soziale Hintergrund – etwa Einkommen, Beruf und Bildungsstand der Eltern – als auch migrationsbezogene Faktoren.
Fünf Kennzahlen fließen in die Bewertung ein. Drei betreffen ausländische Schülerinnen und Schüler: ihren Anteil unter den Schulabgängern ohne Abschluss sowie ihre Studienberechtigtenquoten an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Zwei weitere Indikatoren messen anhand von Mathematikleistungen der neunten Klassen, wie stark der Bildungserfolg insgesamt vom sozialen Hintergrund abhängt.
Dabei ist „ausländisch“ nicht mit „Einwanderungsgeschichte“ gleichzusetzen. Eingebürgerte Schülerinnen und Schüler werden bei diesen drei Kennzahlen nicht als ausländisch erfasst. Das Ranking bildet deshalb nur einen Teil migrationsbezogener Bildungsunterschiede ab.
Hessen mit niedrigstem Anteil ohne Schulabschluss
Hessens Spitzenposition beruht vor allem auf vergleichsweise guten Abschlussquoten. 12,6 Prozent der ausländischen Schulabgängerinnen und Schulabgänger verließen 2024 die Schule ohne Abschluss. Das war der niedrigste Wert aller Bundesländer. Im Bundesdurchschnitt lag die Quote bei 20 Prozent.
Auch bei höheren Bildungsabschlüssen schneidet Hessen gut ab. 9,6 Prozent der ausländischen Jugendlichen erwarben an berufsbildenden Schulen eine Studienberechtigung, bundesweit waren es 6,2 Prozent. An allgemeinbildenden Schulen lag Hessen mit 8,2 Prozent ebenfalls leicht über dem Durchschnitt. Zudem ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nach den ausgewerteten IQB-Daten geringer als in vielen anderen Ländern.
Auffällig ist zugleich die vergleichsweise gut ausgebaute Förderinfrastruktur in Hessen. Mehr als die Hälfte der Grundschulkinder wird ganztägig betreut, in der Sekundarstufe I sind es gut 80 Prozent. Auch bei Drei- bis Sechsjährigen liegt die Ganztagsquote über dem Bundesdurchschnitt. Einen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen diesen Angeboten und dem guten Abschneiden im Integrationsranking weist die Studie allerdings nicht nach.
Gute Schulleistungen bedeuten nicht automatisch gleiche Chancen
Der Ländervergleich offenbart damit einen bemerkenswerten Gegensatz. Sachsen und Bayern schneiden im Bildungsmonitor insgesamt am besten ab, Hamburg folgt in der Spitzengruppe. Hessen liegt in der Gesamtwertung dagegen nur auf Rang sieben. Beim Handlungsfeld Integration dreht sich das Bild teilweise um: Hessen belegt laut Gutachten Platz eins, Hamburg Platz 14. Bayern kommt nach den ausgewiesenen Punktwerten lediglich auf Rang zehn.
Damit können hohe durchschnittliche Schülerleistungen mit vergleichsweise großen Herkunftsunterschieden einhergehen. Oder umgekehrt: Ein Land kann insgesamt nur mittelmäßig abschneiden und gleichzeitig soziale und migrationsbezogene Nachteile vergleichsweise gut abfedern.
Die Autoren kommen grundsätzlich zu dem Befund, der Bildungserfolg sei in Deutschland „besonders eng mit dem sozioökonomischen Hintergrund eines Kindes verbunden“.
Sachsen-Anhalt und Thüringen am Ende
Besonders groß sind die Probleme in Sachsen-Anhalt. Dort verließen 41,7 Prozent der ausländischen Schulabgänger die Schule ohne Abschluss – mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Nur 3,6 Prozent der ausländischen Jugendlichen erwarben an allgemeinbildenden Schulen eine Studienberechtigung. Auch das ist der schlechteste Wert aller Länder. An beruflichen Schulen lag die Quote bei 4,2 Prozent.
In Thüringen verließen 35,7 Prozent der ausländischen Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss. Das ist der zweitschlechteste Wert. Die Studienberechtigtenquoten lagen mit 6,6 Prozent an allgemeinbildenden und 2,9 Prozent an beruflichen Schulen ebenfalls deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.
Die Autoren weisen bei beiden Ländern allerdings auf einen wichtigen Unterschied in der Zusammensetzung der Schülerschaft hin. Unter den ausländischen Schülerinnen und Schülern befänden sich vergleichsweise viele, die selbst erst im Jugendalter nach Deutschland gekommen seien. Sie konnten demnach nicht von frühkindlicher Förderung und einem vollständigen Bildungsverlauf in Deutschland profitieren.
Der Vergleich lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres als Rangliste guter oder schlechter Landespolitik lesen.
Bundesweiter Rückschritt seit 2013
Unabhängig von den Länderunterschieden zeichnet der Bildungsmonitor für Deutschland insgesamt eine negative Entwicklung. Im Handlungsfeld Integration sank der Bewertungswert von 58,2 Punkten im Jahr 2013 auf 33,1 Punkte im Jahr 2026. Der Rückgang um 25,1 Punkte gehört neben Schulqualität und Bildungsarmut zu den größten Verschlechterungen im Bildungsmonitor.
Besonders sichtbar wird die Entwicklung bei ausländischen Jugendlichen ohne Schulabschluss. Ihr Anteil war zwischen 2000 und 2013 von gut 20 auf knapp elf Prozent gesunken. Danach kehrte sich der Trend um. 2019 lag die Quote bereits bei 17,6 Prozent, inzwischen wieder bei 20 Prozent.
„Insgesamt bleibt im Handlungsfeld Integration noch erhebliches Verbesserungspotenzial bestehen“, heißt es in dem Gutachten.
Unterschiede beginnen bereits vor der Schule
Die Ursachen liegen nach den ausgewerteten Studien nicht erst in der Schule. Kinder mit Einwanderungsgeschichte nehmen deutlich seltener frühkindliche Bildungsangebote in Anspruch.
2024 besuchten 44,5 Prozent der Kinder unter drei Jahren ohne Migrationshintergrund eine Kindertageseinrichtung. Bei Kindern mit Migrationshintergrund waren es lediglich 22,3 Prozent. Bei den Drei- bis Sechsjährigen betrugen die entsprechenden Quoten 99,3 und 76,8 Prozent. Zugleich weist das Gutachten darauf hin, dass zugewanderte Familien teilweise länger auf einen Betreuungsplatz warten müssen.
Gerade für Kinder, die zu Hause wenig Deutsch sprechen, können frühkindliche Angebote nach Einschätzung der Autoren eine wichtige Rolle beim Spracherwerb und beim späteren Bildungserfolg spielen.
Die Bedeutung dieses Punktes wächst. Nach den im Gutachten angeführten PISA-Daten stieg der Anteil der 15-Jährigen mit Migrationshintergrund zwischen 2012 und 2022 von 25,8 auf 38,7 Prozent. Der Anteil der Jugendlichen, die selbst zugewandert waren, erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 3,7 auf 9,2 Prozent. Unter Vorschulkindern spricht inzwischen etwa jedes vierte zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch.
Migration und soziale Benachteiligung überlagern sich
Die Studie warnt indirekt vor einfachen Erklärungen, wonach ein Migrationshintergrund für sich genommen schlechtere Bildungsergebnisse verursache. Sozialer Status und Einwanderungsgeschichte hängen häufig eng zusammen.
Nach den im Bildungsmonitor ausgewerteten Daten sind 54 Prozent der Kinder mit Einwanderungsgeschichte von mindestens einer sozialen Risikolage betroffen, etwa Armutsgefährdung, Bildungsferne oder Erwerbslosigkeit der Eltern. Damit sind sie rund viermal häufiger betroffen als Kinder ohne Einwanderungsgeschichte.
Auch der Zugang zum Gymnasium unterscheidet sich. Im Durchschnitt besuchen 35,9 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund ein Gymnasium, bei Kindern ohne Migrationshintergrund sind es 42,8 Prozent. Gleichzeitig verweist das Gutachten darauf, dass Familien mit Einwanderungsgeschichte häufig hohe Bildungsambitionen für ihre Kinder haben.
Deutlich größer als der Unterschied nach Migrationshintergrund fällt allerdings der Einfluss der sozialen Herkunft aus. Haben beide Elternteile kein Abitur, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs laut der im Gutachten zitierten Untersuchung bei 25,3 Prozent. Haben beide Abitur, sind es 72,6 Prozent.
Sprache als wichtiger Faktor
Eine eigene Auswertung von PISA-Daten im Bildungsmonitor zeigt zudem einen deutlichen Zusammenhang zwischen der im Haushalt gesprochenen Sprache und den Leistungen. Wird zu Hause Deutsch gesprochen, fallen die Ergebnisse in Lesen und Mathematik auch unter Berücksichtigung verschiedener anderer Merkmale statistisch deutlich höher aus. Zugleich haben etwa der berufliche Status der Eltern und die Zahl der Bücher im Haushalt einen starken Einfluss.
Die Autoren verweisen auf frühere IW-Berechnungen, wonach weniger der Migrationshintergrund selbst als Deutschkenntnisse beziehungsweise die Verwendung des Deutschen im Elternhaus für den Bildungserfolg relevant seien. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Mehrsprachigkeit an sich ein Bildungsnachteil wäre. Die Daten zeigen einen Zusammenhang mit Deutschkenntnissen, nicht einen negativen Effekt anderer Familiensprachen.
Früh fördern statt dauerhaft trennen
Als zentrale Maßnahmen empfiehlt der Bildungsmonitor frühe Sprachdiagnostik und Sprachförderung, zusätzliche Ressourcen für Schulen in sozial belasteten Lagen, mehr Ganztagsangebote, multiprofessionelle Teams und Mentoringprogramme. Außerdem sollten Lernstände systematischer erhoben und Förderangebote stärker an den tatsächlichen Bedarfen ausgerichtet werden.
Für neu zugewanderte und geflüchtete Kinder sprechen sich die Autoren für einen möglichst frühen Übergang in Regelklassen aus. Vorbereitungsklassen könnten vorübergehend einen „sozialen Schutzraum“ bieten, sollten aber nicht zu einer langfristigen Trennung führen. Zusätzliche Sprach- und Unterstützungsangebote seien weiterhin notwendig.
Der Bildungsmonitor legt damit nahe, die Debatte über schulische Integration weniger auf Migration als solche zu verengen. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen sozialen Bedingungen Kinder aufwachsen, wie früh sie Zugang zu Bildung und Sprachförderung erhalten und wie gut Schulen bestehende Nachteile ausgleichen können. (mig) Leitartikel Panorama
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