Tobias Gehring, Soziolog, Flucht, Flüchtlinge, Afrika, Migazin
Tobias Gehring © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Transkulturalität

Ein Kulturkonzept für unsere Zeit

Unser Land, unsere Kultur? In globalisierten Migrationsgesellschaften lohnt sich eine andere Perspektive. Zum 80. Geburtstag von Wolfgang Welsch lohnt ein Blick auf seine Idee der Transkulturalität.

Von Donnerstag, 15.10.2026, 12:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 15.10.2026, 10:59 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

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Wenn wir an Kulturen denken, denken wir oft auch an Länder: hier die deutsche, da die französische, und dort dann noch die indische, die mexikanische, die äthiopische Kultur und so weiter. Scheinbar ganz selbstverständlich werden Kulturen in nationale Schubladen eingeordnet: voneinander trennscharf abgegrenzt, in sich als gemeinsame Kultur der jeweiligen Nation homogen.

Zugleich aber leben wir in einer Welt, in der aufgrund von Globalisierung und Migration Menschen und Kulturerzeugnisse in zunehmendem Maße Ländergrenzen überschreiten. Längst ist es normal, außer Deutsch noch weitere Sprachen zu sprechen. Wenn man heute Spaghetti Bolognese, morgen Elsässer Flammkuchen und übermorgen Szegediner Gulasch essen will, muss man nur in den Supermarkt gehen. Und wer hierzulande gerne Taylor Swift hört, Die Simpsons sieht, Basketball spielt und Jonathan Franzen liest, ist meist doch kein:e amerikanische:r Migrant:in.

Da stellt sich die Frage: Ist eine klare Unterscheidung distinkter nationaler Kulturen eigentlich heutzutage noch angemessen? Oder kann und sollte vielleicht ganz anders über Kultur und Kulturen gedacht werden?

Ich sehe was, was du nicht siehst

Einen Vorschlag, wie man ebendies tun kann, liefert das Konzept der Transkulturalität von Wolfgang Welsch, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert. Das Konzept bestreitet keinesfalls die Existenz kultureller Unterschiede zwischen Nationen. Doch wo das nationalkulturelle Modell sich im allzu trivialen „andere Länder, andere Sitten“ erschöpft, lenkt Transkulturalität unsere Aufmerksamkeit auf drei weitere wichtige Phänomene, die sonst oft unsichtbar bleiben.

Erstens stehen den nationalkulturellen Differenzen länderübergreifende kulturelle Gemeinsamkeiten gegenüber, sodass, wie Welsch argumentiert, „die Trennschärfe zwischen Eigen- und Fremdkultur zunehmend schwindet“: Weltreligionen wie das Christentum und der Islam, Weltsprachen wie Englisch und Spanisch und viele weitere Kulturerzeugnisse vom Fußball bis zum metrischen System lassen sich längst nicht mehr in einer bestimmten Nationalkultur verorten.

Zweitens existieren kulturelle Differenzen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Nationen. „Kulturen“, so Welsch, „sind in sich vielfältig“: Vielsprachige Länder wie die Schweiz, Belgien, Indien und Nigeria widerlegen die Annahme, dass es stets eine gemeinsame Landessprache gebe. Und in Zeiten technischen Wandels können kulturelle Differenzen selbst innerhalb einer Familie groß sein: Oma kann Sütterlin schreiben, der Enkel hat ChatGPT auf dem Smartphone.

Drittens schließlich macht das Transkulturalitätskonzept darauf aufmerksam, dass kulturelle Vielfalt sogar auf individueller Ebene verbreitet ist – auch bei Menschen ohne Migrationshintergrund: „Die meisten von uns sind in ihrer kulturellen Formation durch mehrere kulturelle Herkünfte und Verbindungen bestimmt.“ Mehrsprachig ist nicht nur der zweisprachig aufgewachsene Deutsche mit türkischer Familiengeschichte, sondern auch die Wissenschaftlerin ohne Einwanderungsgeschichte, die auf Englisch publiziert und lehrt. Und man muss keine indischen Vorfahren haben, um gerne Basmatireis zu essen und Darjeeling-Tee zu trinken.

Vielfalt als Normalität statt als Störfall

Mit dieser dreifachen Perspektiverweiterung hat das Modell der Transkulturalität zunächst eine konzeptuelle Stärke: Es befähigt zu einem komplexeren, vielschichtigeren und zeitgemäßeren Denken über Kultur und Kulturen in der Welt des 21. Jahrhunderts. Hinzu kommen für Migrationsgesellschaften wie die deutsche gewichtige soziale und politische Implikationen: Kulturelle Vielfalt und Vermischung, die das nationalkulturelle Modell oft als nicht vorgesehenen Sonder- oder Störfall einstuft, sind aus transkultureller Perspektive allgegenwärtige Normalität.

Das ist keine rosarote Brille. Explizit schreibt Welsch: „Die Transkulturalisierung hat also nicht nur schöne Seiten, sondern auch hässliche und erschreckende.“ Historische Gewalt- und Machtverhältnisse, die der Ausbreitung von Weltsprachen und -religionen zugrunde lagen, zählen dazu ebenso wie manche gegenwärtige Problemlagen des Zusammenlebens in heterogenen Gesellschaften. Doch der entscheidende Unterschied ist: Mit dem Transkulturalitätskonzept lassen sich diese konkret und sachlich benennen, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sprich, ohne kulturelle Diversität per se als problematisch zu werten, weil sie das bei näherer Betrachtung längst illusionär gewordene Bild einer distinkten, homogenen Nationalkultur stört.

Hoher Wert trotz Schwachpunkten

Dass bei alledem das Konzept der Transkulturalität auch Schwachpunkte hat, sei unbenommen. So fordert es einerseits dazu auf, die gängige Assoziation von Kultur und Nation zu überwinden. Andererseits greift es selbst darauf zurück, wenn etwa die kulturelle Vielfalt auf individueller Ebene damit begründet wird, dass Menschen in ihrer Lebenspraxis eine breite – nämlich: internationale – Palette an Kulturerzeugnissen verbinden. Und die inhaltliche Kritik am nationalkulturellen Modell untergewichtet dessen gleichwohl vorhandene Wirkungsmacht als Diskurs: Es kann die Dinge, von denen es spricht, in bester foucaultscher Manier auch hervorbringen, z.B. durch die tatsächliche Etablierung landesweiter Standardsprachen wie in Deutschland oder Frankreich.

Dennoch: Mit dem Konzept der Transkulturalität hat Wolfgang Welsch eine intellektuell anregende und politisch fruchtbare Alternative zum Modell nationaler Kulturen entwickelt. Ihr besonderer Wert besteht darin, ein begründetes Hinterfragen des so oft Unhinterfragten möglich zu machen. (mig) Meinung

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