Österreich, Wien, Kopftuchverbot, Schüler, Rassismus, Schule, Bildung
Protest in Wien/Österreich gegen ein Kopftuchverbot an Schulen © Joe Klamar/AFP

Landesweite Proteste

Kopftuchverbot in Österreich: Mädchen verweigern Gehorsam

Dutzende Schülerinnen in Österreich weigern sich, das neue Kopftuchverbot für unter 14-Jährige zu befolgen. Die Behörden melden 52 mutmaßliche Verstöße, landesweit wird demonstriert. Die Regierung sieht im Verbot einen Schutz, Kritiker einen Eingriff in die Religionsfreiheit.

Von Femke Colborne, Elena Crisan Donnerstag, 15.10.2026, 13:44 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 15.10.2026, 11:41 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

___STEADY_PAYWALL___

Das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren sorgt zu Beginn des neuen Schuljahres in Österreich für Proteste. Auf der Straße regt sich Widerstand, und auch in den Schulen gibt es Schwierigkeiten. Dutzende Schülerinnen weigern sich, das Verbot zu befolgen.

Die konservativ geführte österreichische Regierung betont, das am 1. September eingeführte Verbot fördere die Gleichstellung der Geschlechter und schütze muslimische Mädchen vor „Abschottung und Unterdrückung“.

Kritiker halten dagegen, das Gesetz richte sich unverhältnismäßig stark gegen Muslime, verletze die Religionsfreiheit und zwinge junge Mädchen dazu, sich so zu kleiden, dass sie sich unwohl fühlen.

Seit Inkrafttreten des Verbots haben die Schulbehörden in Österreich 127 Gespräche mit Eltern geführt und 52 mutmaßliche Gesetzesverstöße gemeldet. Das geht aus Angaben des Bildungsministeriums hervor.

Auch auf der Straße formiert sich Widerstand. Bei Protestkundgebungen gegen das Verbot kamen landesweit jeweils mehrere Hundert Menschen zusammen.

„Ein Teil von mir“

Bei einer Demonstration in Wien berichtet die 37-jährige Zehra, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, ihre neun und 13 Jahre alten Töchter seien wegen des Verbots „traurig und wütend“.

„Wir erziehen unsere Kinder mit der Botschaft: Ihr könnt selbst entscheiden, wer ihr sein wollt. Und dieses Gesetz steht für das genaue Gegenteil“, sagt sie.

Die zwölfjährige Seham erzählt, sie habe „Angst“ gehabt, ihr Kopftuch in der Schule abzulegen. „Ich hatte es zwei Jahre lang getragen, und es fühlte sich an wie ein Teil von mir.“

Nach Gesprächen mit der Schulleitung dürfe sie ihre Haare inzwischen mit einer anderen, nicht traditionellen Kopfbedeckung bedecken. Sie würde aber „lieber ein vollständiges Kopftuch tragen“.

Laut staatlicher Statistik von 2021 sind rund acht Prozent der neun Millionen Einwohner Österreichs muslimisch. Ein Bericht der EU-Grundrechteagentur FRA aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass Musliminnen und Muslime in Österreich im EU-Vergleich besonders häufig von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind.

Bei der Parlamentswahl 2024 wurde die weit rechts stehende Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) erstmals stärkste Kraft, konnte jedoch keine Regierung bilden. In Umfragen liegt die einwanderungsfeindliche Partei weiterhin vorn.

Das neue Gesetz ist bereits der zweite Versuch Österreichs, das Tragen von Kopftüchern an Schulen einzuschränken. 2019 hatte eine Koalition aus Konservativen und FPÖ ein Kopftuchverbot für Volksschülerinnen eingeführt.

Der Verfassungsgerichtshof hob das Gesetz jedoch wieder auf. Eine Regelung, die ausschließlich Muslime betreffe, sei mit der religiösen Neutralität des Staates nicht vereinbar, urteilten die Richter.

„Unter Druck“

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), die rechtliche Schritte gegen das neue Kopftuchverbot unterstützt, berichtet von rund 70 Meldungen betroffener Familien über Schwierigkeiten bei der Umsetzung.

„Ein Gesetz, das mit dem Schutz des Kindeswohls begründet wurde, setzt ausgerechnet diese Kinder in der Schule unter Druck“, erklärte die Glaubensgemeinschaft.

Der Verfassungsgerichtshof bestätigte AFP, dass eine Beschwerde gegen das Gesetz eingegangen sei. Mit einer Entscheidung wird in der ersten Jahreshälfte 2027 gerechnet.

Weigern sich Mädchen, das Verbot einzuhalten, müssen die Schulen zunächst mehrere Gespräche mit den Schülerinnen und ihren Eltern führen, bevor sie die Fälle an die Schulbehörden weitergeben. Eltern, die das Verbot weiterhin missachten, können schließlich mit einer Geldstrafe belegt werden.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr wertet die bisherige Bilanz hingegen positiv. Dass bislang nur 127 Elterngespräche stattgefunden hätten, zeige, „dass die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Eltern kooperativ ist“, erklärte er gegenüber AFP.

Die Zahlen belegten außerdem, „dass die Gespräche mit den betroffenen Eltern bei Verstößen größtenteils erfolgreich sind“, fügte der Minister hinzu.

Von den Wiener Schulbehörden kommen allerdings andere Eindrücke. „Aufgrund der bisher geführten Gespräche hat sich der Eindruck ergeben, dass die Mädchen das Kopftuch aus eigenem Antrieb tragen möchten“, teilten sie mit.

Die zwölfjährige Sandy etwa trägt seit rund einem Jahr Kopftuch. „Meine Religion ist mir sehr wichtig, und ich möchte sie auch leben können“, erklärt sie.

Auch eine Lehrkraft, die in Wien mit zwei betroffenen Mädchen gearbeitet hat, sieht keine Anzeichen dafür, dass diese zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen würden.

Die beiden Schülerinnen hätten sich wochenlang auf die neuen Regeln eingestellt und nach erlaubten Alternativen zum Kopftuch gesucht, berichtet die Lehrkraft, die anonym bleiben möchte.

„Das ist für sie sehr unangenehm.“ (afp/mig)*

*Dieser Beitrag wurde für MiGAZIN aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Aktuell Ausland
Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)