
Demokratie-Monitor
Niedersachsen rückt politisch weiter nach rechts
Die Demokratie genießt in Niedersachsen weiterhin breite Zustimmung. Doch dahinter zeigen sich deutliche Risse: Ethnozentristische, rechtsextreme und antisemitische Einstellungen nehmen zu, die politische Mitte verliert an Bindekraft. Besonders auffällig sind Ressentiments gegenüber Geflüchteten, Migranten und Muslimen.
Donnerstag, 27.08.2026, 11:02 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 27.08.2026, 11:02 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
In Niedersachsen wächst die Distanz zu politischen Akteuren und demokratischen Verfahren – und zugleich verschiebt sich ein Teil der Bevölkerung politisch nach rechts. Der neue Niedersächsische Demokratie-Monitor zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die sich zwar mit großer Mehrheit grundsätzlich zur Demokratie bekennt, zugleich aber in beträchtlichem Umfang für autoritäre Vorstellungen und die Abwertung von Minderheiten empfänglich ist.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Einstellungen zu Migration und gesellschaftlicher Vielfalt. Nach dem von den Forschenden gebildeten Index vertreten 29 Prozent der Befragten ethnozentristische Positionen – zwei Prozentpunkte mehr als 2023. Darunter verstehen die Autoren Einstellungen, die das eigene Land und die eigene nationale Gruppe aufwerten und mit Abgrenzung gegenüber Geflüchteten, Menschen mit Migrationsgeschichte oder muslimischen Menschen verbunden sind.
Jeder Vierte äußert Ressentiments gegen Zugewanderte und Muslime
So stimmten 26 Prozent der Befragten der Aussage zu, Deutschland sei durch die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer „in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Ebenfalls 26 Prozent erklärten, sie fühlten sich wegen der vielen Muslime manchmal wie Fremde im eigenen Land. 27 Prozent sprachen sich dagegen aus, weitere Geflüchtete aufzunehmen.
Die Forschenden halten fest, ethnozentristische Einstellungen seien damit „sehr viel weiter verbreitet“ als offen neo-nationalsozialistische Positionen. Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach einem stärkeren deutschen Nationalgefühl: Die Hälfte der Befragten stimmt dem ausdrücklich zu, weitere 22 Prozent antworteten mit „teils/teils“.
Migration kein Top-Thema mehr
Bemerkenswert ist dabei ein scheinbarer Widerspruch: Migration beschäftigt die Menschen deutlich weniger als noch vor zwei Jahren. 2023 nannten noch 41 Prozent Zuwanderung und Flucht als eines der wichtigsten politischen Probleme. 2025 waren es nur noch 17 Prozent. Wirtschaftliche und soziale Sorgen sowie Kriege und Außenpolitik haben das Thema in der Problemwahrnehmung zurückgedrängt. Die ablehnenden Einstellungen gegenüber Zugewanderten und Minderheiten sind damit jedoch nicht verschwunden.
Auch der zusammenfassende Rechtsextremismus-Index ist leicht gestiegen. Sieben Prozent der Befragten überschreiten nach der Berechnung der Forschenden die Schwelle zu rechtsextremen Einstellungen, 2023 waren es sechs Prozent. Der Wert liegt damit nach Angaben der Autoren über dem zuletzt bundesweit gemessenen Niveau, aber deutlich unter den Ergebnissen etwa aus Thüringen.
Auch bei antisemitischen Einstellungen registriert die Studie einen Anstieg. Besonders verbreitet ist die Abwehr der Erinnerung an die NS-Verbrechen: 31 Prozent erklärten, sie seien es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an Jüdinnen und Juden zu hören. Zwei Jahre zuvor waren es 28 Prozent.
93 Prozent für Demokratie – aber nur 40 Prozent lehnen autoritäre Alternativen ab
Wie tief die Widersprüche reichen, zeigt der Blick auf das Demokratieverständnis. 93 Prozent halten die Demokratie grundsätzlich für das politische System, das am besten zur Gesellschaft passt. Werden jedoch autoritäre Alternativen abgefragt, verändert sich das Bild deutlich.
Mehr als die Hälfte – 52 Prozent – zeigte sich offen für die Vorstellung einer einzigen starken Partei, die den Willen des Volkes verkörpere. 30 Prozent konnten sich politische Entscheidungen durch eine starke Führungspersönlichkeit ohne Rücksicht auf das Parlament vorstellen.
Die Forschenden verbinden die Antworten zu einer Typologie. Demnach zählen nur 40 Prozent zu denjenigen, die die Demokratie bejahen und zugleich sämtliche abgefragten undemokratischen Alternativen ablehnen. 53 Prozent werden als „fragile Demokratinnen und Demokraten“ eingestuft: Sie bekennen sich grundsätzlich zur Demokratie, akzeptieren aber mindestens eine der autoritären Alternativen. Sieben Prozent werden als antidemokratisch eingeordnet.
Im Vergleich mit bislang verfügbaren, nach demselben Verfahren erhobenen Daten aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland weist Niedersachsen damit den höchsten Anteil sogenannter fragiler Demokratinnen und Demokraten auf.
Die Autoren sprechen insgesamt von einer „schleichenden Erosion des demokratischen Rückhalts“. „Die Demokratie als Staatsform bleibt in Niedersachsen breit anerkannt. Aber politische Akteure, die politische Mitte und die Mechanismen demokratischer Integration verlieren zunehmend an Bindekraft“, sagte der Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, Simon Franzmann. Darin liege die zentrale Herausforderung für die Demokratie.
Vertrauen in Politiker auf Tiefstand
Das Misstrauen richtet sich dabei weniger gegen staatliche Institutionen als gegen die handelnde Politik. Der Polizei vertrauen 79 Prozent, dem Bundesverfassungsgericht 67 Prozent und dem Verfassungsschutz 54 Prozent. Bei Politikerinnen und Politikern sind es dagegen nur elf Prozent, bei Parteien 14 Prozent.
Zugleich erreicht die Unzufriedenheit mit dem Zustand der Demokratie einen neuen Höchststand. 30 Prozent sind inzwischen unzufrieden, nur noch 27 Prozent zufrieden. 2019 hatte das Verhältnis noch bei 14 zu 52 Prozent gelegen. Erstmals seit Beginn des Demokratie-Monitors gibt es damit mehr Unzufriedene als Zufriedene.
Auch populistisches Denken breitet sich weiter aus. Nach dem Index der Studie trifft es inzwischen auf 29 Prozent der Befragten zu, nach 25 Prozent 2021 und 27 Prozent 2023. 58 Prozent meinen, Politiker dächten vor allem an ihre Wiederwahl statt an die Probleme des Landes. 39 Prozent glauben, Politiker handelten gegen die Interessen der einfachen Bevölkerung.
Junge Männer nach rechts, junge Frauen nach links
Parallel dazu verschiebt sich die politische Selbstverortung. Der Anteil derjenigen, die sich als „sehr rechts“ einordnen, stieg zwischen 2023 und 2025 von einem auf fünf Prozent. Weitere 19 Prozent sehen sich „eher rechts“. Die politische Mitte schrumpfte von 49 auf 45 Prozent. Das linke Lager blieb dagegen weitgehend stabil.
Die Autoren sprechen deshalb ausdrücklich nicht von einem allgemeinen „Rechtsruck“, sondern von einer „Rechtsverschiebung“: Menschen wanderten aus der Mitte nach rechts ab, ohne dass gleichzeitig das linke Lager entsprechend kleiner werde.
Besonders stark ist die Entwicklung bei jüngeren Männern. Unter den 16- bis 29-Jährigen ordnen sich 52 Prozent der Männer als eher rechts ein. Bei gleichaltrigen Frauen sind es acht Prozent; 68 Prozent der jungen Frauen verorten sich dagegen eher links. Bei den Männern derselben Altersgruppe sind es 19 Prozent.
Die Autoren sehen darin eine strukturelle Veränderung. Erstmals ist bei den unter 40-Jährigen nicht mehr die politische Mitte die jeweils stärkste Gruppe. Allerdings warnen die Daten auch vor einer vorschnellen Gleichsetzung von rechter Selbstverortung und Rechtsextremismus: Bei den unter 30-Jährigen weist der Rechtsextremismus-Index mit 0,4 Prozent sogar den niedrigsten Wert aller Altersgruppen auf. Den höchsten Anteil finden die Forschenden mit 13 Prozent bei den 30- bis 39-Jährigen.
Für den Niedersächsischen Demokratie-Monitor wurden 1.498 deutschsprachige Einwohnerinnen und Einwohner ab 16 Jahren telefonisch befragt. Die Erhebung fand von August bis Oktober 2025 statt. Der Monitor wird von der Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen an der Universität Göttingen erstellt und vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium finanziert. Er erscheint seit 2019 alle zwei Jahre. (mig) Gesellschaft Leitartikel
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