
NS-Erbe
Historiker warnt vor Stolz auf belastete Vorfahren
Die digitale NSDAP-Mitgliederkartei erleichtert die Suche nach belasteten Vorfahren. Johannes Spohr beobachtet neben reflektierter Aufarbeitung zunehmend Menschen, die familiäre Beteiligung am Nationalsozialismus akzeptieren oder sogar positiv deuten. AfD-Anhänger schreckten enthüllte NS-Bezüge kaum ab.
Von Franziska Hein Dienstag, 18.08.2026, 18:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 17.08.2026, 14:38 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Im Zuge der Auseinandersetzung mit der digitalen NSDAP-Mitgliederkartei sieht der Historiker Johannes Spohr die Gefahr einer Umwertung von NS-belasteter Familiengeschichte: Während Angehörige früher häufig versuchten, die Beteiligung ihrer Vorfahren am Nationalsozialismus zu relativieren oder zu leugnen, begegnet inzwischen ein wachsender Anteil entsprechenden Funden mit Akzeptanz oder gar Stolz, sagte Spohr dem „Evangelischen Pressedienst“.
Er beobachte ein breites Spektrum an Umgangsweisen mit dem NS-Erbe, sagte Spohr, der Nachfahren bei der Archivrecherche unterstützt. Er habe es meist mit einem Milieu zu tun, das interessiert und aufgeschlossen sei und sich mit den Ergebnissen reflektiert auseinandersetze. In der Gesellschaft gebe es aber auch diejenigen, die der eigenen Familiengeschichte im NS indifferent gegenüberstehen oder Recherchen sogar ablehnen. Rechte Kräfte reagierten gar mit Euphorie und völlig unkritisch auch mit Stolz. Was er jetzt im Zuge der Onlinestellung der NSDAP-Kartei durch das US-Nationalarchiv in sozialen Netzwerken beobachte, sei neben Zustimmung auch massive Abwehr. „Darunter gibt es auch Menschen, die es gut finden, wenn sie ihre Vorfahren in der Kartei finden“, sagte Spohr.
AfD-Politiker bereiten den Boden für rechte Ahnenforschung
Institutionen müssten auf eine neue Welle rechter Ahnenforschung vorbereitet sein, die zunehmend die Form einer „Stolzgeschichte“ annehme. Studien belegen, dass viele Menschen glauben, die eigenen Vorfahren seien entweder selbst Opfer des Nationalsozialismus gewesen oder hätten Verfolgten des Regimes geholfen. Doch nun wachse der Anteil der Menschen, die eine Täterschaft unkritisch betrachteten. Aus Relativierung oder Verdrängung könne Akzeptanz werden, beobachtet Spohr.
Bekannte AfD-Politiker bereiteten dafür den Boden. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah habe beispielsweise gesagt, dass die eigenen Vorfahren keine Verbrecher seien. Der ehemalige verteidigungspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Rüdiger Lucassen, blickt mit Stolz auf seinen Vater, der 1941 als Mitglied des Fallschirmjäger-Regiments 1 an der Invasion Kretas beteiligt war, der Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung folgten.
Enthüllungen über NS-Bezüge schwächen AfD nicht
Parteichefin Alice Weidel wiederum verweise gerne auf die Flucht- und Vertreibungsgeschichte ihrer Familie und habe sich dabei unter anderem geweigert, den polnischen Namen des Heimatorts ihrer vertriebenen Familie zu nutzen. Zugleich behaupte sie, von der NS-Karriere ihres Großvaters nichts gewusst zu haben.
Rechtsextreme Einstellungen entstünden heute nicht deshalb, weil Menschen zu wenig über den Nationalsozialismus wüssten, betonte Spohr. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass immer neue Enthüllungen über NS-Bezüge innerhalb der AfD die Partei nicht geschwächt hätten. (epd/mig) Aktuell Panorama
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