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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Die Hoffnung ist tot

Ein gestrandeter Wal rührt das Land zu Tränen, entfacht nationale Erregung. Derweil: Krieg, Tod, Elend, Vertreibung, Leid ohne Ende. Timmy legt eine schreckliche Doppelmoral frei, die längst gesellschaftlicher Alltag ist.

Von Montag, 20.04.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 20.04.2026, 11:14 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |  

Die Welt steht in Flammen. Es gäbe viel zu tun und vor allem natürlich auch sich selbst zu hinterfragen. Fragen wie: In welcher Welt sollen meine Kinder einmal aufwachsen und was kann ich selbst dazu beitragen, dass sie so wird? Warum fällt es uns so leicht, ein verbrecherisches, expansionistisches Regime zu verurteilen – während Dinge plötzlich „kompliziert“ werden, wenn diese von Männern geführt werden, die sich nicht nur selbst bereichern wollen, sondern auch noch eine rechtsextreme, rassistisch-faschistoide Ideologie vertreten (wie der Donald und der Benjamin)? Und: Warum hören wir eigentlich gerade jetzt, wo Israel seine Großmachtphantasien von Palästina und Syrien auch noch auf den Libanon ausdehnt und dort unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung völkerrechtswidrig Zivilisten massakriert und vertreibt, plötzlich wieder vom Völkermord im Sudan?

Aber zum Glück gibt es den kleinen Timmy (von manchen auch „Hope“ genannt). Bei Schnitzel, Döner, Wurst und Käse, ob im Flugzeug, im Auto oder auch nur auf der Bank im zubetonierten Dorfpark mit den akkurat getrimmten und mit Insektengiften behandelten Pflänzchen lässt sich nämlich ganz vortrefflich darüber streiten, dass hier ein unschuldiges Tier leidet und womöglich sterben muss.

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Menschen also, denen zu den Mahlzeiten nicht einfällt, dass sie gerade ein unschuldiges, getötetes Tier verspeisen, die sich über Tempolimits, Heizungshämmer, E-Autos oder natürlich auch gern mal darüber, dass beim schönen Neubauprojekt erst einmal eine Verträglichkeitsprüfung gemacht werden muss, ob man nicht vielleicht zu viele unschuldige Tiere vertreibt oder tötet (ein paar sind aber natürlich kein Problem), für die jeder Cent für Tier- oder Umweltschutz verschwendet ist, sind plötzlich von der Rettung eines einzelnen Tieres besessen. Sie bedrohen Menschen gar mit dem Tode, weil diese ein Tier, dem man nach der 57sten Strandung langsam vermutlich eine suizidale Absicht unterstellen könnte (zumindest aber eine gewisse Lebensunfähigkeit), mittlerweile nicht noch ein weiteres Mal retten wollen, weil dafür schon das Dutzend- vielleicht das Hundertfache dessen ausgegeben wurde, was womöglich gereicht hätte, ganze Tierarten vor unserer Haustür vor der Auslöschung zu bewahren.

„Die Teilgruppe derer, die hier einen eingewanderten Wal mit Millionen Euros gerettet sehen, aber keinen Euro locker machen wollen, wenn Menschen einwandern wollen, wird nicht so wahnsinnig klein sein.“

Schlimmer noch, die Teilgruppe derer, die hier einen eingewanderten Wal mit hunderttausenden, gar Millionen Euros an Steuermitteln gerettet sehen, aber keinen Euro locker machen wollen, wenn Menschen einwandern wollen, wird nicht so wahnsinnig klein sein. Ist diesen Menschen ein Wal also wichtiger, lebenswerter, als eine süße Maus, ein bunter Vogel, ein gemütlich auf der Weide dösendes Kälbchen, ein vergnügt krähender Hahn, ein lebensfroh im Dreck spielendes Ferkelchen – oder eben auch ein von den Taliban verprügeltes Mädchen, das einfach nur ein bisschen Lesen lernen will, als der russische Junge, der nicht von einem sesselfurzenden Offizier für ein paar Meter Land in den sicheren Tod geschickt werden will, als der syrische Journalist, der in der ständigen Angst lebt, wegen seiner Arbeit von den Israelis oder den eigenen Leuten ermordet zu werden, als die ukrainische Frau, die Angst hat, zu einer Nummer in einer seelenlosen Statistik von Kriegsverbrechen zu werden, als vor Bürgerkrieg, ethnischer Säuberung, Folter und Mord geflohene Sudanesen, Äthiopier, Kongolesen (diese Liste ließen sich nahezu endlos erweitern)? Machen diese Menschen wirklich eine Hierarchie von lebenswertem Leben auf, in der ein spezifischer Wal knapp unter sich selbst und weit vor allen und allem anderen rangiert?

Ich persönlich glaube das ja nicht. Ich glaube nicht, dass diesen Menschen anderes Leben wirklich egal ist. Stattdessen glaube ich, dass diese Menschen einfach nur wahnsinnig dumm sind. Ich glaube, sie fallen auf die tagtägliche Hirnwäsche von Menschen herein, die nicht so dumm sind und die über deutlich größere Ressourcen verfügen. Ich glaube, diese Menschen sind nicht in Lage, Nachrichten kritisch zu hinterfragen, auch nicht dann, wenn ihre Medien ihnen erzählen, alle anderen wollten sie nur manipulieren. Und ich glaube, wenn die Boulevardklatsche „Bild“ mit einer ähnlichen Empathie über Menschen oder sogenanntes „Nutzvieh“ berichten würde, wie sie über den Wal Timmy berichtet, dann könnten Markus Söder und die AfD einpacken. Dann würde Deutschland nicht nur zum Veganerparadies, dann müsste sich die Regierung auch nicht mehr anstrengen, die selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen. Deutschland hätte vermutlich keine Wirtschaftskrise, weil Facharbeiter:innen fehlen oder sich Unternehmen weigern, zu innovieren, weil der Braindrain aus fernen Ländern eine ständige Innovation förderte – so wie sie dies in den USA tut.

„Mit einem nicht gestrandeten Wal lässt sich halt auch keine Auflage machen.“

Natürlich wird das nicht passieren. Denn die „Bild“ finanziert sich über Geld aus derjenigen Wirtschaft, die den Status quo erhalten will, weil sie damit bisher so gut gefahren ist, dass sie sich große Werbeanzeigen in der „Bild“ leisten kann. Weil die „Bild“ damit diesen Interessen verpflichtet ist und sich mit einer unpolitischen Geschichte über einen gestrandeten Wal gute Auflage erzeugen lässt – bis jemand darauf verweist, dass Überfischung und Lärm durch die kommerzielle Schifffahrt wohl den größten Anteil an der Strandung haben und man diese Probleme angehen muss, damit nicht bald schon wieder ein Wal strandet. Mit einem nicht gestrandeten Wal lässt sich halt auch keine Auflage machen.

Es wird nicht passieren, weil die Menschen dumm sind und dumme Menschen intellektuell nicht gefordert werden wollen. Sie wollen hören, dass sie gut sind, wie sie sind, sie sich nicht ändern müssen, nicht auf Kreuzfahrt, Steak oder Autobahn verzichten müssen, weil daran halt noch kein Tier gestorben ist, und weil die Kuh ja glücklich geschlachtet wurde und weil jeder, der es schlechter hat, als sie, nicht verdient, dass es ihm oder ihr besser geht, sondern, dass – obwohl unendliches Wachstum auf einer endlichen Welt möglich ist, also bitte nicht weiter darüber nachdenken – jede/r, der oder die es schlechter hat, dem Stammleser nur etwas wegnehmen will. Und wenn man demjenigen, der fast nichts hat, einreden kann, mit Umverteilung sei er schlechter dran als bisher, dann lässt sich halt einfacher eine Politik durchsetzen, die denen, die viel zu viel haben – so viel, dass es unserem Land, unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft massiven Schaden zufügt – nichts wegnimmt.

Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir dabei übrigens eine Folge der „Anstalt“ von kurz vor der letzten Wahl in den Sinn, in der diese die Steuerpolitik der Parteien unter die Lupe nahm und zu dem Ergebnis kam, dass das Parteiprogramm eines Rotkehlchens (alle Parteiprogramme wurden anonymisiert und es wird auch nicht verraten, welche linke Oppositionspartei gemeint ist) selbst für jene mit einem Einkommen von 150.000 Euro noch eine Steigerung des verfügbaren Einkommens zur Folge hätte (wenn auch nicht in dem Maße, wie für jene darunter) – nur damit auch hier noch einmal klar ist, wem hier eigentlich etwas weggenommen werden soll, wenn von linker Umverteilung gesprochen wird. Man verzeihe mir diesen kurzen Exkurs.

„Immerhin haben sie ja alles getan, um Timmy zu retten. Vor dem Fernseher.“

Glücklicherweise informieren sich dumme Menschen auch nicht unabhängig, sind von der „Bild“ längst darauf programmiert worden, dass der von den eigenen corporate overlords unabhängige Rundfunk nur Lügen verbreite und, dass nur die Büttel der Superreichen wirklich neutral über die Umverteilung von Reichtum sprechen können. Und so legt, während der intelligentere Teil der Jugend zunehmend verzweifelt in die Welt kreischt, weil sie sich um ihr Leben betrogen sieht, der Rest Deutschlands die Hände in den Schoß, schaut sich den Wal Timmy im kohlestrombetriebenen Livestream an, knabbert an einem Wurstbrot und freut sich, dass alles ganz wunderbar ist, so wie es ist, und, dass sich deshalb auch nichts ändern muss.

Immerhin haben sie ja alles getan, um Timmy zu retten. Vor dem Fernseher. Mit einem kühlen Bier in der Hand. Gleich nach der Sportschau. (mig) Meinung

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