Ausgrenzung

Jetzt also „die Russen“

Seit dem Einmarsch der Putin-Truppen in der Ukraine häufen sich Berichte über Diskriminierung und Ausgrenzung von Russen in Deutschland. Was das mit „den Russen“ macht, schildert ein „Türke“ - aus Erfahrung.

Von Freitag, 04.03.2022, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 03.03.2022, 20:12 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Eine WhatsApp-Nachricht in einem Eltern-Chat: Eine Mutter beschwert sich, dass seit dem Einmarsch von Putins-Truppen in die Ukraine Kinder mit russischen Wurzeln ausgegrenzt werden. Kindern werde verboten, sich mit ihren Freunden zu treffen, mit ihnen zu spielen. Die besorgte Mutter appelliert in ihrer Nachricht in die Gruppe an die Vernunft. Niemand dürfe aufgrund dieses Krieges ausgegrenzt werden.

Diese Nachricht holte mich aus meiner morgendlichen Frühstücksroutine mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich ließ es mir am Tisch nicht anmerken, die Nachricht rief in mir aber ein sehr ungutes Gefühl und Emotionen hervor, eine Mischung aus Sorge um die Betroffenen und Angst. Es erschauderte mich, wie schnell die Gesellschaft offenbar in der Lage war, ganze Gruppen von Menschen in bestimmte Lager zuzuordnen, sie in Sippenhaft zu nehmen, sie so unverblümt und ungeniert auszugrenzen.

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Mir schossen Meldungen vergangener Tage durch den Kopf: Restaurants, die russische Gäste öffentlich für nicht willkommen erklärten, Boykottaufrufe russischer Schriftsteller, russische Musiker und Künstler, denen gekündigt wurden. Meine Gedanken schweiften immer weiter und ich musste sie zügeln, als sie als sich anschickten, in Richtung deutsche Geschichte zu wandern. Ist das überhaupt vergleichbar? Ist der zivilisatorische Mantel wirklich so dünn?

Mit einem inneren Kraftakt holte ich mich zurück ins Heute. Mir schossen persönliche Erfahrungen durch den Kopf, als der türkische Ministerpräsident Erdoğan in den hiesigen Medien eine Zeit lang das Böse verkörperte. Ich erinnerte mich an Gespräche mit Nachbarn, Bekannten und Kollegen, an ihre vorwurfs- und erwartungsvollen Blicke, man müsse sich doch zumindest distanzieren können. Ich wollte immer wissen, warum und wofür, wo doch nie eine Nähe bestanden hatte. Ich merkte aber, die Zeit stand nicht gut für Verstand und Vernunft.

Menschen neigen dazu, Vorurteile, die sie nicht abbauen können, zu bestätigen. Ich kenne einige Türkeistämmige, die nie an einer Türkei-Wahl teilgenommen haben, bis sie – „die Türken“ – durch die eurozentristische, besserwisserische, arrogante, einseitige, alles pauschalisierende und ausgrenzende Stimmung in Deutschland so stark angewidert und befremdet wurden, dass sie bei nächster Gelegenheit Erdoğan gewählt haben, ihn und seine Politik bis heute ablehnen, aber so verbittert und enttäuscht sind, dass sie ihn allen Gewissensbissen und aller Vernunft (s.o.) zum Trotz wieder wählen würden – einzig und allein aus Protest.

Jetzt also „die Russen“.

Meinung
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  1. urbuerger sagt:

    Dass nun die Russen in Deutschland ausgegrenzt werden, dürfte aber auch daran liegen, dass man als Deutscher zu hören bekommt,
    “ Nun geht es los, jetzt wird es nicht mehr lange dauern und die russische Armee wird auch die Russen in Deutschland befreien“!

    Wenn man sich als hier geborener, der absolut keine Vorbehalte gegen Menschen mit Einwanderungshintergrund hat, solche Aussagen anhören muss, sollte es die Menschen aus Russland, deren Präsident einen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine angezettelt hat, nicht wundern, dass man beginnt sie auszubrechen, auch wenn es nicht alle sind, die solche kruden Ansichten verbreiten!

    Mit der türkischen Community sieht es ähnlich aus, wenn diese sich gegen die christlichen Deutschen stellt, in dem sie häufig die Christen als Ungläubige bezeichnen, denen Erdogan schon noch das „Fürchten“ beibringen wird!

    Es ist immer sehr einfach, den „bösen Deutschen“ etwas anzulasten, der ja einen geschichtlich so prekären Hintergrund hat!

    Viele hier lebenden Migranten, auch mit deutschem Pass, ist es oft nicht wichtig, sie weit sie gehen können, den Deutschen etwas anzulasten, um die eigenen Verfehlungen zu unterdrücken!

    Wenn ich als Deutscher hôre, dass ein Türke erzählt, er wurde Erdogan aus Protest gegen die hiesige Behandlung Wahlen, Frage ich mich, was diese Person glaubt, in wieweit es einen Deutschen interessiert, wen er in der Türkei wählt?
    Schäden fügt er ausschließlich den Türken zu, die weiterhin unter der Politik Erdogans leiden müssen!
    Es sollte doch wohl jedem hier lebenden Türken, oder Migranten mit doppelter Staatsbürgerschaft klar sein, dass er durch die Wahl Erdogans nichts in Deutschland verändert, aber die Repressalien gegen die Menschenrechte, Medienfreiheit und Versammlungsrecht in der Türkei weiterhin einschränkt und den Bürgern in der Türkei zumute, weiterhin mit der staatlichen Korruption klarzukommen!

    Es ist immer sehr einfach für Alle, dem Anderen die Schuld für irgendetwas zu geben, wenn man selbst nicht gewillt ist, sich klar gegen die Herrscher dieser Welt, die sie immer schwerer beschädigen, zu stellen, in dem man sich klar gegen Unrecht positioniert, wie beispielsweise gegen Putin der einen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine begonnen hat und jetzt sogar das Wohl ganz Europas in Gefahr bringt, in dem er das größte Atomkraftwerk Europas mit Panzern und Bomben in Brand schießt, als ob der Russe nichts daraus gelernt hat, als Tschernobyl in die Luft flog!!!