Buchtipp zum Wochenende

Bin ich integriert?

Bin ich integriert? Diese Frage stellt sich Fabio Lo Monte. Sein im Dezember 2013 erschienenes Buch ist ehrlich und witzig, regt an vielen Stellen zum Nachdenken an, weist auf Probleme hin und stellt Vorurteile in einer ungewöhnlichen Art in Frage - ein Auszug aus dem Buch:

Freitag, 17.01.2014, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 21.01.2014, 0:21 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Als in der 4. Klasse die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen bekannt gegeben wurden, begleitete ich meine Mutter zu meiner Klassenlehrerin, eine äußerst unsympathische Dame. Diesen Tag habe ich bis heute nicht vergessen, denn er ist zu einem der wichtigsten Wendepunkte in meinem Leben geworden.

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Während des Gesprächs versuchte meine Lehrerin meiner Mutter klarzumachen, dass es doch das Beste für mich sei, mich auf die Hauptschule zu schicken, da der Großteil meiner Freunde ja auch dorthin gehen würde. Zudem begründete sie ihre Entscheidung mit meinem Fehlverhalten in der Klasse.

Anders aber als bei meinem Bruder fünf Jahre zuvor hatten meine Eltern nun begriffen, dass der Hauptschulabschluss mehr und mehr an Wert verlor und mir keine aussichtsreiche Zukunft versprach. Zusätzlich hatte ich das Glück, dass meine Mutter zu diesem Zeitpunkt die deutsche Sprache bereits beherrschte, da sie in einer Schulmensa arbeitete. Dort lernte sie viele Realschul- und Gymnasiallehrer kennen, mit denen sie sich glücklicherweise über mich und meine Leistungen unterhalten konnte.

Diese öffneten ihr die Augen und gaben ihr zu verstehen, dass sie einen großen Fehler machen würde, meine Motivation und meine Fähigkeiten unbeachtet zu lassen. Und so kam es, dass meine Mutter zu Beginn des Gesprächs mit meiner Lehrerin versuchte Fakten zu nennen, die ihrem Vorschlag widersprachen. Sie erwähnte ihr gegenüber meine erbrachten Leistungen und deutete mehrmals auf meine Fähigkeiten in der Mathematik hin.

Doch dies änderte nichts an der Entscheidung der Lehrerin und nach einiger Zeit wurde der Dialog zwischen den beiden immer energischer und aggressiver im Ton. Meine Lehrerin, die solch ein Auftreten von einer ausländischen Mutter wohl nicht gewohnt, wurde sehr zornig. Sie stufte meine Fähigkeiten als mittelmäßig ein und ließ sich von ihrer Meinung nicht abbringen.

Doch dann geschah etwas, was ich niemals erwartet hätte. Meine Mutter hatte genug gehört und sie stand von ihrem Stuhl auf. Im ersten Moment meiner kindlichen Vorstellung ging ich davon aus, dass sie diesen auf dem Kopf meiner Lehrerin zerbrechen würde, doch glücklicherweise fand diese Szene nur in meinem Kopf statt. Stattdessen drohte sie ihr wutentbrannt mit einem Rechtsanwalt und beschimpfte sie als beschränkte ausländerfeindliche Frau, die jegliche Sicht für die Leistungen ausländischer Kinder verloren hätte.

Meine Klassenlehrerin wurde daraufhin ganz blass und wusste einige Sekunden nicht, was sie sagen sollte. Als sie wieder zur Besinnung kam, bat sie meine Mutter wieder Platz zu nehmen, und das Gespräch begann sich zu wandeln. Sie nahm sich still meine Zeugnisse zur Hand und überflog abermals meine Noten. Kurze Zeit später schaute sie meine Mutter und mich an und sagte: „Eigentlich können wir den Jungen auch auf eine Realschule schicken.“ Stolz stimmte meine Mutter zu, und schaute mich mit liebevollen Augen an.

So, wie es mir damals in der Grundschule mit der Empfehlung meiner Klassenlehrerin erging, ergeht es noch heute vielen ausländischen Kindern — ein Umstand, den ich nicht hinnehmbar finde. Denn das Potenzial vieler Schüler wird oft von ihrer Herkunft überschattet, und sie sehen sich mit Vorurteilen konfrontiert, von denen sie sich nur schwer lösen können. Viele meiner deutschen Mitschüler kannten solche Sorgen damals nicht, denn einige erhielten sogar trotz schlechterer Noten Empfehlungen für das Gymnasium.

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