Anja Seuthe, Muslime, Islam, Religion, Kopftuch
Anja Seuthe © privat, Zeichnung MiGAZIN

Schon wieder Kopftuchverbot

Der Deutsche weiß am besten, was gut für die Muslima ist

Ich habe überlegt, ob ich mich vor dem Schreiben dieses Beitrags abregen soll. Ich habe mich dagegen entschieden: Einem neuen Gesetz zufolge können Länder und Verwaltungen in Behörden Nazi-Tattoos und! Kopftücher verbieten.

Von Donnerstag, 06.05.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 05.05.2021, 16:03 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Nachdem die EU noch einmal bekräftigt hat, dass Arbeitgeber Mitarbeiterinnen das Tragen eines Kopftuches am Arbeitsplatz verbieten können, zieht der deutsche Staat nach. Nun hat man also die gesetzliche Grundlage geschaffen, das Kopftuch für Beamtinnen zu verbieten. Wow. Da brauche ich nicht einmal gendern. Klar, auch Männer dürfen kein Kopftuch tragen, wenn es denn eine religiöse Konnotation hat, aber hat es das bei Männern? Nein, dieses Verbot richtet sich ausschließlich gegen muslimische Frauen.

Nach Jahren Fördergeldern und Kampagnen zur Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt ist eine solche Entscheidung ein Schlag ins Gesicht für alle Akteure der Zivilgesellschaft. Warum das Thema – wieder einmal – auf der Tagesordnung war? Man glaubt es kaum, ursprünglich ging es um Nazi Tattoos von Beamten, aber hey, wenn wir schon einmal dabei sind, dann lasst uns doch gleich mal ein Zeichen gegen religiöse Minderheiten setzen. Nazis und religiöse Minderheiten in einem Topf? Das hat schon ein Geschmäckle.

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Dass der Staat bestimmt, in welchen Berufen muslimische Frauen, die ihre Religion praktizieren, arbeiten dürfen? Dass man vorgibt, zu wissen, wie diese Frauen denken, wo ihre Loyalitäten liegen, und überhaupt? Dass sie nicht neutral sein können – kommt Ihnen das nicht auch bekannt vor aus dem Geschichtsunterricht? Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da bekommen Verschwörungstheorien doch gleich eine andere Dimension. Und wenn wir schon einmal dabei sind, Beamte repräsentieren den Staat? Will hier etwa jemand ernsthaft behaupten, die muslimischen Frauen sind kein Teil dieses Staates? Fragt sich jemand, ob der Staat so noch die muslimischen Frauen repräsentiert? Oder schließt man sie gedanklich vollständig aus?

„Diese Entscheidung ist auch ein Schlag ins Gesicht aller gut ausgebildeten muslimischen Frauen, die sich ihrem Weg nach oben gekämpft haben, trotz der Vorurteile in der Gesellschaft. Denn da oben, da will man sie nun gar nicht haben. Als Putzfrauen, ok, als Pflegerin schon weniger gern, als Lehrerin, eher nicht, als Richterin, auf keinen Fall. Warum?“

Diese Entscheidung ist auch ein Schlag ins Gesicht aller gut ausgebildeten muslimischen Frauen, die sich ihrem Weg nach oben gekämpft haben, trotz der Vorurteile in der Gesellschaft. Denn da oben, da will man sie nun gar nicht haben. Als Putzfrauen, ok, als Pflegerin schon weniger gern, als Lehrerin, eher nicht, als Richterin, auf keinen Fall. Warum? Weil „diese Kopftuchträgerinnen“ ja in ihrer Kultur feststecken und gar nicht arbeiten dürfen. Äh, nein, weil Sie, lieber Leser, liebe Leserin, in Ihrer Kultur feststecken und sich nicht vorstellen können, dass verschiedene Ansichten zu Gott und der Welt nebeneinander existieren. Und dass auch Muslima mit Kopftuch diesen Staat professionell vertreten können.

Niemand wird bestreiten, dass Großbritannien, Kanada, Neuseeland oder Schweden fortschrittliche, westliche Staaten sind. Diese Staaten haben eins gemeinsam. Dort dürfen selbstverständlich Polizistinnen mit dem Kopftuch Dienst tun. Hat das irgendjemandem dort irgendwie geschadet? Natürlich nicht! Warum? Weil man Vielfalt respektiert. Nicht nur auf dem Papier. Nicht nur in den niedrigen Sozialschichten. Damit tut man sich in Deutschland schwer.

„“34,5 Prozent befürchten mit einem Kopftuch Nachteile in Schule, Ausbildung und Arbeit und 13,4 Prozent befürchten mit Kopftuch Belästigungen und Beschimpfungen. Es kann doch nicht sein, dass die sich nicht trauen, in Deutschland ihr Recht auf freie Religionsausübung in Anspruch zu nehmen, oder?““

Gerade noch titelten die großen, deutschen Printmedien, dass es nun 900.000 Muslime mehr gibt in Deutschland. Das ergibt sich aus einer neu veröffentlichten Studie der Deutschen Islamkonferenz. Weiter als bis zu dieser Zahl haben viele Journalisten nicht gelesen. Sonst hätten sie ab Seite 121 sehr interessante Daten zum Kopftuch gefunden: Von den befragten muslimischen Frauen tragen nur 30 Prozent überhaupt ein Kopftuch. Davon geben nur 4,4 Prozent an, dass die Familie oder der Partner das so erwarten. 88,6 Prozent sehen es dagegen als religiöse Pflicht an.

Erstmals wurden aber auch muslimische Frauen nach ihrer Motivation befragt, die das Kopftuch nicht tragen. Von den 70 Prozent, die kein Kopftuch tragen, geben 22,2 Prozent an, dass die Familie oder der Partner das Kopftuch nicht gut findet. 34,5 Prozent befürchten mit einem Kopftuch Nachteile in Schule, Ausbildung und Arbeit und 13,4 Prozent befürchten mit Kopftuch Belästigungen und Beschimpfungen. Es kann doch nicht sein, dass die sich nicht trauen, in Deutschland ihr Recht auf freie Religionsausübung in Anspruch zu nehmen, oder? Deutschland sollte sich schämen!

„Der Deutsche weiß immer noch am besten, was die Muslimas denken und was das Beste für sie ist. Denn selber wissen sie das sicher nicht und können auch nicht denken.“

Was lesen wir nun aber in den Zeitungen? Da meinen Autoren ernsthaft, man müsse die 30 Prozent mit Kopftuch und muslimische Frauen überhaupt von ihrer „patriarchalischen“ Religion befreien. Wer gibt diesen Leuten das Recht dazu? Die im Grundgesetz garantierte „Religionsfreiheit“ ist nicht die Freiheit von jeglicher Religion. In Artikel 4, Absatz 2, steht deutlich: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Das wird ignoriert, ebenso wie auch die oben genannten Zahlen ignoriert werden, denn der Deutsche weiß immer noch am besten, was die Muslimas denken und was das Beste für sie ist. Denn selber wissen sie das sicher nicht und können auch nicht denken.

Ich habe überlegt, ob ich mich abregen soll, bevor ich diesem Beitrag schreibe. Ich habe mich dagegen entschieden. Dass meinen gut ausgebildeten Töchtern, die in Deutschland als Deutsche einer deutschen Mutter geboren wurden, wegen ihrer praktizierten Religion nun bald der Staatsdienst nicht mehr offenstehen könnte, ist ein Unding. Ich habe alles Recht der Welt, mich aufzuregen, dass die auch von uns gewählten Politiker uns nicht etwas vertreten, sondern uns dermaßen in den Rücken fallen.

Das Fazit ist, dass in Deutschland eben keine Vielfalt gewünscht ist, sondern Uniformität. Dass ein Kopftuch als Bedrohung der Gesellschaft betrachtet wird. Und dass die ganzen Kampagnen für Vielfalt und gegen Diskriminierung nichts weiter sind als Augenwischerei und letztendlich herausgeworfenes Geld.

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  1. Gudrun Adams sagt:

    Kopftuchverbot !!!!

    Es ist empörend Nazi-Tatoos und Kopftücher muslimischer Frauen in einem Atemzug zu nennen. Es betrifft mal wieder nur Frauen.
    Wann lernen die Deutschen, die sich solche Entscheidungen ausdenken endlich, dass wir eine Welt sind und Vielfalt selbstverständlich sein sollte.
    Statt sich viel mehr um die Zersetzung der Gesellschaft durch Nazi-Ideologien
    zu kümmern, verwehrt man Frauen den Aufstieg durch Bildung wegen eines harmlosen äusseren Zeichens ihrer Relegion. Ich selber bin stolz muslimische Freunde zu haben und habe, was Menschlichkeit und Miteinander angeht viel von ihnen gelernt.
    Worauf sind wir Deutschen eigentlich so stolz ? Sind es die Männer in den Kirchen über die oft der Mantel des Schweigens gelegt wird oder der Tod von Millionen Juden? Was ist los in diesem doch so schönen Land ?

    • Michael Merz sagt:

      Bitte lesen Sie den Gesetzesentwurf bevor Sie Begriffe verwenden, die dort nicht verwendet werden. Nazi und Kopftuch wird dort nicht verwendet.
      Natürlich dürfen Menschen in Deutschland religiöse Symbole tragen und ihre Religion ausüben. Nur Beamte sollen es im Dienst nicht, aus Gründen der Neutralität.

      Abgesehen davon, darf ein Inder dann auch sein Kopftuch nicht tragen, wenn er in einer Behörde arbeitet.