Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, Bensmann, Sven
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Hurra Hurra, die Pest da

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, angesichts des andauernden Hausarrests und der daraus resultierenden allgemein schlechten Laune, heute mal positiver zu bleiben. Das ist mir nicht so recht gelungen. Ich verspreche aber allen die dabeibleiben eine Hammerpointe zum Schluss.

Von Dienstag, 07.04.2020, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 06.04.2020, 16:39 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Legen wir also los:

Wenn über Gefahren für die EU geschrieben wird, dann wird man in diesem Lande nicht müde, über Ungarn, Tschechien, Polen zu schreiben, wahlweise auch über Großbritannien, und über Russland sowieso. Je nachdem, ob das Thema gerade Saison hat, gibt es auch Hinweise auf die vor den Toren stehenden Barbarenhorden, die es wagen, das haben zu wollen, was wir haben – unter anderem, weil wir es ihnen einmal weggenommen haben.

___STEADY_PAYWALL___

Es vermissen ja nun mal auch die wenigsten Deutschen, über den großen Anteil Deutschlands an der Misere Europas nachdenken zu müssen. Das macht Deutschland aber nicht automatisch zu einer geringeren Gefahr, ganz im Gegenteil. In Europa, das macht einige Deutsche offensichtlich stolz, wird immerhin seit geraumer Zeit „deutsch gesprochen“. Das hat zur Folge, dass Großbritannien sein Heil in der Flucht in den Brexit gesucht hat. Es bedeutet auch, dass die Gesundheitssysteme in Spanien und Italien dem deutschen Spardiktat geopfert wurde, mit den jetzt sichtbaren folgen. Es heißt auch, dass Ungarn, Tschechen und Polen in der Rückbesinnung auf sich selbst dem deutschen Einfluss in Europa entgehen wollen.

Das mehrpolige Europa in dem die drei starken Nationen Deutschland, Frankreich und Großbritannien wechselseitig Koalitionen gesucht haben, existiert jedenfalls nicht mehr: London ist raus und Paris fiskalisch niedergerungen und gefügig gemacht. Europa ist so deutsch wie seit 1942 nicht mehr – ohne, dass Deutschland den Willen oder die Kraft hätte, Europa auch faktisch zu unterwerfen und in Großdeutschland umzubauen.

Auch sonst hat Deutschland offenbar wenig Interesse daran, die Führungsrolle zu spielen, die es mit der Austeritätspolitik für sich erzwungen hat. Europäische Staaten jedenfalls, die in der Bewältigung der Corona-Krise dringend Hilfen benötigen, werden weitgehend im Stich gelassen. Stattdessen gefällt sich Berlin darin, die lebensrettenden Hilfen aus China als „Propaganda“ geringzuschätzen. Geht schließlich gar nicht – anderen selbstlos helfen, als Lohn bloß Wohlwollen. Berlin ist da ganz auf Linie Trump.

So erhalten wir aber ein entsolidarisiertes Europa, in dem finanziell ausgeblutete Staaten sich lieber China andienen, als beim Sterben ihrer Bürger zuzusehen. Ein Europa, dass mittelfristig zur chinesischen Peripherie verkommt, weil Deutschland kein Interesse daran hat, eine gemeinsame politische Union zu führen, die in der Lage wäre, China und den USA Paroli zu bieten, und auch keines, das von allen europäischen Staaten verabredet gemeinsam verabredet wird; keine Seidenstraße, die von beiden Enden her gedacht wird, sondern eine, die von Peking diktiert wird.

Wir landen so in einem Europa, in dem Deutschland Geld und Hirn aus den kleineren Ländern absaugt, bis nichts mehr zu holen ist – nur damit es am Ende feststellen wird, dass es allein zu klein ist, um in dieser neuen Welt gegen die Großen anzustinken – und dass Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge auch aus Europa massenhaft nach Deutschland einwandern wollen könnten: und dann könnte es tatsächlich irgendwann mal eng werden.

Eine Pointe ist das zwar nicht, vielleicht aber ja ein Hammer für den ein oder anderen, definitiv wohl keine „Hammerpointe“. Am Ende beweist sich daher nur eines: Nichts ist mehr gewiss in dieser Zeit. Keine Versprechen, und auch nicht das Ende: Aus Pandemie wird Endemie; und Endemie ist Alltag.

Die Washington Post untertitelt seit geraumer Zeit – auf den Anlass will ich gar nicht mehr eingehen – „democracy dies in darkness“. Etwa: Demokratie stirbt im Stillen; die Erfahrungen der letzten Wochen zeigen: Europa und Demokratie sterben womöglich an Corona.

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Ute Plass sagt:

    Danke, Sven Bensmann, für diese *kluge Polemik*. -:)

    Ob Europa an, durch, wegen oder mit Corono stirbt, ist ja die Frage, die
    sich ob dieser Pandemie ständig stellt. Und wie bei nicht wenigen todkranken Menschen, die corona-positiv getestet wurden, kann es auch sein, dass Europa (genauer das EU-Gebilde) sogar ohne Corona stirbt.