Hilfsbereite Lehrer

„Teachers on the road“ für Flüchtlinge

Die Graswurzel-Initiative ist die Idee zur rechten Zeit: In mehrere Städten sind lokale Ableger aus dem Boden gesprossen. Tomaschowski kann sich vor Anfragen aus mehreren Bundesländern kaum noch retten.

Von Jens Bayer-Gimm Donnerstag, 12.02.2015, 8:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 15.02.2015, 18:32 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Ein kahler Seminarraum an der Universität Frankfurt am Main. „Stellen Sie sich vor!“, fordert Ulrich Tomaschowski eine Handvoll Männer mit dröhnender Stimme auf. „Ich bin Tesfalen Mebrahtu, komme aus Eritrea, bin seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland, wohne in Flörsheim. Ich arbeite auch. Das war alles“, sagt der erste der Teilnehmer in einwandfreiem Deutsch. Dass er dies kann, hat er dem 42-jährigen Gründer der „Teachers on the road“ und seiner freiwilligen Mitarbeiter zu verdanken.

Die Graswurzel-Initiative ist offenbar die Idee zur rechten Zeit: In Trier, Mainz, Ludwigshafen, Worms, Germersheim, Frankfurt, Oberursel und Darmstadt sind lokale Ableger aus dem Boden gesprossen. Tomaschowski kann sich vor Anfragen aus mehreren Bundesländern kaum noch retten. Der in Frankfurt am Main lebende Deutschkurs-Lehrer mit abgebrochenem Germanistikstudium hatte bereits ab 2003 Einwanderer und Spätaussiedler in Trier unterrichtet und ab 2006 auch Flüchtlingen Kurse angeboten. 2013 gab es den geografischen Quantensprung.

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Flüchtlinge in mehreren rheinland-pfälzischen Kommunen luden Tomaschowski und einige Mitstreiter in ihre Unterkünfte ein. Diese protestierten bei Behörden gegen Missstände und erfuhren: „Der Deutschunterricht ist Flüchtlingen sehr wichtig, sie wollen mit Einheimischen Kontakt aufnehmen können“, berichtet Tomaschowski. Als Antwort erfand er die „Teachers on the road“. Der Name, angeregt von Jack Kerouacs Bestseller „On the road“ (1957, deutsch: „Unterwegs“), firmiert als attraktive Marke für die Idee, dass Freiwillige Flüchtlinge aufsuchen, sie zu Deutschkursen einladen und ihnen dadurch Wege in die Gesellschaft öffnen.

Rund 250 Freiwillige beteiligen sich inzwischen an der Initiative, und die Zahl wächst. Allein in Frankfurt sind es ungefähr 100, die abwechselnd mehrfach in der Woche unterrichten. Schüler, Studenten, Berufstätige und Rentner machen mit. „Ich spende seit Jahren, möchte aber aktiver helfen und selbst etwas in die Hand nehmen“, sagt Stefanie Isken. Die 47-jährige Frankfurter Vertriebsassistentin ist nach ihrer Schnupperstunde „extrem positiv beeindruckt“ von den Lehrern und Schülern der Initiative. „Die freiwilligen Teachers haben schon Enormes geleistet“, lobt sie die Sprachfähigkeiten der Flüchtlinge. Künftig will sie eineinhalb Stunden die Woche mitarbeiten.

Auch die Teilnehmer des Kurses an der Universität loben den Unterricht als „sehr gut“. Sogar ein indischer Informatikstudent kommt regelmäßig aus Darmstadt angereist. Mundpropaganda führt die Asylbewerber zu den Kursen, die dort stattfinden, wo jemand Räume bereitstellt: in einer Kirchengemeinde, einem Gewerkschaftshaus, einer Universität oder in der Unterkunft selbst. Es kommen nach Tomaschowskis Angaben vor allem diejenigen, die neu angekommen und motiviert sind, weniger diejenigen, die schon jahrelang auf einen Bescheid warten und einen „Lagerkoller“ haben.

Über die Unterrichtsmethode entscheide jeder Lehrer selbst, erläutert Tomaschowski. Manchmal werden Lehrbücher gespendet. Die Teilnehmer haben höchst unterschiedliche Voraussetzungen. In Frankfurt reicht die Spanne vom Alphabetisierungskurs, in dem die lateinischen Buchstaben vermittelt werden, bis zur Konversation unter wissenschaftlich gebildeten, mehrsprachigen Teilnehmern. Die Kurse legten viel Wert auf den Wortschatz und die Konversation, erklärt der Deutschlehrer. Jede Woche werde ein Thema bearbeitet, beispielsweise das Essen, wie stellt man sich vor, wie trifft man eine Verabredung.

„Die Schüler erwerben ziemlich schnell einen großen Wortschatz. Wenn sie nach einigen Monaten 500 bis 1.000 Wörter gelernt haben, können sie sich relativ gut verständigen“, sagt Tomaschowski. Ein syrischer Flüchtling in Mainz sei nach eineinhalb Jahren Unterricht nun selbst als Lehrer im Projekt tätig. In den Kursen würden die Teilnehmer wertgeschätzt, Freundschaften entstünden. „In einer solchen Atmosphäre lässt es sich gut lernen. Viele der mit positiven Erfahrungen verbundenen Kenntnisse bleiben hängen.“ (epd) Aktuell Feuilleton

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  1. Pingback: Netzwerk Konkrete Solidarität – Teachers on the road - Wie kann ich helfen?

  2. OMSAG sagt:

    Teachers on the Road“ ist ein tolles, unterstützenswertes Projekt. Darum haben wir uns als Unternehmen an der Spendenaktion beteiligt, und können nur andere dazu ermuntern, es ebenfalls zu tun. Dank des Sprachunterrichts setzt das Projekt genau da an, wo Integration häufig auf Barrieren stößt: die gegenseitige Verständigung. Aus unserer Sicht, ist gelungene Kommunikation enorm wichtig, um aus Verständigung auch gegenseitiges Verständnis wachsen zu lassen.

    Gerade Kinder haben es nicht leicht, ihre neue Situation zu begreifen. Die nicht beherrschte Sprache stellt insbesondere sie, aber auch alle anderen Flüchtlinge, vor eine weitere Barriere, die es für erfolgreiche Integration zu überbrücken gilt. Wir alle können dabei helfen, solchen Projekten in verschiedener Form unter die Arme zu greifen, darüber zu berichten (so berichteten auch wir auf unserem Blog unter http://ow.ly/UQ9V6) und möglichst viel Aufmerksamkeit dafür zu erregen.

    Viele Grüße,
    Annika