Berlin

Diskussion um türkischsprachige Werbeplakate

Heinz Buschkowsky (SPD), Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln, hat mit seiner Forderung, türkische Werbeplakate aus Berliner Straßen ausnahmslos zu verbannen, eine Diskussion um deren Sinn und Zweck entfacht. Es würden nun zunehmend mehr Unternehmen auf türkischer Sprache werben, offenbar mit Erfolg.

Von Burak Altas Samstag, 04.04.2009, 10:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 20.08.2010, 23:53 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Bürgermeister Buschkowsky sieht aber in fremdsprachiger Reklame „einen Hegemonie-Anspruch“ trotz des zehnprozentigen Anteils der Türkischstämmigen an der Gesamtbevölkerung in Berlin. Seine Begründung basiert auf einem Vergleich mit den Städten Rotterdam und Glasgow: Obwohl diese Städte einen ähnlich hohen Ausländeranteil wie sein Bezirk hätten, welcher heute bereits für Menschen aus 160 verschiedenen Nationen Wohnraum bietet, seien dort trotzdem nur Werbungen in der jeweiligen Landessprache vorzufinden.

Unterstützung erhält Buschkowsky von der stellvertretenden Berliner Integrations-Beauftragten Andreas Germershausen: „Wir selbst verwenden in der Regel die deutsche Sprache. Auch in unseren Kampagnen, mit denen wir für die Einbürgerung oder qualifizierte Berufsausbildungen werben.“ In Berlin folge „die Werbung wirtschaftlichen Interessen. Das können wir nicht beeinflussen.“ Ausnahme seien lediglich Broschüren speziell für neue Zuwanderer oder Ältere.

___STEADY_PAYWALL___

Kritik gegen Buschkowsky
Barbara Schmidt vom Wohnungsportal Immo-Welt ist da jedoch anderer Meinung: „Unsere Haupt-Zielgruppe sind gar nicht Türken, die kein Deutsch können. Aber Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich durch ihre Muttersprache einfach direkter angesprochen.“ Außerdem werde bei der Planung der Plakatsorte auch die Bevölkerungsstruktur berücksichtigt, wonach man in Bezirken, in denen besonders viele Türken leben, eher auf Türkisch werbe als in anderen Stadtteilen.

Doch sowohl parteiintern als auch –extern stößt Buschkowskys Vorhaben auf große Kritik. So bezeichnete Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die Äußerungen des Neuköllner Bürgermeisters als „Unsinn“, da „Berlin eine multikulturelle Stadt ist und bleibt.“ Nach Martin Lindner (FDP) müsse man die Ausländer „nun mal in ihrer Landessprache ansprechen“, wenn man sie denn integrieren wolle. Selbst seitens der CDU wurden Bedenken über das Verbot türkischer Werbeplakate auf Berliner Straßen geäußert. „Wir haben doch auch englische und kyrillische Plakate in unserer Stadt“, so Peter Trapp, Vorsitzender des Innenausschusses. Schließlich hingen in den Aufzügen im „Kaufhof“ auch Hinweisschilder auf Polnisch.

Wirtschaftlich von großer Bedeutung
Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei die Verwendung türkischer Werbeplakate von großer Bedeutung. Bilkay Öney von den Grünen sei überzeugt davon, dass die Firmen „nur mit Werbung in der Herkunftssprache der Käufer wirklich Gewinn machen können.“

Ob die Plakate nun entfernt werden oder hängen bleiben dürfen – zweifellos werden beide Beschlüsse um heiße Diskussionen sorgen. Dies bezeugt folgende, durchaus gerechtfertigte Forderung des Friedenauer Autors Giuseppe Critone: „Türkische Werbeslogans sind doch eigentlich ganz okay in einer Multikulti-Stadt wie Berlin. Ich wünsche mir aber auch italienische Werbung in Berlin. Das wäre dann ja nur fair.“

Türkische Werbeplakate der SPD in Berlin
Schließlich hat die Berliner SPD selbst in der Vergangenheit mehrfach die Straßen Berlins mit türischsprachigen Plakaten geschmückt, ohne dass sich Buschkowsky je dagegen ausgesprochen hat. So hatte beispielsweise Fritz Felgentreu (SPD) Plakate für die Abgeordnetenhauswahlen 2001 und 2006 in türkischer Sprache drucken lassen. Das türkische Sprichwort auf einem der Plakate „Ich habe eine offene Stirn“ bedeutet sinngemäß: „Ich habe nichts zu verbergen.“ (Foto links). Auf einem anderen war ein Zitat des türkischen Staatsgründers Atatürk als Motto vorangestellt: „Es gibt viele Länder, aber nur eine Zivilisation.“ (Foto rechts) Vor den Europawahlen 2004 hatte die SPD ein Plakat, auf dem ein Willkommensgruß zu lesen war: „Willkommen in Europa, Türkei! – Tue das Richtige“ (Foto mitte) (MiGAZIN)

Jungautor Burak Altas

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. delice sagt:

    Was ist mit Englisch?

    Es gibt jede Menge von Deutschen, die gar kein Englisch sprechen, dann müssten diese Personen, sich auch ausgegrenzt fühlen!

    Ich kann nur darauf hinweisen, dass die SPD sich im braunen Sumpf wieder einmal befindet, weil sie nämlich sieht, dass sie die türkische Minderheit immer weniger erreicht!

    Schade um die SPD!!!!!

    • @ delice

      Man sollte, egal wie man den Vorstoß Buschkowskys auch bewertet, nicht vergessen, dass er nicht im Namen der gesamten SPD spricht, zumal Körting ihm ja bereits wiedersprochen hat.

    • Markus Hill sagt:

      Ich empfinde die Diskussion auch als etwas überzogen, der Herr hat oft unkonventionelle Ideen. In der Bildungspolitik gegenüber Bildungsfernen-Familien könnte man einige Sachen durchaus testen. Sehr hemdsärmlig, er polarisiert und ist vielen in der SPD ein Dorn im Auge. Sein Plus: Kein Theoretiker, er kennt die Probleme in den entsprechenden Bezirken. Die Plakat-Äusserung ist dann halt keine Glanzleistung.
      Plakate können durchaus in verschiedenen Sprachen gedruckt werden. Das ist halt einfach Geschmacks- und Geschäftsfrage.:-)
      ABER: Was hat das mit „braunem Sumpf“ zu tun? Wollen Sie damit sagen, dass dieser SPD-Politiker ein Nazi ist? Könnten Sie das bitte einmal näher erläutern?

  2. Aufgrund dem prognostizierten soziodemografischen Wandel gibt es, meiner Einschätzung nach, keine Alternative, als auch Werbeplakate in türkischer Sprache zu drucken. Nur so kann die deutsche Bevölkerung gesamt erreicht werden. Mal sehen, wo wir in zehn bis zwanzig Jahren stehen werden- und ob wir dann auch griechische, albanische, englische Werbeplakate drucken werden…

  3. umut sagt:

    Also ich denke, dass die Plakate in erster Linie auf Deutsch sein sollten,aber ich wäre nicht dagegen,wenn man unter der deutschen Schrift auch eine andere Sprache verwenden würde.Aber ohne die deutsche Sprache auf dem Plakat ist schon schade,weil dann viele Deutsche nicht verstehen, worum es geht. Also Sprachen sollten nicht verboten werden, aber eine gemeinsame Sprache sollten wir schon haben, und für Deutschland sollte dies deutsch sein, aber unter der deutschen Sprache sollte es erlaubt sein,auch in anderen Sprachen Menschen zu erreichen.
    Ich überlege mir gerade, was in der Türkei passieren würde,wenn kurdische Plakate in in einem Kurdenviertel in Ankara oder in Istanbul hängen würden.Ich glaube da wäre die Hölle los !!

    • Mehmet sagt:

      Nix da mit Hölle los. Auf Istanbuler Straßen wird kurdische und armenische Musik geträlliert. Die Leute reden in sämtlichen Sprachen und es sind Werbeplakate in Sprachen von allen Himmelsrichtungen zu sehen. Alles heiße Luft. Selbst mal ein Paar Monate in der Türkei leben und alles mitbekommen…

  4. Hülya sagt:

    Berlin ist eine kosmopolitische Stadt, warum soll dann die Sprachvielfalt nicht auf Werbeplakaten deutlich werden? Es würde sogar die Mentalität dieser Stadt unterstreichen.
    Natürlich bin ich als Indonesier beleidigt wenn nur die türkische Sprache und kein Bahasa zu sehen wäre oder als Kenianer kein Suaheli .
    Ein Motiv zur visuellen Darstellung und dann mit je unterschiedlichen Sprachen interpretiert würde sogar zu einem gegenseitigen Spracherwerb von einzelnen Vokabeln führen.
    Die Idee ist sehr gut; und einer Stadt wie Berlin würde es sogar gut stehen. Das bedeutet aber nicht, dass es auf andere Städte zu übertragen wäre.

    • Mehmet sagt:

      Warum wäre ich denn bitteschön als Türke beleidigt, wenn da kyrillische Plakate nicht lesbar sind? Mal ernsthaft nachgedacht: Eine Werbung möchte die russische Bevölkerung ansprechen. Wenn man die Werbung auf deutsch anbringen würde, würde es jeder sehen und es würde keinen interessieren außer die Russen. Steht sie auf einmal auf kyrillisch dort, regt man sich auf, dass man es nicht verstehen kann?! Hepsi hava (Alles heiße Luft ;-) )

  5. Schneter sagt:

    Was heisst denn eigentlich „avrupa’ya hos geldin Türkiye!“?

  6. Hammercastle sagt:

    Da kaum noch ein, wie Herr Özdemir es einmal so treffend formulierte, ‚Biodeutscher‘ noch die SPD wählt, so muss sich diese Partei halt nach einem neuen Volk umsehen. Irgendwer muss diese Partei bei ihrer Mission 18% doch unterstützen und wenn es eben die Türken sind. Viele von denen sprechen kein Deutsch, weil ihnen dazu der Willen oder die Fähigkeit fehlt, also läßt Münte eben türkischsprachige Plakate drucken. Für die, noch, reichste Patrei Europas ist das doch kein Problem.

  7. almabu sagt:

    Wenn ich diese Plakate sehe, kann ich nur sagen:

    Esto me viene español delante!

  8. Schneter sagt:

    Was heisst denn eigentlich “avrupa’ya hos geldin Türkiye!”?

  9. Andreas K sagt:

    jede partei die ihre wahlplakatte mehrsprachig verfaßt,muss sich eingestehen,das da was mit der integration nicht geklappt hat.

    ehrlicherweise muss ich sagen das es mich erfreut,denn diese mißstände klage ich seit jahren an.

    ich hoffe man ist nicht zu sehr entsetzt über meine rechte meinung:-)

    ihr dürfts gerne euren nationalszolz ausleben,aber hier in deutschland gehts mir auf den sack und schön ist es,das immer mehr leute so denken.

    was mich bedenklich stimmt,ist die meldung das die bundeswehr bei inneren unruhen eingesetzt wird in zukunft-warum wohl?????

    denkt nach