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Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Open Doors und die Christenverfolgung

Offene Türen und offene Propaganda

Von „200 Millionen verfolgten Christen“ berichten Medien dieser Tage. Politiker zeigen sich entsetzt über das Schicksal der „am stärksten verfolgten Glaubensgruppe“. Doch hinter der Schreckenszahl steckt die unseriöse Studie einer evangelikalen Missionsgesellschaft.

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Kreuz (Symbolfoto) Charles Clegg @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Für viele Christen war 2016 kein gutes Jahr: In Pakistan starben Dutzende bei einem Autobombenanschlag. In Nordkorea können Zehntausende Christen ihre Religion nur im Verborgenen ausleben. Und in Syrien und Irak bedroht der Terror des selbsternannten Islamischen Staat die Existenz von Jahrtausende alten christlichen Glaubensgemeinschaften.

Auf das Schicksal der verfolgten Christen weltweit will der Verein Open Doors einmal im Jahr mit seinem „Weltverfolgungsindex“ aufmerksam machen. In Medien erscheinen dann Schlagzeilen wie „Verfolgung von Christen nimmt weltweit zu„, „Zahl der verfolgten Christen verdoppelt sich“ oder „Islamisten bleiben größte Gefahr für Christen“ und Politiker – Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder – zeigen sich „in tiefer Sorge„.

In diesem Jahr scheint die Lage besonders dramatisch. Denn anstatt von 100 Millionen wie in den Vorjahren, berichtet Open Doors in diesem Jahr sogar von „200 Millionen verfolgten Christen“. Das Problem daran: Die Zahlen stimmen sehr wahrscheinlich nicht. So weit verbreitet der Bericht zur Christenverfolgung von Open Doors auch ist, so fragwürdig sind die Methoden der Organisation.

Die gesamte Untersuchung basierte auf einem einzigen Fragebogen

Die Mängel in der Arbeit an Organisation werden bereits auf den ersten Seiten ihres Weltverfolgungsindex deutlich: In vergleichbaren Berichten wird an dieser Stelle meist erklärt, wie sie das Ausmaß von Verfolgung und Diskriminierung herausgefunden werden soll. Organisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch verweisen dann auf eigene Untersuchungen vor Ort, repräsentative Umfragen, die Auswertung von Medienberichten oder Studien durch Vereinte Nationen und NGOs. Die einzige Quelle der weltweit einflussreichsten Studie zur Christenverfolgung hingegen: ein Fragebogen.

Auf seiner Website erklärt Open Doors knapp, dass ein Katalog aus 96 Fragen im Zentrum der Studie steht. Dieser wird nicht an potenziell verfolgte Christen weltweit oder an lokale NGOs versandt, stattdessen füllen ihn „Analysten, Forscher und Fachleute von Open Doors“ aus – also die eigenen Mitarbeiter. Zwar verspricht Open Doors auf seiner Website, das Ergebnis von „externen Experten“ prüfen zu lassen. Doch diese sind weder wirklich „extern“ noch „Experten“. Zuständig für die Prüfung ist das „Internationale Institut für Religionsfreiheit“. Der Verein mit Sitz in Bonn stammt aus demselben evangelikalen Umfeld wie Open Doors selbst.

Als verfolgt gelten schon Kinder mit schlechteren Bildungschancen

Auch bei der Definition von Verfolgung und Diskriminierung geht Open Doors eigene Wege. Während sich andere Organisationen an rechtlich oder wissenschaftlich anerkannten Definitionen orientieren, legt Open Doors für sein Ranking eine eigene, sehr weit gefasste Definition von Verfolgung zugrunde. Als verfolgt gelten Christen zum Beispiel schon dann, wenn „Kinder aufgrund ihres Glaubens oder des Glaubens ihrer Eltern keine oder nur eine schlechte Schulbildung bekommen.“

Vom katholischen Online-Magazin kath.net in einem Interview darauf angesprochen, dass Verfolgung etwas anderes sei als schlechte Bildungschancen, antwortete Open Doors-Chef Markus Rode einmal: „Es steht uns nicht zu, Christen per Definition vorzuschreiben, ob sie erst dann als verfolgt gelten, wenn sie gefoltert oder ins Gefängnis geworfen werden, oder bereits wenn ihre Kinder von Ausbildungs- und Berufschancen bewusst ausgeschlossen werden.“ Verfolgung werde – so Rohe – „von den Christen vor Ort subjektiv, und somit unterschiedlich stark erlebt“. Das klingt sympathisch aus dem Mund von jemanden, der Angst um verfolgte Glaubensgenossen hat. Als Grundlage für eine glaubwürdige Studie einer Menschenrechtsorganisation taugt das nicht.

Gar nicht aus dem Bericht geht hervor, woher der medial verbreitete Superlativ „am stärkste verfolgte Glaubensgruppe“ stammt, schließlich wird die Verfolgung anderer Glaubensgruppen gar nicht erst untersucht. Wahrscheinlich wurde einfach die absolute Zahl von 200 Millionen Verfolgten als Gradmesser genommen. Sieht man davon ab, dass die Wahrscheinlichkeit individueller Verfolgung bei kleinen Glaubensgruppen wie den Bahai wesentlich höher sein dürfte, zeigt auch der Umkehrschluss, wie absurd diese Logik ist: Auf Basis der Zahlen von Open Doors könnte man das Christentum mit 1,9 Milliarden Anhängern, die nicht verfolgt werden, auch zur am wenigsten verfolgten Glaubensgruppe erklären.

Evangelische Kirche wirft Open Doors „Pegida-Argumentationsweise“ vor

Der Weltverfolgungsindex ist nicht der einzige Fall, in dem Open Doors mit einer unseriösen Studie in die Medien schaffte. Am 9. Mai letzten Jahres gab der Verein eine Studie über „Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland“ Flächendeckend würden in Aufnahmeeinrichtungen christliche Flüchtlinge von muslimischen Flüchtlingen und Sicherheitspersonal drangsaliert und bedroht. Es herrsche ein Klima der „Angst und Panik“.

Kurz nach der Veröffentlichung musste Open Doors zurückrudern, als bekannt wurde, dass fast zwei Drittel der mutmaßlichen Opfer aus einer einzigen Gemeinde in Berlin stammten. In der Studie hatte Open Doors allerdings geschrieben: „Die Erhebung fand deutschlandweit statt.“ In mehreren Fällen meldeten sich außerdem Mitarbeiter der gescholtenen Flüchtlingsunterkünfte öffentlich zu Wort und widersprachen der Darstellung des Berichts. Sogar die Evangelische Kirche kritisierte die Studie als „unseriös“ und warf Open Doors vor, „Züge der Pegida-Argumentationsweise“ zu übernehmen. Doch Schlagzeilen wie „Studie zu Flüchtlingsheimen: Bis zu 40.000 Nicht-Muslime drangsaliert“ waren da längst in der Welt.

Mehr evangelikale Missionsgesellschaft als ernstzunehmende Menschenrechtsorganisation

Wer verbirgt sich hinter der Organisation, die es wie kaum ein anderer Akteur geschafft hat, die Berichterstattung über die Diskriminierung von Christen zu bestimmen? Die Organisation, die es geschafft hat, Christen das Label der meist verfolgten Glaubensgruppe zu verleihen, hat seinen deutschen Sitz im hessischen 30.000 Einwohner-Städtchen Kelkheim. 60 Mitarbeiter kümmern sich von dort aus um die Christen dieser Welt. Und die, die es noch werden könnten. Denn Open Doors ist im Kern eine evangelikale Missionsgesellschaft. Ihre Haupttätigkeit: das Verteilen von Bibeln in Entwicklungsländern – millionenfach.

Und durch noch etwas grenzt sich Open Doors von echten karitativen Organisationen ab: Während die Arbeit von bekannten christlichen Hilfsorganisationen wie der Caritas oder Brot für die Welt sich auch an Menschen anderer Religionen und Konfessionen richtet, widmet Open Doors sein Engagement explizit nur Christen. Anders als die meisten großen gemeinnützigen Vereine in Deutschland trägt Open Doors deshalb auch nicht das „Deutsche Spendensiegel“, das vom unabhängigen Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen verliehen wird.

Kritik an Open Doors kommt auch von den großen Kirchen in Deutschland

Kritik an der Arbeit von Open Doors kommt auch immer wieder aus Reihen, die eigentlich dasselbe Anliegen teilen: „Ich habe große Zweifel daran, dass diese Zahlen solide sind“, sagte der Nürnberger Theologe und Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats Heiner Bielefeld im Jahr 2012 und kritisierte die Tendenz der Organisation, vorzugsweise den Islam für die Diskriminierung von Christen verantwortlich zu machen und „Religionen gegeneinander auszuspielen.“

Auch in den beiden großen Kirchen in Deutschland zweifelt man an der Aussagekraft des Weltverfolgungsindex. „Ich glaube nicht, dass es sehr aussagekräftig ist, ob es nun eher 50 oder 70 oder 100 Millionen verfolgte Christen gibt“, sagte der evangelische Auslandsbischof Martin Schindehütte schon 2013 bei der Vorstellung eines eigenen Berichts zur Christenverfolgung. Anders als Open Doors legte der gemeinsame Bericht der Deutschen Bischofskonferenz und Evangelischen Kirche in Deutschland die Definition und Untersuchung der Christenverfolgung in die Hände eines anerkannten und unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsinstituts.

Auch ihr Bericht belegt zahllose Fälle von Christenverfolgung auf der Welt. Von Superlativen und absoluten Zahlen ist hier aber keine Rede. Stattdessen stellt der Bericht fest, dass „Fallkonstellationen, in denen ausschließlich oder vor allem Christen bedrängt oder verfolgt werden, eher die Ausnahme bilden“. Und: „Restriktionen bei der Ausübung des Glaubens sind in der Regel in ein Umfeld eingebettet, das allgemein von Einschränkung und Bevormundung geprägt ist. Dabei wird auch die Freiheit anderer Religionen missachtet…“  Der Bericht endet mit einem unverhohlenen Seitenhieb auf Open Doors: Es sei im Interesse der christlichen Kirchen, „Religions- und Weltanschauungsfreiheit als Gemeingut zu verstehen (…), dessen Verwirklichung ohne Ab- und Ausgrenzung auskommt.“

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3 Kommentare
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  1. President Obama sagt:

    Jetzt weiß ich endlich Bescheid. Wahrscheinlich sind es doch nur 50 oder 60 Millionen Christen. Das ist ja nicht so schlimm…..

  2. karakal sagt:

    Wenn man nur die Christen ohne die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften nimmt und dann vielleicht noch auf einige muslimische Länder verweist, in denen Christen verfolgt werden, kann dies angesichts der allgemeinen Islamophobie suggerieren, daß nicht auch Muslime von Christen verfolgt werden, wie bspw. in der Republik Zentralafrika, und es wird auch ausgeblendet, daß in einigen Ländern Christen und Muslime oder bestimmte Gruppierungen unter den Muslimen gleichermaßen Opfer von Verfolgung sind. In Pakistan gibt es Anschläge nicht nur auf christliche Kirchen, sondern auch auf schiitische Moscheen und letztere vielleicht noch mehr.

  3. Rudolf Stein sagt:

    Diese Diskussion erinnert mich an den Streit um die 6 Mio. ermordeten Juden im Dritten Reich. Da gibt es politische Korintenkacker, solche mit durchsichtigen Motiven, die diese Zahl von 6 Mio. auf „lediglich“ 3 oder 4 Mio. reduziert haben wollen. Als ob nicht EIN ermordeter Jude schon zu viel gewesen wäre!



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