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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Aslydebatte

„Gutmensch“ ist Unwort des Jahres

Nachdenken über Sprache ist Ziel bei der Kür des Unwortes des Jahres. Die Jury wählte nun „Gutmensch“ aus. Der Begriff richte sich abwertend gegen Engagierte insbesondere in der Flüchtlingshilfe.

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Unwort des Jahres © MiG

Das Unwort des Jahres 2015 lautet „Gutmensch“. Mit diesem Begriff würden insbesondere diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen, sagte Jury-Sprecherin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt nach der 25. Unwort-Wahl. Mit dem Vorwurf „Gutmensch/Gutbürger/Gutmenschentum“ würden „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert“. Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindere einen demokratischen Austausch von Sachargumenten.

Außerdem gerügt wurde der Begriff „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit Griechenland. Er sei insbesondere von Politikern und Journalisten benutzt worden, um Unzufriedenheit damit auszudrücken, dass die griechische Regierung geforderte Reformen nicht wie verlangt umsetze. Das Wort degradiere souveräne Staaten und deren demokratisch gewählte Regierungen zu „unmündigen Schulkindern“. Der Begriff entspringe einer „Schule der Arroganz und nicht der Gemeinschaft“. An dritter Stelle wählte die Jury das Wort „Verschwulung“ aus einem Buchtitel des Autors Akif Pirincci. Der Ausdruck und die damit von dem Autor gemeinte „Verweichlichung der Männer“ stelle eine Diffamierung Homosexueller dar.

Eine unabhängige Jury aus Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten und einem Kabarettisten hatte die Begriffe aus 669 verschiedenen Vorschlägen aus dem In- und Ausland ausgewählt. Insgesamt gab es 1.644 Einsendungen. Die Begriffe „Gutmensch/Gutbürger/Gutmenschentum“ wurden insgesamt 64-mal und damit am dritthäufigsten vorgeschlagen. Dreiviertel aller eingesandten Wörter entstammten dem Themenfeld Flüchtlinge/Asyl, wie die Sprachwissenschaftlerin Janich sagte, die an der Technischen Universität Darmstadt lehrt.

Auf den Plätzen folgten die Begriffe „Willkommenskultur“ (113 Einsendungen), „besorgte Bürger/besorgter Bürger“ (58), „Grexit“ (47), „Wir schaffen das!/Wir schaffen das schon!“ (46), „Flüchtlingskrise“ (42), „Wirtschaftsflüchtling/Wirtschaftsflüchtlinge“ (33), „Asylgegner/Asylkritiker/asylkritisch/Asylkritik/Zuwanderungskritiker“ (27) sowie „Griechenlandrettung/Griechenrettung/Griechenlandhilfe“ (27).

Bisherige Unworte

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 von einer sprachkritischen Initiative gekürt. „Unwörter“ waren in den vergangenen Jahren „Lügenpresse“ (2014), „Sozialtourismus“ (2013″), „Opfer-Abo“ (2012) und „Döner-Morde“ (2011).

Die sprachkritische Aktion wurde 1991 von dem Frankfurter Germanistikprofessor Horst Dieter Schlosser initiiert. Die Aktion möchte den Blick auf Wörter und Formulierungen lenken, „die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“ und dadurch die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern. „Mit der Unwort-Wahl wollen wir keine Sprachzensur ausüben, sondern das Nachdenken über Sprache und einen verantwortungsvollen Umgang mit ihr anregen“, betonte Janich.

Janich ist seit 2011 Jury-Sprecherin. Weitere Mitglieder sind die Sprachwissenschaftler Jürgen Schiewe (Universität Greifswald), Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Martin Wengeler (Universität Trier) sowie der freie Journalist Stephan Hebel. Externer Juror war in diesem Jahr der Kabarettist Georg Schramm. (epd/mig)

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4 Kommentare
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  1. AFDlerin sagt:

    „Gutes“ kann sehr schnell zu „Bösem“ werden. Das geschieht dann, wenn man Idealen und Wunschträumen blind hinterherläuft, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Die Welt besteht nämlich nicht aus „gut“ und „böse“ sie ist vielmehr komplex. Ein Gutmensch ist ein Mensch, der die Komplexität der Welt ignoriert, weil er „gut“ sein will. Er will sich als edler Mensch sehen.
    Mancher Gutmensch will z.B. Zuwanderung, weil er der Ansicht ist, dass das „gut“ sei. Die potenziellen Probleme (Wohnungsmangel, Bildungsdefizite, Kriminalität, hohe Belastung der Kommunen und Sozialeinrichtungen usw.) werden ignoriert, weil das dem „Guten“ im Weg steht. Wenn man so will, ist der Gutmensch ein naiver Fundamentalist. Der Begriff selbst stammt aus Frankreich und wurde von Marx und Nietzsche übernommen, hat also eigentlich nichts mit den „Rechten“ zu tun. Der Gutmensch ist im Grunde nicht in der Lage, denjenigen, der seine Ideale nicht teilen will, zu verstehen. Er ist also genau das Gegenteil des dialogbereiten, politsch mündigen Bürgers!

  2. Mensch2016 sagt:

    Sie formulieren bis auf den entlarvenden Schluss zwar vorsichtig, scheinen letztlich aber doch das zu machen, was die Jury mit ihrer Entscheidung kritisiert hat: Sie unterstellen „blindes Hinterherlaufen“, maximale Naivität etc., wo ebenso gut bewusste Haltungen aufgrund sorgfältiger Abwägung vorliegen können. Marx und Nietzsche hin oder her, die real erlebbare Verwendung des G-Worts war die einer unterschiedslosen Diffamierung legitimer Haltungen.
    Eine Frage: Wie lässt sich für Sie von außen unterscheiden, ob sich jemand „als edler Mensche sehen“ will oder ob er schlicht davon überzeugt ist, dass eine Option richtiger ist als die andere?

  3. AFDlerin sagt:

    @Mensch2016 Der Fehler liegt darin, dass „Erfahrung“, „Tradition“ und die Bindung an beide als „lästig“ und „überholt“ gelten. Aus gleichem Grund wird eine tiefere „Bildung“ (nicht als instrumentelles „Faktenwissen“ verstanden) in modernen Zeiten gerne verachtet.
    Der Mensch kann sich nicht alleine auf seine Vernunft und seine eigene Willensentscheidung verlassen. Kaum ein Mensch bewältigt den Alltag, indem er sich ständig bewusst der „Vernunft“ bedient. Er orientiert sich vielmehr an Erfahrungswerten, an Gewohnheiten, bewährten Handlungsmaximen usw. Das ist auch grundsätzlich richtig so, da menschliches Handeln ohne die Benutzung von Erfahrung, allein auf Vernunftsbasis äußerst fehlerbehaftet wäre.
    Unsere modernen Politiker ignorieren – mit wenigen Ausnahmen – die Erfahrung. Sie sind ganz Kinder der Aufklärung, selbstbestimmt, erwachsen, selbständig, auf ihre Weise auch fähig. Was ihrem Willen, die Welt zu formen, im Weg steht, wird – nicht selten – bekämpft. In diesem Punkt sind sich viele demokratische Politiker und solche aus autoritären Systemen sehr ähnlich. Was ich kritisiere, ist nicht die Entscheidung des Indviduums für „Gut“ oder „Böse“, für ethisch „richtig“ oder „falsch“, sondern die Tendenz, den Menschen zum Herren der Welt zu machen. Mich stört weniger, w a s die Politiker denken, sondern w i e sie denken, die Form des Denkens. Der vormoderne Mensch war sich seiner Fehlerhaftigkeit und Unzulänglichkeit bewusst, der moderne Mensch glaubt an Fortschritt und die Unfehlbarkeit rationalen Handelns. Deswegen hat man ja auch die Religion abgeschafft, eben aus dem Grund, weil sie hinderlich ist. Selbstzweifel sind da nur im Weg. Genau deshalb bin ich dafür, dass Gutmenschen, wenn sie schon so gut sein wollen, erst einmal ihren eigenen Standpunkt überprüfen („pro“ und „contra“) und versuchen sich nicht an ihren Idealen zu orientieren, sondern an der Erfahrung. Genau das ist ja der Unterschied zischen einem Buschkowsky und anderen Politiker. Der eine spricht aus praktischer Erfahrung und viele andere aus einer gutmenschlichen Regung heraus, meist um sich selbst zu gefallen. Da kann doch nur „Murks“ herauskommen“!
    Ich lasse es mir nicht nehmen, „Gutmenschen“ und wurzellose „Vernunftsmenschen“ sind für mich auf ihre Weise „gefährlich“. Der scheinbar kritische Zeitgeist der 68er hat stets bei den „anderen“ angesetzt, nicht bei sich „selbst“. Wieso soll ich deshalb die Linken lieben? Ich kann mit der „Religion“ der Linken nichts anfangen. Dahinter steckt doch nur der geballte Egoismus bindungsloser kapitalistischer Kleingeister, die gar nicht so „sozial“ sind, wie sie immer tun!



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