Anatol Stefanowitsch, Sprachlog, Sprachwissenschaftler
Anatol Stefanowitsch © privat, bearb. MiG

Unwort des Jahres 2015

War „Gutmensch“ tatsächlich prägend für die Debatten?

An der Arbeit der Sprachkritischen Aktion "Unwort des Jahres" habe ich ja selten etwas auszusetzen, und auch dieses Mal hätte sie es schlechter treffen können, als sie es mit der Wahl des Wortes Gutmensch getan hat.

Von Mittwoch, 13.01.2016, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 13.01.2016, 17:25 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die Verachtung und spöttische Delegitimation anständigen Verhaltens, die in diesem Wort zum Ausdruck kommt, hat nicht erst, aber auch im Jahr 2015 die öffentliche Diskussion geprägt und wenn die Wahl zum Unwort dabei hilft, eine Grundsatzdebatte darüber anzustoßen, dass die auf Solidarität und Hilfsbereitschaft aufbauenden Werte der Gutmenschen besser sind als die auf den eigenen Vorteil und das eigene Fortkommen aufbauenden Werte derer, die das Wort verwenden, wäre das ein Gewinn.

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Allerdings stellt sich die Frage, ob Gutmensch und die damit verbundene Ideologie tatsächlich besonders prägend für die Debatten des Jahres 2015 waren. Die waren ja (wie vom schon im Dezember gewählte Wort des Jahres eingefangen) vom Thema Flucht und Flüchtlinge geprägt. In diesen Zusammenhang stellt die Unwort-Jury ihre Wahl denn auch:

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Als „Gutmenschen“ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“ , „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert. Der Ausdruck „Gutmensch“ floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalk ritik an einem „Konformismus des Guten“ benutzt. [Pressemitteilung]

Der Begriff Gutmensch wird tatsächlich sehr einmütig von Neoliberalen (die ihn ursprünglich geprägt haben) und Rechten genutzt, und da letztere die Debatten 2015 bis weit in den medialen Mainstream hinein geprägt haben, ist die Wahl nicht unzeitgemäß. Allerdings hätte es m.E. eine Reihe von Wörtern gegeben, die das Wiedererstarken rechter Gedankenmuster im öffentlichen Diskurs prägen.

Ich denke da besonders an die Euphemismen, mit denen rassistische, nationalistische, fremdenfeindliche und rechtsextreme Positionen im Laufe des Jahres immer wieder belegt wurden – vom Asylgegner über den Asylkritiker und die Asylkritik bis zur Asyldebatte. Auch das Wort rechtspopulistisch, das die Unwort-Aktion selbst in ihrer Pressemitteilung verwendet, ist ein solcher Euphemismus, wenn er nicht für tatsächliche Rechtspopulisten (wie gewisse Spitzenpolitiker der CDU, CSU oder SPD) sondern für Rechtsextreme verwendet wird.

Diese (und ähnliche) Euphemismen signalisieren eine Angst, die Positionen, die sich derzeit wieder einmal vom rechten Rand in die Mitte unserer Gesellschaft ausbreiten, klar und deutlich beim Namen zu nennen. Damit tragen sie dazu bei, diese Positionen zu legitimieren, als Spielarten gesellschaftlich akzeptierter oder zumindest akzeptabler Meinungen darzustellen. Damit sind sie Teil einer subtilen, schwer erkennbaren Verschiebung von Werten, die viel gefährlicher ist als ein eigentlich schon etwas in die Jahre gekommenes Wort wie Gutmensch.

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  1. Magistrat sagt:

    Ich finde es entlarvend: wenn „Gutmensch“ für manche Gruppierungen als Beleidigung dient, stellen die sich damit als „Schlechtmenschen“ bloß. Für mich war auch Jesus ein Gutmensch. Immerhin geben die Pegidisten vor, seine Lehre zu verfechten. Jesus würde sie keines Blickes würdigen, die Schlechtmenschen.