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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Integration im 16:9 Format

Pogrom Rostock-Lichtenhagen niemals vergessen – 8/25

Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen zerstörte meine Bindung zu diesem Land. Deutschland, so glaubte ich, war meine Heimat und plötzlich nicht mehr. In diesen Tagen war es nicht gut, ein Ausländer zu sein. Auch in der heutigen Zeit nicht – Kommentar von Martin Hyun.

VONMartin Hyun

 Pogrom Rostock-Lichtenhagen niemals vergessen – 8/25
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein aktuelles Buch:

DATUM23. August 2012

KOMMENTARE13

RESSORTLeitartikel, Meinung

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Am 25. August 2012 jährt sich der Rostocker Pogrom zum 20-ten Mal. Auch 20 Jahre danach habe ich die Bilder noch klar vor meinen Augen. Wie ein Pferd, das mit einem glühenden Eisen gebrandmarkt wird, haben sich die Bilder in meine Seele eingebrannt. Aufgebrachte Menschen, die mit Steinen und Molotowcocktails das Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee in ein Flammen Inferno verwandelten. Ich höre das Klirren von eingeworfenen Fensterscheiben. Das Gebrüll der Menschen und der frenetische Applaus treiben den Mob dazu, weiterzumachen. Die Polizei schaut hilflos zu – gewollt oder ungewollt.

In jener Nacht befand ich mich nicht unter den Vietnamesen in der Mecklenburger Allee und musste keine Todesängste ausstehen. Ich war sicher und geborgen im Haus meiner Eltern, mehrere Hunderte von Kilometer vom Tatort entfernt. Ich war 13 Jahre alt und doch fühlte ich eine starke Verbindung zu den Vietnamesen im Sonnenblumenhaus. Ich war zu jung um die politischen und medialen Zusammenhänge zu begreifen. Aber ich war alt genug, um zu verstehen, dass es auch mir hätte passieren können. In den Augen der Einheimischen war ich genauso ein Schlitzauge, Fidschi und ungebetener Gast, wie die Vietnamesen in Rostock-Lichtenhagen. Damals habe ich mir geschworen, dass ich Rostock, niemals betreten werde. Bis heute kann ich diesen Menschen nicht verzeihen, die auf dieser Welle der Gewalt mitschwammen, sympathisierten, schwiegen und zu Mitläufer wurden. Es gibt keine Entschuldigung für diese abscheuliche Tat, die so eine Handlung rechtfertigen könnte.

„Ich sollte aus dem Land verschwinden, gaben mir die Menschen zu verstehen – ob im Osten oder im Westen. Deutschland gehört den Deutschen – Ausländer raus.“

Die Pogromnacht veränderte meine Sichtweise, aus der ich die Welt und die Gesellschaft bis dahin wahrnahm. Ich wurde mit der harten Realität der heimischen Gesellschaft konfrontiert. Unwiderruflich zerstörte es meine Bindung zu diesem Land, in der ich geboren wurde und dessen Staatsbürger ich bin. Deutschland, so glaubte ich, war meine Heimat und plötzlich nicht mehr. Ich sollte aus dem Land verschwinden, gaben mir die Menschen zu verstehen – ob im Osten oder im Westen. Deutschland gehört den Deutschen – Ausländer raus.

Nach Rostock-Lichtenhagen trat der Domino-Effekt ein. Der latente Rassismus, der Menschen brach aus. Für diese Menschen muss es eine Befreiung gewesen sein, ihren sonst unterdrückten Gefühlen freien Lauf zu lassen. Nach Rostock-Lichtenhagen folgten anderorts viele weitere Übergriffe auf Ausländer. In diesen Tagen war es nicht gut, ein Ausländer zu sein. Auch in der heutigen Zeit nicht. Es folgten Solidaritätsbekundungen und Lichterketten. Doch diese sind 20 Jahre danach erloschen und vergessen. Ich frage mich, wie das gesellschaftliche, mediale und politische Interesse bei „Stuttgart 21“ größer sein kann, als bei der Aufklärung des NSU-Terrors. Über Stuttgart 21 und das Aufbäumen der Menschen dort wurde täglich und ausführlich berichtet. So eine gründliche Berichterstattung verlange ich auch bei der Aufarbeitung des NSU-Terrors. Aber was kann man von einem Land erwarten, in der sich das Buch eines verbitterten, realitätsfernen Demagogen und wirren Greises mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, millionenfach verkauft? Da ist es wieder, der versteckte Rassismus, der auf diesen kleinen Funken wartet, um sich in ein Flammeninferno zu wandeln.

Rostock-Lichtenhagen darf nie vergessen werden. Denn es kann sich überall und zu jeder Zeit wieder ereignen. Traurig, wie so vieles muss das Rostocker Pogrom als Mahnmal für die abscheulichen Fähigkeiten der Menschen herhalten. Am Samstag den 25. August werde ich eine Kerze anzünden.

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13 Kommentare
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  1. Peter sagt:

    EIn guter Kommentar vom Autoren Martin Hyun. Sein Buch „Ohne Fleiß kein Reis“ sollte jeder gelesen haben. Ich habe mich köstlich amüsiert. Hyun hat Recht, wenn er behauptet, dass keiner eine „Integrationsministerin braucht, die eine gelungene Integration schon dann als gegeben ansieht, wenn Migranten eine feste Arbeit bei McDonalds finden und den Bio-Deutschen Hamburger servieren.“

  2. Gunda Gaukelei sagt:

    Der Progrom von Rostock-Lichtenhagen erscheint mir als wäre es gestern erst passiert. Unglaublich das 20 Jahre ins Land gezogen sind und anscheinend immer noch nicht viel dazu gelernt haben – der NSU-Terror gibt mir Recht! Traurig aber wahr!

  3. aloo masala sagt:

    Hallo Martin Hyun,

    Ihre Bindung zum Land, die Sie zerstört wähnen ist möglicherweise intakter als Sie selbst vermuten, jedoch unter den negativen Ereignissen der letzten zwei Jahrzehnte verschüttet. In diesem Land gibt es auch viele Menschen, die einem Gutes tun und einen unterstützen. Das vergisst man, weil negative Ereignisse in der Regel das Positive überlagern, sollte aber dennoch kein Grund sein, wegen des Bösen sich auch vom Guten zu ‚distanzieren‘.

    Gruß

    aloo masala

  4. Pietro S. sagt:

    Man kann dem Islam auch sehr gut ablehnend gegenüberstehen ohne Rassist zu sein. Sei es, weil man auf privater Ebene ein anderes Gottesbild erlernt hat, oder auf politisch-gesellschaftlicher Ebene ein anderes Ideal von gelebtem Miteinander hat.

  5. AHA sagt:

    Hat eigentlich irgendjemand von Euch Moralaposteln die Vorgeschichte recherchiert wie es denn überhaupt dazu kam? Jeder Zweite in Rostock arbeitslos und die staatlichen Verantwortlichen haben den Ansturm von tausenden Asylanten deutschlandweit zugelassen und noch schlimmer im Falle von Rostock haben sie viele Dinge ungeregelt schleifen lassen so das viele Asylanten vor benanntem Sonnenblumenhaus im Freien geschlafen und sprichwörtlich vor die Haustür geschissen haben. Es ist nicht die Schuld der Asylanten das das so war, jedoch ist es nun einmal so das das Problem zunächst immer in der nächsten Umgebung und unmittelbar gesucht wird und nicht bei den wirklich Verantwortlichen. Auch schlimm genug das niemand dieser Idioten zurückgetreten wurde.
    http://dokumentation.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/Dokumentation/2941938/5988858/79d88f/Dokumentation.html

  6. Songül sagt:

    „Auch 20 Jahre danach habe ich die Bilder noch klar vor meinen Augen. Wie ein Pferd, das mit einem glühenden Eisen gebrandmarkt wird, haben sich die Bilder in meine Seele eingebrannt.“

    Geht mir genauso.
    ——————-
    Was Sie als „Pogromnacht“ bezeichnen, bezeichnet der Spiegel als „Krawalle“. Sehr befremdlich.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-krawalle-in-rostock-lichtenhagen-jaehren-sich-zum-20-mal-a-851035.html

  7. Tom sagt:

    Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Hoyerswerda, NSU-Terror, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, Thilo Sarrazin – ich bitte Dich Aloo Masala – Was ist daran positiv? 20 Jahre sind vergangen und man hat keine Lehren daraus gezogen. Business as usual. Sicherlich gibt es auch gute Deutsche, die keine bösen Absichten haben. Aber leider sind sie in der Minderheit……

  8. Cengiz K sagt:

    …Die Pogromnacht veränderte meine Sichtweise, aus der ich die Welt und die Gesellschaft bis dahin wahrnahm. Ich wurde mit der harten Realität der heimischen Gesellschaft konfrontiert. Unwiderruflich zerstörte es meine Bindung zu diesem Land, in der ich geboren wurde und dessen Staatsbürger ich bin. Deutschland, so glaubte ich, war meine Heimat und plötzlich nicht mehr. Ich sollte aus dem Land verschwinden, gaben mir die Menschen zu verstehen – ob im Osten oder im Westen. Deutschland gehört den Deutschen – Ausländer raus…

    ja, so eine Erfahrung wird man sein Leben lang nicht los.. Das Signal oder die „message“ hat sich eingebrannt, wie bei einer Feuertaufe, hat sich in die persönliche Entwicklung eingebaut.. Kann ich alles wirklich sehr gut nach voll ziehen… Man freut sich umso mehr, wenn man Menschen begegnet, die nicht diesen negativen Eindruck vermitteln..

  9. Zensus sagt:

    Dieser seltsam-asoziale Mob von Rostock war sicher der Schandfleck auf dem Angesicht des vereinigten Deutschland, ist auch nicht zu relativieren durch „zugeschissene Hauseingänge“.
    Das Geschehen entlässt aber nicht aus der Pflicht der Verhinderung religiös-archaischer Bestrebungen, ein modernes europäisches Land zu orientalisieren; gegen den Willen der Bevölkerung!

  10. aloo masala sagt:

    @Tom

    Im Umkehrschluss bedeutet Ihre Aussage, dass die Mehrheit der Deutschen schlecht ist. Für mich ist das rassistischer Unsinn auf dem Niveau von Sarrazin.


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