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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Datenlage und Forschungsstand

Gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund

Die gesundheitlichen Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, fanden erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

6. Empfehlungen
Um die Gesundheitsversorgung für Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern und ihnen gleich gute Gesundheitschancen zu ermöglichen, sind Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen nötig. Die vom Europäischen Ministerrat in der Recommendation Rec(2006)18 detailliert ausgeführten Strategien und Empfehlungen für die Mitgliedsstaaten sind in Abbildung 2 kurz

Abb. 2: Empfehlungen – Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen auf verschiedenen Ebenen

  • Rechtlich
    Achtung der Menschen- und Patientenrechte u. Anti-Diskriminierungspolitik
  • Sozialpolitisch
    Erwerbs- und Bildungschancen verbessern
  • Qualitätsmanagement
    Ziele, Struktur-, Prozess- Ergebnisqualität auch für Patienten/innen und Adressat/innen mit Migrationshintergrund
  • Kommunikation, Information, Patientenaufklärung, Patientenrechte
    qualifizierte Dolmetscher, angemessene Materialien
  • Gesundheitsförderung
    Empowerment,Gesundheitskompetenzen stärken; soziale Anwaltschaft
  • Qualifizierung für Gesundheitsversorgung in multikultureller Gesellschaft
  • Forschung
    Entwicklung einer migrationssensiblen Wissensbasis

vgl. Recommendation Rec(2006)18 on Health Services in a Multicultural Society

zusammengefasst.

Die Entwicklung einer migrationssensiblen Wissensbasis und die Förderung einer systematischen Datensammlung und Forschung zur gesundheitlichen Lage und zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund ist in Deutschland als Grundlage für die Verbesserung des Zugangs, der Inanspruchnahme und der Qualität der Gesundheitsversorgung von und für Menschen mit Migrationshintergrund dringend erforderlich. Da Fehl-, Über- und Unterversorgung von spezifischen Bevölkerungs- bzw. Patientengruppen nur auf dieser Basis erkannt und gezielt entgegengewirkt werden kann, sollen die Empfehlungen für die Forschung etwas weiter ausgeführt werden.

6.1 Administrative Daten / Statistiken
In administrativen Daten ist eine einheitliche Definition und Identifikation der Menschen „mit Migrationshintergrund“ in ihrer Heterogenität erforderlich, um eine systematische Berichterstattung und die Vergleichbarkeit zu ermöglichen. Neben den klassischen soziodemografischen Indikatoren (Geschlecht, Alter, soziale Lage, Bildungsgrad) sind migrationsspezifische Indikatoren unabdingbar. Diese sollten mindestens umfassen:

  • Jahr der Einreise (Aufenthaltsdauer)
  • Geburtsort (eigene Migration) und
  • Geburtsort beider Eltern (Familie mit Migrationshintergrund) sowie  Staatsangehörigkeit (um den Vergleich mit früheren Erhebungen und Daten zu ermöglichen).

6.2 Qualitätsmanagement der Gesundheitsversorgungsinstitutionen
In den für das Qualitätsmanagement erforderlichen Datengrundlagen der Versorgung, Prävention und Rehabilitation sollten zusätzlich zu den o.g. Indikatoren

  • Muttersprache (Ethnizität)
  • Sprachpräferenz
  • Kenntnisse der deutschen Sprache (sprachliche Kompetenzen)

erhoben werden, um den Einfluss dieser Faktoren auf den Zugang, die Inanspruchnahme und die Qualität bzw. das Ergebnis der Gesundheitsversorgung systematisch feststellen zu können.

Gerade bei der Erfassung migrationssensibler Daten ist die Anwendung des vollen Datenschutzes dringend geboten.

6.3 Forschung
Für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesundheitsversorgung ist die Durchsetzung einer Forschungspraxis und -politik erforderlich, die eine gezielte Berücksichtigung migrationsspezifischer Aspekte verlangt und den systematischen Ausschluss von Menschen mit Migrationshintergrund verhindert.

Dazu ist eine angemessene Identifikation (siehe oben) und Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund in Studien nötig, die sich durch eine (Über)Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund in Forschungspopulationen, migrationssensible Zugangswege und die Partizipation von Forscher/-innen und Multiplikatoren/-innen mit Migrationshintergrund erreichen lassen.

Methodische Standards zur Repräsentation und Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund müssen ebenso wie migrationssensible Kompetenzen der Wissenschaftler/-innen weiter entwickelt werden. Analog zum „Gender Mainstreaming“ sollte in allen Phasen eines Forschungsprojekts (Forschungsfrage, theoretischer Rahmen, Literaturreview, Studiendesign und Stichprobe, Instrumente, Datensammlung, Datenanalyse, Ergebnispräsentation und Publikation, Schlussfolgerungen und Empfehlungen) eine systematische Berücksichtigung migrationsbezogener Aspekte im Sinne eines „Mainstreaming“ erfolgen.

Von Gutachter/-innen und Geldgeber/-innen sollte bei der Entscheidung über die Bewilligung von Forschungsanträgen eine wissenschaftlich begründete Erklärung verlangt werden, wenn Menschen mit Migrationshintergrund in Studienpopulationen nicht angemessen repräsentiert sind. Generell müssen die Investitionen für eine migrationssensible Forschung und Versorgungspraxis deutlich erhöht und der Mehraufwand für die Erreichbarkeit von Menschen mit Migrationshintergrund bei der Finanzierung von Forschungsprojekten berücksichtigt und abgesichert werden.

Neben großen quantitativ ausgerichteten Untersuchungen zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund bedarf es qualitativer Studien, um auf dem bisher wenig erforschten Gebiet Erkenntnisse zu gewinnen.

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  1. […] Prof. Dr. Theda Borde, Datenlage und Forschungsstand zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund […]



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