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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Datenlage und Forschungsstand

Gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund

Die gesundheitlichen Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, fanden erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

4. Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung
Auch über die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund ist relativ wenig bekannt. Die Berliner Notfallambulanzstudie zeigte, dass Patienten/-innen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Deutschen die Rettungsstellen überproportional häufig in Anspruch nahmen, deutlich jünger waren, häufiger am Wochenende sowie in den Abend- und Nachtstunden in die Rettungsstelle kamen, für den Transport seltener die Notfall- und Krankenwagen aber häufiger private oder öffentliche Verkehrsmittel nutzten und seltener stationär aufgenommen wurden (David, Braun et al 2006). Um die Angemessenheit der Inanspruchnahme zu bewerten, wurde ein Angemessenheitsindex der Rettungsstellennutzung entwickelt, der neben Indikatoren aus medizinischer Sicht auch patientenseitige Indikatoren berücksichtigt. Bei etwa der Hälfte der Patienten/-innen konnte danach die Rettungsstellennutzung als nicht angemessen bewertet werden. Als signifikante Einflussfaktoren für eine adäquate Inanspruchnahme erwiesen sich dabei nur ein höheres Patientenalter, das Vorliegen chronischer Erkrankungen und der Zeitpunkt der Vorstellung innerhalb der Praxisöffnungszeiten. Ein Migrationshintergrund der Patienten/-innen hatte dagegen keinen Einfluss auf die Angemessenheit der Inanspruchnahme (David, Schwartau et al 2006, Schwartau, Pant et al 2006).

Bei der Inanspruchnahme psychiatrischer Einrichtungen lassen sich für Immigranten/-innen häufigere Einweisungen unter Zwang beobachten, während sie in offenen stationären und teilstationären Bereichen sowie in den psychiatrischer Ambulanzen unterrepräsentiert sind (Machleidt et al 2005, Lindert et al 2009). Die generelle Tendenz einer zunehmenden Inanspruchnahme der Versorgung bei Depression und psychosomatischen Störungen durch Frauen, wird insbesondere bei Migrantinnen beobachtet (Rommel 2005). Präventive Angebote der Gesundheitsversorgung werden von Immigranten/-innen in deutlich geringerem Maße in Anspruch genommen (Spallek et al 2007, Bissar et al 2007, Zeeb 2004, Razum et al. 2008) und Selbsthilfegruppen werden bisher kaum genutzt (Kofahl et al. 2009). Bei türkeistämmigen Migrantinnen zeigt sich im Vergleich zu deutschen Frauen eine spätere Inanspruchnahme der ersten Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchung (David, Pachaly et al 2006). Aspekte der Zugänglichkeit und Annehmbarkeit der Angebote sowie die Bedeutung soziokultureller Faktoren auf das Gesundheits- und Inanspruchnahmeverhalten sollten weiter untersucht werden.

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