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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Datenlage und Forschungsstand

Gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund

Die gesundheitlichen Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, fanden erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

3. Forschungsstand zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund
Die vorliegenden Studien und Daten zum Gesundheitsstatus aus Deutschland weisen bei Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Einheimischen auf höhere Gesundheitsbelastungen und einen insgesamt schlechteren objektiven und subjektiven Gesundheitsstatus im gesamten Lebenszyklus hin (Razum et al 2008). Internationale Studien (aus Ländern, in denen die Ethnizität der Bevölkerung in administrativen Daten und in zahlreichen Studien systematisch erfasst wird) belegen den Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Benachteiligung und zeigen neben sozioökonomischen Faktoren die Bedeutung von Migrationsfaktoren, kulturellen Faktoren, Rassismus sowie der selektiven Wirkung der Gesundheitsversorgung als weitere Wirkfaktoren für die „ethnische Verteilung“ von Gesundheit und Krankheit auf (Andrews u. Jewson 1993, Smaje 1996).Diese komplexen Zusammenhänge legen nahe, dass die gesellschaftliche Inklusion eine wesentliche Grundlage für die Verbesserung der Gesundheitschancen von Immigranten/-innen bzw. ethnischen Minderheiten ist und dass die Gesundheitsversorgung ebenfalls eine zentrale Bedeutung hat. Im Folgenden werden einige Studienergebnisse vorgestellt, die Rückschlüsse auf den Zugang, die Inanspruchnahme und die Qualität der Versorgung für Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zulassen.

3.1. Zugang zur Gesundheitsversorgung
Als zentrale Zugangsbarrieren zur Gesundheitsversorgung werden für Menschen mit Migrationshintergrund drei Faktoren identifiziert, die einen direkten Einfluss auf den Gesundheitsstatus, die Inanspruchnahme und die Qualität der Gesundheitsversorgung haben (Mladovsky 2007, Riesberg u. Würz 2008):

  • Rechtlicher Zugang (Flüchtlinge, irreguläre Immigranten/-innen)
  • Sprache, Alphabetisierungsgrad, kulturelle Unterschiede
  • Administrative und bürokratische Faktoren (Systemkenntnisse, Misstrauen gegenüber Gesundheitsversorgung)

Da der größte Teil der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund einen gesicherten Aufenthaltsstatus hat und gesetzlich krankenversichert ist, stellen für diese Gruppe der Immigranten/-innen nicht die rechtlichen Regelungen sondern vor allem geringe Deutschkenntnisse, Lese- und Schreibfähigkeiten und Kenntnisse des Systems zentrale Barrieren dar, weil die Versorgungskonzepte bisher nicht auf die soziokulturelle Vielfalt eingestellt sind. Spezifische Probleme beim Zugang zur Gesundheitsversorgung ergeben sich in Deutschland für Asylbewerber/Flüchtlinge und irreguläre Migranten/-innen, da ihnen auf der Grundlage des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) nur eingeschränkte Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt sowie bei Präventivmaßnahmen (Schutzimpfungen und Vorsorge) zustehen. Wie folgende Studienergebnisse zeigen ist die Versorgung darüber hinaus durch weitere Faktoren beeinträchtigt.

3.2 Asylbewerber/-innen und Flüchtlinge
Zur gesundheitlichen Versorgung von Flüchtlingen liegen nur sehr wenige Publikationen vor, die sich zumeist auf die seelische Gesundheit und übertragbare Erkrankungen konzentrieren und in spezifischen Settings wie Behandlungszentren für Folteropfer oder tropenmedizinischen Einrichtungen durchgeführt wurden. Nørredam (2007) zeigt für Flüchtlinge und Asylbewerber/-innen eine erhöhte Vulnerabilität durch die Erfahrungen im Herkunftsland und die Bedingungen im Aufnahmeland. Obwohl dadurch ein erhöhter Versorgungsbedarf anzunehmen ist, verzögern Flüchtlinge aufgrund der eingeschränkten Leistungen und erschwerten Transportmöglichkeiten die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung bei Gesundheitsproblemen (Riesberg u. Würz 2008). Steffan u.Sokolowski (2005) stellten bei Flüchtlingen geringe Kenntnisse zu Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten und Übertragungswegen von Infektionskrankheiten fest.

3.3 Irreguläre Immigranten/-innen
Bei Migranten/-innen ohne gültige Aufenthaltspapiere stehen dem Recht auf Gesundheit insbesondere in Deutschland massive Barrieren zur Gesundheitsversorgung gegenüber (vgl. PICUM 2007). Es ist von einer geringen Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung auszugehen, da bei der Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung die Gefahr der Entdeckung des irregulären Status und einer „Abschiebung“ riskiert werden. Fallbeispiele zeigen Verschlimmerung von Krankheitsverläufen aus Angst vor Aufdeckung (Deutsches Institut für Menschenrechte 2007). Obwohl das AsylbLG Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt vorsieht, zeigt eine Untersuchung von Castañeda (2009), dass ein irregulärer Status zu Einschränkungen in der Qualität und Quantität der Versorgung für Mütter und Säuglinge führt. Die Untersuchung zeigt bei Migranten/-innen „ohne Papiere“ eine verzögerte Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung, Schwierigkeiten bei Verletzungen und anderen akuten Erkrankungen medizinische Hilfe und bei chronischer Krankheit Medikamente zu bekommen. Darüber hinaus besteht ein Mangel an Versorgung von seelischen Gesundheitsproblemen für irreguläre Migranten/-innen. Verschiedene NGOs wie die Medibüros oder die MalteserMigrantenMedizin (MMM) oder auch Angebote seitens der Gesundheitsämter (z.B. in Bremen und Frankfurt/Main) bieten kompensatorische Versorgungsstrukturen an, die allerdings nicht dem Versorgungsbedarf entsprechen und Finanzierungsfragen weitgehend offen lassen. Vertreter/-innen dieser Einrichtungen fordern innovative Wege der Finanzierung der Leistungen über anonymisierte Krankenscheine oder einen staatlichen Fonds (vgl. Beiträge in Borde, Papies-Winkler, David 2009). Weitere Studien zur Qualität der Versorgung unter den Bedingungen des AsylbLG sind dringend geboten.

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  1. […] Prof. Dr. Theda Borde, Datenlage und Forschungsstand zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund […]



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