MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Datenlage und Forschungsstand

Gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund

Die gesundheitlichen Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, fanden erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

2. Datenlage zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund
Der vom Robert Koch-Institut herausgegebene Gesundheitsbericht Migration und Gesundheit (Razum et al. 2008) belegt die verstärkte Aufmerksamkeit auf die gesundheitliche Lage von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Probleme der Datenlage, die durch uneinheitliche Definitionen der Zielgruppe in vorliegenden statistischen Datenquellen und Gesundheitsberichten charakterisiert ist, werden hier aufgezeigt. Studien zur gesundheitlichen Lage von Menschen mit Migrationshintergrund, die auf migrationsspezifischen Auswertungen vorliegender administrativer Daten basieren, verwenden daher zumeist Hilfskonstrukte wie Namensanalysen (Spallek et al 2006) oder greifen auf den Indikator der Staatsangehörigkeit zurück, der die Migrationsrealität in Deutschland allerdings nicht mehr angemessen abbildet. Problematisch ist auch die Vergleichbarkeit internationaler Studien zur Gesundheitlichen Lage von Immigranten/-innen, denn je nach Land und historischem Kontext werden unterschiedliche Indikatoren (wie Staatsangehörigkeit, Migrationshintergrund, Ethnizität bzw. race) für die Definition der Zielgruppe verwendet (vgl. Borde 2005, Johnson u. Borde 2009).

Über die Situation von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesundheitsversorgung liegen in Deutschland nur bruchstückhafte Kenntnisse vor, denn neben den o.g. Problemen in den administrativen Daten, konzentrieren sich bisher nur wenige kleinere Studien auf die Gesundheitsversorgung von Immigranten/-innen. Diese beziehen sich meist auf spezifische Behandlungssettings, sind regional begrenzt, weisen Einschränkungen hinsichtlich der untersuchten Gruppen (Stichprobengröße, Krankheitsbilder, Altersgruppen, Geschlecht) auf und umfassen selten einheimische deutsche Vergleichsgruppen. In allgemeinen Studien der Versorgungsforschung sind Menschen mit Migrationshintergrund deutlich unterrepräsentiert, so dass hieraus keine Erkenntnisse zu deren Versorgungslage gewonnen werden können. Die mangelnde Repräsentation erklärt sich durch spezifische Zugangsbarrieren der Wissenschaft, wobei „schwer erreichbare“ Gruppen – z.B. durch die Definition von Einschlusskriterien wie „gute deutsche Sprachkenntnisse“ aber auch durch monokulturelle und mittelschichtorientierte Forschungskonzepte – systematisch ausgeschlossen werden (Borde 2005).

Anhand unserer Studie zu den Wechseljahren bei Immigrantinnen und deutschen Frauen (Borde, Boral et al. 2007) lässt sich das Ausmaß des möglichen systematischen Ausschlusses exemplarisch aufzeigen: So erfolgte die Gewinnung der 45-60jährigen Studienteilnehmerinnen zunächst über eine repräsentative Stichprobenziehung des Einwohnermeldeamtes und die postalische Verteilung von jeweils 1000 Fragebögen an deutsche Frauen sowie türkeistämmige und asiatische (Japan, China u. Korea) Immigrantinnen in Berlin. Trotz zweimaliger Erinnerungsschreiben erwies sich der Rücklauf in dieser schriftlichen und anonymen Befragungsphase vor allem bei den Immigrantinnen als sehr enttäuschend, denn nur 4,8% türkeistämmigen, 11,4% der asiatischen Migrantinnen und 25,4% der deutschen Frauen hatten den Fragebogen ausgefüllt und zurückgeschickt. Dieses Ergebnis bestätigt die Rücklaufquoten anderer Studien (sofern überhaupt der Rücklauf bei Immigranten/-innen gesondert ausgewiesen wird) und zeigt, dass neue Wege nötig sind, um Menschen mit Migrationshintergrund in Befragungen zu erreichen und zu repräsentieren. In unserer Studie erfolgte eine ergänzende zweite Erhebungsphase, bei der die Frauen der drei Zielgruppen im „Schneeballsystem“ mit Unterstützung von Multiplikatorinnen gewonnen und anhand des Fragebogens in standardisierten Interviews in den relevanten Sprachen mündlich befragt wurden. Dieses Verfahren erwies sich zwar als zeit- und kostenaufwendig, aber im Hinblick auf die Erreichbarkeit und Beteiligung weiterer einheimischer und zugewanderter Frauen als sehr erfolgreich. Insgesamt konnten in 264 türkeistämmige und 280 aus den asiatischen Ländern stammende sowie 418 deutsche Frauen Berlin für die Studienteilnahme gewonnen werden.

Die Unterrepräsentation als „schwer erreichbar“ betrachteter Bevölkerungsgruppen (Brackertz 2007) in der Forschung hat direkte Auswirkungen auf deren Wahrnehmung in der Gesellschaft und auf ihre Situation in Versorgungsinstitutionen. Denn in der Forschung “versteckte Bevölkerungsgruppen” (Atkinson u. Flint 2001) bleiben „sozial unsichtbar“ und führen in der Gesundheitsversorgung zur Existenz „unterversorgter Gruppen”, bei denen allgemeine Versorgungsleistungen nicht oder unvollständig ankommen (Doherty et al. 2004).

In den letzen Jahren haben sich verschiedene Forschungsgruppen in Deutschland intensiv mit der Entwicklung migrationssensibler Studiendesigns und der Frage nach einer angemessenen Repräsentation des Migrationsstatus in der Gesundheitsforschung befasst (Borde 2005, Schenk u. Neuhauser 2005, Spallek et al 2006, Robert Koch-Institut 2006, Schenk, Bau, Borde et al 2006, Butler, Albrecht et al. 2007). Durch gezielte methodische Schritte gelang es im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) erstmals Kinder und  Jugendliche mit Migrationshintergrund angemessen zu repräsentieren und Erkenntnisse zum Einfluss eines Migrationshintergrundes auf die Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen zu gewinnen (Schenk 2002, Schenk, Neuhauser et al 2008).

Seite: 1 2 3 4 5 6 7
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

Ein Kommentar
Diskutieren Sie mit!»

  1. […] Prof. Dr. Theda Borde, Datenlage und Forschungsstand zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund […]



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...