Esther Malhotra, EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt, Flucht, Migration, Arbeit, Rassismus
Esther Malhotra © privat, Zeichnung: MiG

Arbeitsmigration in Sachsen-Anhalt

Diskrepanz zwischen Brauchen und Wollen

Ihre Arbeit soll unseren Wohlstand sichern. Doch ihre Anwesenheit stößt auf Ablehnung. Sachsen-Anhalt muss sich diesem Widerspruch stellen.

Von Mittwoch, 04.11.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 04.11.2026, 10:02 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

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Als die 20-jährige Alexa Ramos aus Kolumbien ihre Pflegeausbildung in Quedlinburg begann, wollten manche ältere Patienten lieber von einer deutschen Pflegekraft betreut werden. Inzwischen ist sie einigen von ihnen ans Herz gewachsen. Ramos lernt am Care Campus Harz, sie möchte in Sachsen-Anhalt arbeiten und bleiben. „Ich bin kein Problem für Sachsen-Anhalt“, sagt sie. Ihre Geschichte erzählt von der Möglichkeit, Vorurteile durch Begegnung zu überwinden. Sie erzählt aber auch davon, wie viel eine junge Frau erst leisten muss, um als Mensch akzeptiert zu werden – obwohl ihre Arbeit dringend gebraucht wird. Der Geschäftsführer der Einrichtung, Dr. Thomas Schilling, warnt vor einem drohenden Pflegenotstand: Ohne diese jungen Menschen aus dem Ausland werde die Versorgung nicht funktionieren.

Sie sollen unsere Eltern pflegen, unsere Häuser bauen und in unseren Fabriken arbeiten. Sie sollen Steuern zahlen, die Rentenkassen stützen und dort einspringen, wo Personal fehlt. Sachsen-Anhalt braucht Menschen aus anderen Ländern, damit das Leben, an das wir uns gewöhnt haben, weiter funktionieren kann. Doch sobald aus der benötigten Arbeitskraft ein Nachbar wird, aus der Kollegin eine Mutter mit eigenen Zukunftsplänen, zeigt sich die Grenze des vermeintlichen Willkommens. Ihre Arbeit ist erwünscht. Ihre Zugehörigkeit bleibt umstritten.

Das ist der Widerspruch, über den dieses Land sprechen muss. Wir beanspruchen die Leistungen einer Einwanderungsgesellschaft, ohne uns verlässlich zu ihrer Wirklichkeit zu bekennen. Wir wollen Versorgung, Produktion und bezahlbare Dienstleistungen. Gleichzeitig findet eine Politik breite Zustimmung, die Menschen aus anderen Ländern als Problem beschreibt. Als könne man ihren Beitrag zum Wohlstand bestellen und ihre Anwesenheit im Alltag abwählen.

Zwischen Personalbedarf und Ablehnung

Seit 2017 schrumpft in Sachsen-Anhalt demografisch bedingt die Zahl der deutschen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Ohne Zuwanderung fehlen perspektivisch auch Beiträge für die Sozialversicherungen und Steuereinnahmen. Besonders greifbar wird die Abhängigkeit zum Beispiel in Hotels und Restaurants. Hier stieg die Zahl ausländischer Beschäftigter zwischen 2019 und 2025 um 74 Prozent. Menschen, die Gäste empfangen, Essen zubereiten und Zimmer reinigen. Wer ihren Beitrag selbstverständlich in Anspruch nimmt, muss sich allerdings fragen lassen, warum ihre Anwesenheit außerhalb der Arbeitszeit zum gesellschaftlichen Problem erklärt wird.

„Ihre Arbeit ist erwünscht. Ihre Zugehörigkeit bleibt umstritten. Das ist der Widerspruch, über den dieses Land sprechen muss.“

Dasselbe gilt für die medizinische Versorgung. Bereits im Mai 2026 warnten die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt gemeinsam vor den Folgen einer Politik, die internationale Fachkräfte abschreckt. 18,55 Prozent der berufstätigen Ärzte im Land besitzen eine ausländische Staatsangehörigkeit. Gerade im ländlichen Raum ist eine flächendeckende Versorgung ohne sie nicht mehr sicherzustellen. Die Debatte über Zuwanderung entscheidet damit auch darüber, ob genügend Personal in der Notaufnahme arbeitet und ob eine Praxis auf dem Land geöffnet bleiben kann.

Die Ablehnung ist dabei keine bloße Randerscheinung. Unter AfD-Wählenden in Sachsen-Anhalt gehört Zuwanderung laut einer Wahltagsbefragung zu den wichtigsten Wahlmotiven. Wirtschaftliche Abhängigkeit erzeugt offenbar keineswegs automatisch gesellschaftliche Offenheit.

Wenn die Menschen, die wir brauchen, gehen

Was eine solche Stimmung auslösen kann, schilderte Undra Dreßler, Geschäftsführerin des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt. Ein Kinderarzt, der in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses in Sachsen-Anhalt arbeitete, hat am Abend der Landtagswahl aus Sorge um seine Zukunft ein Stellenangebot in Berlin angenommen. Der Entschluss macht den Widerspruch sichtbar: Ein Krankenhaus kann eine Fachkraft dringend benötigen und sie trotzdem verlieren, weil der Mensch hinter der Fachkraft keine verlässliche Zukunft mehr für sich sieht.

„Die Frage ist also nicht allein, ob Sachsen-Anhalt Menschen anwerben kann, sondern ob es sie halten will.“

Dr. Salah Layka leitet die neurochirurgische Abteilung des Harzklinikums in Quedlinburg. Er berichtet von Kollegen, die von Diskriminierung betroffen sind und von solchen, die nach dem Wahlergebnis über einen Wegzug nachdenken. Auch er könne nicht ausschließen, Sachsen-Anhalt irgendwann zu verlassen. Für hochqualifizierte Ärzte gibt es auch andernorts Arbeitsplätze. Die eigentliche Frage ist also nicht allein, ob Sachsen-Anhalt Menschen anwerben kann, sondern ob es sie halten will.

Willkommen als Arbeitskraft, nicht als Mensch?

Man stelle sich diese Haltung als Einladung vor: Ein Haus braucht dringend Menschen, die es instand halten. Die Tür wird geöffnet, solange sie reparieren, putzen und versorgen. Aber wenn sie eigene Zimmer beziehen, ihre Familien mitbringen und bei den Hausregeln mitreden wollen, beginnt die Debatte darüber, ob sie überhaupt hierher gehören. Genau hier liegt die politische Frage: Wollen wir Menschen aufnehmen – mit ihren Bedürfnissen, Beziehungen und Rechten? Oder wollen wir lediglich ihre Verfügbarkeit?

Die bequeme Antwort lautet, man wolle die richtigen Zuwanderer: diejenigen, die arbeiten, sich anpassen und niemandem zur Last fallen. Doch gesellschaftliche Abwertung hält sich nicht an solche Unterscheidungen. Auf der Straße ist niemandem anzusehen, ob er als Fachkraft angeworben wurde, als Geflüchteter gekommen ist oder einen deutschen Pass besitzt. Wer Herkunft, Hautfarbe oder Sprache zum Zeichen des Nichtdazugehörens macht, trifft auch die Menschen, nach denen Unternehmen suchen.

„Die Abwertung trifft auf eine Realität, in der Betroffene um ihre Sicherheit fürchten müssen.“

Politische Abwertung verschärft diese Lage. AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider beschrieb bei einem Auftritt 2025 in Osterwieck Menschen aus Afrika, dem Orient und Afghanistan pauschal als arbeitsunwillige Nutznießer deutscher Versorgung. Er verbreitet damit die Botschaft, dass bestimmte Menschen schon aufgrund ihrer Herkunft als Belastung gelten. Ihr tatsächlicher Beitrag wird unsichtbar gemacht.

Die Abwertung trifft auf eine Realität, in der Betroffene um ihre Sicherheit fürchten müssen. Die Mobile Opferberatung dokumentiert einen Messerangriff vom Februar 2025 auf zwei junge Männer in Magdeburg, die Arabisch miteinander sprachen. Einer musste operiert werden. Die Männer kamen von der Arbeit – ihre wirtschaftliche Nützlichkeit schützte sie nicht.

Verhinderte Fachkräfte

„Wir beklagen einen Mangel und erschweren zugleich, dass Menschen ihre Fähigkeiten einbringen.“

Auch Behörden und Betriebe senden Signale darüber, wer dazugehört. Rechtliche, behördliche und gesellschaftliche Hürden lassen vorhandene Fähigkeiten ungenutzt. Anerkennungsverfahren können notwendig sein. Doch wer Qualifikationen prüft, muss auch erreichbare Wege zur Anerkennung und Weiterbildung ermöglichen. Sonst lautet die Erfahrung: Für irgendeine Arbeit reicht es, für den eigenen Beruf offenbar nicht.
Fachkraft gesucht – Hilfsarbeiter beschäftigt? Diese Frage legt einen weiteren Widerspruch offen: Wir beklagen einen Mangel und erschweren zugleich, dass Menschen ihre Fähigkeiten einbringen.

Wenn aus Arbeit Abhängigkeit wird

Das Willkommen muss sich auch an den Arbeitsbedingungen messen lassen. Der Bedarf an Personal garantiert noch keinen fairen Umgang mit ihm. Dass Arbeitsausbeutung in Sachsen-Anhalt über einzelne arbeitsrechtliche Verstöße hinausgehen kann, ist amtlich dokumentiert. In einem 2015 vom Bundeskriminalamt dokumentierten Fall wurden angeworbene rumänische Beschäftigte teils ohne sanitäre Einrichtungen untergebracht und erhielten keinen oder nicht genug Lohn, um davon leben zu können. Aus der Hoffnung auf Erwerbsarbeit wurde eine existenzielle Abhängigkeit.

Die Fachstelle BemA – Beratung migrantischer Arbeitskräfte von Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt schildert in ihrem Abschlussbericht für 2018 bis 2022 den Fall von Marija aus Rumänien. Als Leiharbeiterin kam sie in eine kleine Stadt in Sachsen-Anhalt, wo sie in einem Schlachtbetrieb in der Feinzerlegung arbeitete. Am Fließband hatte sie für jedes Stück Fleisch nur ungefähr 20 Sekunden Zeit. Als sie ihre Familie in Rumänien besuchen wollte, nahm sie eine Woche Urlaub. Auf der folgenden Lohnabrechnung stand jedoch „Unbezahlter Urlaub“. Weil Marija auf ihr Einkommen angewiesen war und von schnellen Kündigungen im Betrieb gehört hatte, wagte sie nicht, ihren Vorarbeiter auf die Abrechnung anzusprechen.

Gerade an diesem Fall wird die Grenze eines Willkommens sichtbar, das Menschen vor allem als verfügbare Arbeitskräfte betrachtet: Ein Recht auf dem Papier hilft wenig, wenn Beschäftigte befürchten, bei seiner Durchsetzung ihren Lebensunterhalt zu gefährden.

„Ein Willkommen, das an Anspruchslosigkeit gebunden ist, bleibt eine Geschäftsbedingung.“

Wer von Arbeit und Einkommen abhängig ist, vielleicht auch von einer vermittelten Unterkunft oder einem Transport zum Betrieb, kann sich oft nicht ohne Weiteres gegen Unrecht wehren. Doch wenn Schulden, Drohungen und der Verlust der Unterkunft einen Ausstieg faktisch verhindern, muss genauer hingesehen werden. Es reicht nicht, Arbeitskräfte anzuwerben. Sie brauchen unabhängige Beratung, wirksame Kontrollen und die Sicherheit, ihre Rechte tatsächlich durchsetzen zu können.

Wer in Sachsen-Anhalt bleiben möchte, eine Familie gründet, bessere Bezahlung verlangt oder sich gewerkschaftlich organisiert, überschreitet damit keine moralische Grenze. Er wird vom verfügbaren Personal zum Menschen mit eigenen Ansprüchen. Ein Willkommen, das an Anspruchslosigkeit gebunden ist, bleibt eine Geschäftsbedingung.

Ein Arbeitsplatz ist noch keine Heimat

Die Beratungsstellen unterstützen Menschen, wenn sie Abwertung erleben oder ihre Rechte durchsetzen müssen. Ihre Arbeit darf kein gesellschaftliches Alibi sein. Die Verantwortung für ein respektvolles Zusammenleben lässt sich jedoch nicht an einige engagierte Organisationen auslagern.

Ein Mensch kann einen Arbeitsvertrag haben und sich trotzdem unerwünscht fühlen. Wenn er deshalb geht, verliert das Land nicht einfach Personal. Es verliert jemanden, dem es keine überzeugende Antwort auf die Frage gegeben hat, ob hier auch sein Leben Platz hat.

„Wir müssen entscheiden, ob wir den Wohlstand, den Zugewanderte mit sichern, auch mit ihnen teilen wollen.“

Die Zumutung richtet sich deshalb an uns: Wir müssen entscheiden, ob wir den Wohlstand, den Zugewanderte mit sichern, auch mit ihnen teilen wollen. Ob wir ihnen zutrauen, dieses Land mitzugestalten. Ob wir widersprechen, wenn sie abgewertet werden – am Arbeitsplatz, im Familienkreis und in der Politik. Es genügt nicht, ausländische Fachkräfte zu fordern und das gesellschaftliche Klima anderen zu überlassen.

Menschen haben Rechte, bevor sie ihre Nützlichkeit bewiesen haben. Aber selbst wer Migration ausschließlich nach wirtschaftlichem Nutzen beurteilt, muss diesen Widerspruch erkennen: Sachsen-Anhalt kann auf Dauer nicht von Menschen leben, denen es vermittelt, dass es sie nicht hierhaben will. Wer ihre Arbeit braucht, muss sich mit ihrer Anwesenheit anfreunden. Wer ihre Zukunft hier will, muss bereit sein, eine gemeinsame Zukunft daraus zu machen. (mig) Meinung

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