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Muhammad Samer Murtaza © Zeichnung: MiG

Kopftuchverbot

„Gott glaubt an den Menschen“ – doch wer glaubt den Mädchen?

Kinder wachsen mit religiösen und kulturellen Traditionen auf. Doch das Kopftuch gilt als Zeichen fehlender Freiheit. Eine Kritik gegen das österreichische Verbot und dessen Befürworter – die auch in Deutschland Karriere machen.

Von Dienstag, 13.10.2026, 11:36 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.10.2026, 15:33 Uhr Lesedauer: 26 Minuten  |  

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Europas Weg in eine zunehmend autoritäre Zukunft beginnt nicht notwendigerweise mit dem offenen Bruch mit der Demokratie. Manchmal beginnt er sehr viel unscheinbarer: mit der Entscheidung darüber, welche Bürgerinnen und Bürger aufgrund eines bestimmten Merkmals als rückständig oder integrationsbedürftig gelten – und mit der Annahme, der Staat müsse deshalb über ihren Glauben, ihr Fühlen, ihr Denken, ihren Körper, ihr Aussehen und ihre Lebensführung bestimmen.

Wir leben in einer Zeit, in der das säkulare Glaubensbekenntnis eines stetig wachsenden Wohlstands sich entzaubert. Eine erste Generation wächst gerade auf, der es wirtschaftlich vermutlich schlechter gehen wird als ihren Eltern. Mit dem Verlust materieller Gewissheiten entsteht jedoch nicht nur eine ökonomische Unsicherheit. Es entsteht auch eine sinnstiftende Leerstelle. Im postchristlichen Europa fragt man mit einem Male in den Nationalstaaten: „Wer sind wir eigentlich?“ „Was verbindet eine Nation?“ „Was bedeutet es, Deutscher, Österreicher, Franzose oder Brite zu sein?“ In Deutschland hat man nicht erst seit Bundeskanzler Merz den Eindruck, lediglich Arbeitskräfte, statt Bürger zu sein. Es gibt einen bohrenden Hunger nach Identität und Gemeinschaft, aber es fehlen hierfür die sinnstiftenden Fundamente, auf denen man Zusammenhalt aufbauen könnte.

Statt eine postkapitalistische, posthedonistische und postkonsumistische Vorstellung gesellschaftlicher Gemeinsamkeit zu entwickeln, greifen nicht wenige Europäer auf die verbrauchten politischen Ideologien einer vergangenen Epoche zurück. Das Vergangene ist nicht einfach vergangen – es wirkt fort. Wo ein gemeinsames Wofür fehlt, wird Identität über ein Gegen-wen gedacht. Und so wird augenblicklich quer über den Kontinent, von Nord bis Süd, von Ost bis West, darüber verhandelt, wer eigentlich dazugehört, wer sich erst noch als zugehörig erweisen muss und wer niemals dazu gehören darf.

Für diesen Diskurs sind die Mitbürgerinnen und Mitbürger muslimischen Glaubens unverzichtbar. Ihr Aussehen, ihre Speisevorschriften, ihre religiöse Sprache, ihre Gebetsform, die Architektur ihrer Gebetshäuser und nicht zuletzt die Vorurteile, die sich über Generationen hinweg angesammelt haben, werden zur Abgrenzungsfläche einer Gesellschaft, die im Grunde nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist.

„Freiheit wird dabei nicht mehr als Recht verstanden, in Verschiedenheit miteinander zu leben, sondern zunehmend als Verpflichtung, auf die richtige Weise.“

Plötzlich entscheidet ein Teil der Bürgerschaft darüber, was als europäisch gelten darf und was nicht. Diejenigen, die von dieser Definition abweichen, werden anschließend aufgefordert, sich anzupassen. Freiheit wird dabei nicht mehr als Recht verstanden, in Verschiedenheit miteinander zu leben, sondern zunehmend als Verpflichtung, auf die richtige Weise zu leben.

Unterstützt wird die sich selbst zur „Mehrheitsgesellschaft“ erklärte Bürgerschaft durch „Kronzeugen“ aus der zur „Minderheit“ erklärten Bürgerschaft. Diese Kronzeugen positionieren sich in Opposition zu jener Religionsgemeinschaft, aus der sie selbst stammen, und bestätigen damit die Vorurteile der „Mehrheitsgesellschaft“, während sie diese zugleich verstärken. Zugleich präsentieren sich diese Kronzeugen selbst als Alternative und fordern von der „Mehrheitsgesellschaft“ Aufmerksamkeit für ihre eigenen marginalen Positionen. Auftritt: Mouhanad Khorchide.

Ein illiberaler Universalismus

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Mädchen mit elf, zwölf oder 13 Jahren von sich aus sagt: »Ich möchte jetzt ein Kopftuch tragen.« Da ist der Einfluss konservativer Eltern und Imame ausschlaggebend. Aber auch Jugendliche können enormen Druck ausüben. (…) Wenn eine Frau ein Kopftuch ablegt, gerät sie unter einen viel größeren Rechtfertigungsdruck, als wenn sie nie eins getragen hätte! Die Community würde es dann als eine Distanzierung von Frömmigkeit verstehen, als hätte sie ein Problem mit dem Islam insgesamt. Viele konservative Familien würden das als ein Zeichen moralischen Verfalls bewerten. Deshalb ist es so wichtig, das frühe, unreflektierte Tragen zu verhindern. (Mouhanad Khorchide)

Als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Dokumentationsstelle Politischer Islam bringt sich der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide seit Jahren als „Experte“ intensiv in die öffentliche und politische Debatte ein. In der Vergangenheit sprach er sich vehement für ein Kopftuchverbot bei Mädchen vor der Pubertät aus. Seine Stellungnahmen dienten Befürwortern eines solchen Verbots im politischen Diskurs als theologische und bildungswissenschaftliche Untermauerung. Derzeit ist er medial außerordentlich präsent, um das Kopftuchverbot der Regierung zu rechtfertigen und zu unterstützen. Im Zuge dessen kritisiert er auch eine Mobilisierung gegen das Verbot scharf. Und aus all diesen Gründen verdienen seine Argumente eine besonders strenge Prüfung.

Betrachtet man die Veröffentlichungen des Religionspädagogen – von Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion aus dem Jahr 2012 bis zu Gott glaubt an den Menschen: Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus von 2015 – lässt sich darin eine universalistische Grundhaltung erkennen. Sie prägt nicht nur seine Interpretation des Islam, sondern zunehmend auch die Art und Weise, wie er sein eigenes Muslimsein versteht.

Im Jahr 2021 bekannte sich Khorchide in dem Interview „Ich will junge Menschen befähigen, nicht bevormunden“ als spiritueller Muslim und ging auf Distanz zur normativen Seite des Islam. Zugleich erklärte er jüngst, ein starkes Sendungsbewusstsein zu besitzen: „Ich lasse nicht locker, bis alle verstanden haben, wie der Islam wirklich ist.“ Dieses begründet er mit einem verzweifelten Hilferuf Gottes an ihn: „Ich höre jeden Tag, jede Stunde, seine Stimme: Lass mich nicht im Stich!“

„Universalismus bedeutet in diesem Verständnis nicht, dass alle Menschen gleich leben sollen.“

Interessanterweise ist Universalismus kein eindeutiger Begriff. Er kann sehr Unterschiedliches bedeuten. Ein politisch-liberaler Universalismus besagt beispielsweise, dass jedem Menschen dieselben Freiheitsrechte zukommen. Innerhalb derselben Rechtsordnung können daher unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander bestehen. Universalismus bedeutet in diesem Verständnis nicht, dass alle Menschen gleich leben sollen.

Genau an diesem Punkt scheint mir Khorchides Universalismus jedoch eine andere Richtung einzuschlagen. Bereits in Islam ist Barmherzigkeit findet sich eine Passage, in der er Salafisten sowie Fundamentalisten und Extremisten, die im Namen ihres Glaubens Hass und Unfrieden verbreiten, als ‚kāfirūn‘, Glaubensverweigerer, einstufte.1 Hieran entzündete sich auch die sachlich-theologische Kritik an Khorchide. Aus Sicht seiner Kritiker maßte sich der Religionspädagoge das Gottesrecht an, über den Glauben anderer zu urteilen. Doch kein Mensch kann über den Glauben eines anderen entscheiden. Es ist höchst problematisch, wenn jemand sein eigenes Islamverständnis zum Maßstab erhebt und andere muslimische Positionen mit dem Begriff ‚kāfirūn‘ belegt. Damit zeigte Khorchide in seinem eigenen Denken zugleich eine eigentümliche Spannung zwischen den von ihm vertretenen Werten wie Barmherzigkeit, Humanität, Freiheit, Toleranz sowie Mündigkeit und dem Anspruch, die Grenzen legitimer islamischer Auslegung selbst zu bestimmen. Später erfolgte in der Taschenbuchausgabe kommentarlos die Streichung dieses Passus.

Ob dies auf eine inhaltliche Neubewertung oder auf die öffentliche Kritik zurückging, erläuterte Khorchide nicht.

Bereits im Folgebuch zeigte sich jedoch erneut dieser seltsame Universalismus. Der Islamwissenschaftler Alexander Flores schreibt in einer Rezension: „Bedenklich wird es da, wo man seine eigene für die einzig mögliche Interpretation und alles davon Abweichende für Verfälschung, Manipulation und Verrat erklärt, wie es hier geschieht.“

Khorchide lässt sich meiner Meinung nach als Vertreter eines Normierungsuniversalismus beschreiben. Gemeint ist damit ein Universalismus, der nicht nur gleiche Rechte für alle fordert, sondern auch eine bestimmte Vorstellung davon verallgemeinert, wie ein freier, emanzipierter und mündiger Mensch zu leben hat. Damit verändert sich auch der Blick auf religiöse Symbole.

Der Religionspädagoge blickte bereits in dem oben genannten Interview mit Sehnsucht auf eine Zeit in Saudi-Arabien zurück, als Frauen im Mini-Rock durch Riad schlendern konnten und Bars im Stadtbild zu finden waren. Dies scheint für ihn der universale Maßstab für gesellschaftliche Offenheit und Freiheit zu sein und mag sein Eintreten für ein Kopftuchverbot für Mädchen an Schulen in Österreich erklären. Aus der Logik eines Normierungsuniversalismus ist das Stück Stoff Symbol einer partikulären kulturellen und/oder religiösen Identität, die überwunden werden muss, damit Mädchen zu freien und gleichberechtigten Frauen heranwachsen.

Im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen das Verbot spricht Khorchide von „konservativen Gemeinden“ und warnt vor einer Instrumentalisierung durch islamistische Gruppierungen – aus Sicht des Autors ein Totschlagargument.

Für einen Teil der nichtmuslimischen Bürgerschaft mag ein Kopftuchverbot zunächst plausibel erscheinen. Schließlich ist die Vorstellung weitverbreitet, dass Frauen muslimischen Glaubens durch „Allah“ – den man nicht gern mit dem Gott des Judentums und Christentums identifiziert –, den Islam und den muslimischen Mann geknechtet werden. Die verordnete Befreiung vom Kopftuch erscheint demnach als ein erster richtiger Schritt, um die gläubigen Muslimas überhaupt vom frauenunterdrückerischen Islam zu befreien.

Doch genau an dieser Stelle sollten wir innehalten: Ein freiheitliches Prinzip muss sich gerade dann bewähren, wenn uns die konkrete Entscheidung eines Menschen nicht gefällt.

Nehmen wir deshalb für einen Augenblick an, der Staat würde nicht das Kopftuch, sondern andere Kleidungsstücke als Hindernis für die freie Entwicklung von Mädchen betrachten.

Der stellvertretende Ministerpräsident Italiens, Antonio Tajani, legte Frauen kürzlich nahe, sie sollten lieber etwas längere Röcke tragen. Eine weniger auffällig gekleidete Frau sei seiner Darstellung zufolge verlässlicher und eher eine gute Mutter, während bei einer besonders attraktiven Frau eher mit Untreue zu rechnen sei. Von einer solchen Denke ausgehend, könnte man argumentieren, dass ultrakurze Miniröcke, Crop-Tops, transparente Stoffe, Oberteile mit sehr tiefen Ausschnitten oder extrem tiefsitzende Hosen Mädchen frühzeitig dazu sozialisieren, ihre Körper über den männlichen sexualisierten Blick (male gaze) zu definieren. Man könnte sogar erklären, dass Mädchen dadurch lernen, ihren eigenen Wert an körperlicher Attraktivität zu messen.

„Eine politisch-liberale Haltung fragt nicht: ‚Welche Kleidung ist emanzipiert?‘ Sie fragt: ‚Kann ein Mensch frei entscheiden?'“

Aber wer würde ernsthaft folgern, dass der Staat deshalb befugt sein sollte, Mädchen diese Kleidung zu verbieten, um sie zu emanzipieren? Und ist uns auch bewusst, wieso dem so ist? Weil es die Kleidung der sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“ ist. Bei ihr wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie freiwillig getragen wird. Erst dort, wo das Gegenüber nicht dem eigenen gesellschaftlichen Spiegelbild entspricht, wird diese Freiwilligkeit systematisch angezweifelt.

Wenn es in der Debatte tatsächlich um das freiheitliche Prinzip ginge, müsste es gleichgültig sein, ob es sich um freizügige oder bedeckende Kleidung handelt.

Khorchides „theologisch-politischer“ Normierungsuniversalismus entscheidet, welche Kleidung Ausdruck eines guten oder schlechten Geschlechterbildes ist. Ausgerechnet dort, wo er von Befähigung spricht, setzt er an die Stelle eigener Entscheidung die Vorgabe dessen, was als emanzipiert zu gelten hat. Muslimische Bürgerinnen werden dadurch nicht befähigt, sondern bevormundet.

Eine politisch-liberale Haltung fragt nicht: „Welche Kleidung ist emanzipiert?“ Sie fragt: „Kann ein Mensch frei entscheiden?“ Genau darin liegt pluralistische Neutralität.

Sobald der Staat selbst entscheidet, wie der Bürger zu sein hat, verlässt er die Position der Neutralität und wird zum Erzieher. Aus dem Garanten der Freiheit wird ein Vormund, der seine Bürger indoktriniert.

Guter Muslim/Böser Muslim

Es kommt sicher zu Trotzreaktionen. Und zu einer Art Machtkampf zwischen konservativen Gemeinden und dem Staat. Im Rechtsstaat gilt allerdings das Gesetz, auch für Religionsgemeinschaften. Wer dagegen mobilisiert, kämpft nicht für den Glauben, sondern gegen den Staat. (Mouhanad Khorchide)

Wenn wir die Logik des Kopftuchverbots ernst nehmen, drängen sich zwei Fragen geradezu auf: „Weshalb beim Kopftuch aufhören?“ „Weshalb sich auf die muslimische Religionsgemeinschaft beschränken?“

Wenn das entscheidende Kriterium lautet, ob ein Kind eine religiös oder kulturell geprägte Handlung bereits aus freier Überzeugung vollziehen kann, dann muss dieses Kriterium konsequent für alle Kinder gelten.

Jüdische Knaben werden traditionell acht Tage nach ihrer Geburt beschnitten – ein irreversibler Eingriff. Muslimische Kinder werden häufig früh mit dem Gebet und der arabischen Schrift vertraut gemacht.

„Wenn das Kriterium lautet, dass Kinder grundsätzlich vor religiöser Sozialisation geschützt werden müssen, sollte erklärt werden, weshalb dieses Prinzip selektiv nur bei muslimischer Sozialisation gelten soll.“

In all diesen Fällen ließe sich dieselbe Frage stellen: „Geschieht dies aus freier Überzeugung oder aufgrund von Erziehung, aus sozialem Zwang, Erwartungsdruck und dem Wunsch, dazuzugehören?“ Wenn das Kriterium lautet, dass Kinder grundsätzlich vor religiöser Sozialisation geschützt werden müssen, sollte erklärt werden, weshalb dieses Prinzip selektiv nur bei muslimischer Sozialisation gelten soll.

Kinder treffen viele Entscheidungen nicht selbst. Sie werden von den Eltern erzogen. Grundsätzlich wollen Eltern für ihr Kind das Beste. Ein jeder von uns ist auf der Welt, weil er hoffentlich von zwei Menschen zutiefst geliebt wurde. Aber natürlich gibt es Eltern, die gute und die schlechte erzieherische Kompetenzen besitzen.

Kinder übernehmen zunächst durch Imitation die Sprache ihrer Eltern, ihre Gewohnheiten, ihre Speisen, ihre Feiertage, ihre religiösen Vorstellungen und ihre kulturellen Symbole. Sie werden im Weiteren sozialisiert durch Freunde, Erzieher, Lehrer und die Gemeinschaft sowie die Gesellschaft. Das ist Kindheit.

Selbstbestimmung, Sozialisation und gesellschaftliche Erwartungshaltungen – zur Realität gehört, dass sich diese drei Dimensionen niemals vollständig voneinander trennen lassen. Es handelt sich vielmehr um ein Zusammenspiel von echter Autonomie und gesellschaftlicher Erwartungen. Wahlfreiheit bedeutet, sich diesen Einflüssen zu stellen oder für sich selbst neu zu definieren. Dennoch bleibt die Selbstaussage eines Menschen eine ernst zu nehmende Meinung, die weder durch Khorchide noch durch den österreichischen Staat relativiert werden darf.

Es ist Brauch, dass jüdische und muslimische Eltern ihre Kinder mit der Religion vertraut machen. Das jüdische und islamische Fasten ist für vorpubertäre Kinder keine Pflicht, dennoch üben sich viele Kinder bereits vor der Pubertät an einzelnen Tagen im Fasten. Nicht verpflichtend bedeutet nämlich nicht religiös verboten. Wobei auch hier Stimmen in der „Mehrheitsgesellschaft“ laut werden, die das Fasten von zumindest muslimischen Kindern während der Schulzeit verbieten möchten.

Will der Staat nun Autonomie dadurch herstellen, dass er alle sozial geprägten Entscheidungen präventiv als unfrei behandelt?

Trägt ein Kind aus einer christlichen Familie eine Kette mit Kreuzanhänger und spricht vor dem Essen das Tischgebet, wird dies dann gesellschaftlich hinterfragt? Würden staatliche Behörden urteilen, das Kind sei zu jung, um all dies selbstbestimmt zu tun? Würden Politiker einen Freiraum für Kinder vom Christentum einfordern?

Mitnichten, denn das Christentum ist zumindest kulturell immer noch Teil jener Bürgerschaft, die sich zur „Mehrheitsgesellschaft“ überhöht hat, und so gilt eine christliche Sozialisierung als „normal“ – solange diese Erziehung nicht in konkrete Gewalt, Misshandlung oder unzulässigen Zwang umschlägt. Bei muslimischen Bürgern wird derselbe Sozialisierungsprozess dagegen als Zwang und „unnormal“ interpretiert. Die kulturelle Prägung des einen Kindes gilt als Normalität; die kulturelle Prägung des anderen wird als Problem eingestuft, das überwunden werden muss.

Aber woher wissen der Staat, die sogenannte „Mehrheitsgesellschaft“ und Mouhanad Khorchide eigentlich, dass ein konkretes Kind zum Kopftuch gezwungen wird? Woher wissen sie, dass gerade das Abnehmen des Kopftuchs seine Selbstbestimmung besser schützt? Das sind keine Nebensächlichkeiten. Das sind empirische Fragen. Und da reicht es nicht, wenn Khorchide äußert: „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Mädchen mit elf, zwölf oder 13 Jahren von sich aus sagt: ‚Ich möchte jetzt ein Kopftuch tragen.‘“

In der empirischen Sozialforschung gibt es keine exakten statistischen Zahlen darüber, wie viele Mädchen ein Kopftuch freiwillig oder unter Zwang tragen. Direkte, repräsentative Untersuchungen von jungen Mädchen existieren kaum. Es wird lediglich vermutet, geschätzt und auf Berichte von Lehrkräften vertraut, ohne letztere hinsichtlich ihrer eigenen Vorurteile und Annahmen zu hinterfragen. So berichten Eltern muslimischen Glaubens, wie es gerade Lehrkräfte waren, die intervenierten, als die Tochter mit einem Male in der 7. Klasse sich für das Tragen des Kopftuches entschied. In einer nicht repräsentativen Befragung von 784 Personen aus pädagogischen Berufen gaben 31 Prozent an, häufig oder immer den Eindruck zu haben, dass Schülerinnen das Kopftuch nicht freiwillig tragen.

Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch konkrete Fälle gibt, in denen aufgrund von Druck und Zwang das Kopftuch getragen wird. Jedoch gibt es ebenso konkrete Fälle, in denen es freiwillig angezogen wird. Deutlich ist jedoch eines: Hier wird viel projiziert, vermutet, gemutmaßt und gemauschelt.

„Die besondere Verbindung zwischen Kopftuch und Zwang müsste zudem empirisch nachgewiesen und gegenüber weniger eingriffsintensiven Maßnahmen abgegrenzt werden.“

Wenn ein Mädchen tatsächlich gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen, dann liegt das Problem im Zwang und dieser verschwindet nicht dadurch, dass man es verbietet. Die besondere Verbindung zwischen Kopftuch und Zwang müsste zudem empirisch nachgewiesen und gegenüber weniger eingriffsintensiven Maßnahmen abgegrenzt werden.

Dennoch zementiert die österreichische Regierung nun durch ein Verbot ihr imaginäres Bild von „den Muslimen“ und erwartet von diesen Gehorsam und Loyalität zum Rechtsstaat.

So entsteht die Figur des „guten“ und des „bösen Muslims“. Der „gute Muslim“ ist in dieser Logik derjenige, der die Denkweise der „Mehrheitsgesellschaft“ und ihre Vorstellung von Emanzipation übernimmt, ihre Vorurteile und Stereotype auf die eigene Religionsgemeinschaft projiziert und diese offen kritisiert. Der „böse Muslim“ ist derjenige, der sich dieser Erwartung entzieht. Er ist derjenige, der gewaltlosen Widerstand leistet, protestiert oder gar den juristischen Weg einschlägt, wenn seine Bürgerrechte eingeschränkt werden. Er ist derjenige, der sagt: „Auch ich bin Bürger dieses Staates. Auch meine Religionsfreiheit gehört zu seinem Rechtsbestand.“

„Auf diese Inkonsistenz zwischen normativer Selbstbeschreibung und politischer Praxis hinzuweisen ist kein Kampf gegen den Staat, sondern ein Bemühen, Europas Ideale zu retten.“

Diese „bösen Muslime“ befinden sich dabei in der guten Gesellschaft eines Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Malcolm X. Diese Mitbürger muslimischen Glaubens tun nämlich nichts anderes, als auf die zunehmend gespaltene politische Identität Europas hinzuweisen. Zwischen Europas normativen Versprechen von Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde, Bürgertum, Demokratie und politischer Teilhabe und seiner historischen wie politischen Realität tut sich ein Graben auf, der zunehmend tiefer wird. Die politische Realität verletzt das normative Ideal. Der Staat beruft sich auf Gleichheit und Freiheit – und handelt doch ungleich, indem er gegenüber muslimischen Mitbürgern Unfreiheit hervorbringt. Auf diese Inkonsistenz zwischen normativer Selbstbeschreibung und politischer Praxis hinzuweisen ist kein Kampf gegen den Staat, sondern ein Bemühen, Europas Ideale zu retten.

Allein schon das ständige Gerede über „Muslime“ verdeutlicht, wie gesellschaftstragend sie geworden sind. „Die Muslime“ werden unabdingbar gebraucht, um zum identitären Gegenbild imaginiert zu werden. Dass „diese Muslime“ noch weitere Schichten in ihrer Identität besitzen, aber allem voran in der säkularen Demokratie Bürger sind und auch so angesprochen werden müssen, wird geflissentlich ignoriert. Damit aber wird der Bürger muslimischen Glaubens auf seine religiöse Identität reduziert und gerade dadurch politisch vereinnahmt.

Keinen guten Dienst leistet sich damit langfristig eine Gesellschaft, denn für die Mitbürger muslimischen Glaubens entsteht damit eine Erkenntnis, die langfristig weit über das Kopftuch hinausgeht: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was euer Land euch angetan hat!“

„Gott glaubt an den Menschen“ – Mouhanad Khorchide eher weniger

Es ist ein Dilemma, das stimmt. Auf der einen Seite schützt man tatsächlich junge Mädchen vor einer unbedachten Entscheidung. Auf der anderen Seite kann so ein Verbot von islamistischer Seite instrumentalisiert werden. (Mouhanad Khorchide)

„Das Verbot, das Freiheit ermöglichen will, gerät damit in einen Widerspruch zu seiner eigenen Zielsetzung.“

De facto ist das Kopftuchverbot eine Freiheitseinschränkung für all jene Mädchen, die das Kopftuch tragen möchten. Damit greift der Staat tief in die Freiheitsrechte seiner Bürgerinnen ein. Das Verbot, das Freiheit ermöglichen will, gerät damit in einen Widerspruch zu seiner eigenen Zielsetzung. Diesen Widerspruch kann man nicht einfach mit dem Hinweis auf das Kindeswohl auflösen.

Ein weiterer Widerspruch zeigt sich darin, dass der österreichische Staat Mädchen mit und ohne Kopftuch ungleich bewertet. Schließlich erklärt er die Entscheidung ersterer für weniger schützenswert. Soll die Emanzipation also durch Ungleichbehandlung erreicht werden?

Als der österreichische Verfassungsgerichtshof 2020 das damalige Kopftuchverbot für Volksschülerinnen aufhob, begründete er dies unter anderem mit einem Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz in Verbindung mit der Religionsfreiheit. Insbesondere wurde kritisiert, die Regelung treffe selektiv muslimische Mädchen, die hierdurch der Gefahr von Diskriminierung und gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt werden.

Selbst das Vorhandensein von Druck belegt nicht, dass das Kopftuch selbst die Ursache des Problems ist. Das wäre eine äußerst kurzsichtige Denkweise. Zwang verweist auf patriarchalische Strukturen und die bleiben durch ein Kopftuchverbot unangetastet. Sie verändern lediglich die Form, in der sie wirksam werden.

Wenn ein Mädchen zum Tragen eines Kopftuches gezwungen wird, sollte ein Staat die Ursachen dieses Zwangs bekämpfen. Ein Kopftuchverbot kann dagegen selbst eine neue Form des Zwangs hervorbringen.

„Also hat lediglich der Akteur gewechselt, der über den Körper des Mädchens entscheidet. Es selbst bleibt weiterhin fremdbestimmt.“

Paternalismus beginnt häufig nicht mit der Absicht, Menschen zu schaden. Er beginnt mit der Überzeugung, man wisse besser als der Betroffene, was seinem eigenen Wohl dient. Also hat lediglich der Akteur gewechselt, der über den Körper des Mädchens entscheidet. Es selbst bleibt weiterhin fremdbestimmt.

Aus Sicht des Autors ist es gänzlich unethisch, wenn Politiker das Kindswohl instrumentalisieren, um einen Kulturkampf zu betreiben. Der österreichische Politiker Yannick Shetty (NEOS) verteidigte in der Nachrichtensendung Zeit im Bild am 13.09.2026 das Kopftuchverbot und erläuterte dessen Hintergründe folgendermaßen: „Aber wir glauben einfach, dass es einen Raum braucht, wo Kinder, Mädchen, Burschen möglichst frei von religiösen und eher kulturellen Normen aufwachsen können.“ Das ist eine bemerkenswert offene Aussage – mit einer entscheidenden Einschränkung: Es geht nicht um Religion an sich. Es geht um den Islam. Seine Aussage macht deutlich, dass es um mehr geht als um den Schutz einzelner Kinder vor konkretem Zwang.

Die Politik dieser Kulturkämpfer läuft darauf hinaus, dass Österreich christlich geprägt bleibt – obwohl der Staat sich verfassungsrechtlich zu keiner Religion bekennt – und zugleich die Religiosität muslimischer Mitbürger zurückgedrängt wird. Bloß hat Österreich keinen verfassungsrechtlichen Auftrag, seine muslimischen Bürger von ihrer Religion zu entwöhnen. Es hat den Auftrag, ihre Religionsfreiheit zu schützen.

Und wenn es tatsächlich um die christliche Prägung des Landes geht, wäre den besorgten Politikern zunächst eines zu empfehlen: das christliche Lebensmodell des Palästinensers Jesu zu leben und sonntags zum Gottesdienst zu gehen. Muslime können mitnichten etwas dafür, wenn die Zahl der Kirchenmitglieder schrumpft, Kirchen verwaisen und aufgegeben werden müssen. Selbst wenn jedes Kopftuch aus Österreich verschwindet, wird dies nicht zu einer Renaissance christlichen Lebens führen. Schon die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vertrat die Haltung, es brauche nicht weniger Islam, sondern mehr Christentum, was aber in der Hand der Christen liegt. Was an christlichem Leben fehlt, kann demnach nicht dem Islam angelastet werden.

Stattdessen entreißt nun aber der österreichische Staat Eltern muslimischen Glaubens das Erziehungsrecht und befindet sich damit im Spannungsverhältnis zu Art. 14 der UN-Kinderrechtskonvention, die Kindern die Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religion garantiert. Sie verpflichtet die Vertragsstaaten, die Rechte und Pflichten der Eltern zu achten, ihre Kinder hierbei anzuleiten.

Wer sich dieser Tage mit Imamen und Sozialarbeitern austauscht, bekommt Interessantes zu hören. Österreich vermittle den muslimischen Mitbürgern, nie vollwertige Bürger zu sein und sich permanent in einem staatlichen Erziehungsprogramm zu befinden. Damit stärke man letztendlich extremistische Kreise, die vor einer solchen Entwicklung bereits seit mehr als einem Jahrzehnt warnen. Somit erhalten diese Stimmen ein Momentum, da der österreichische Staat ihnen quasi zuarbeitet.

Der paternalistische Blick auf kopftuchtragende Frauen ist dabei ein perfider. Er unterstellt ihnen, Ungeheuer als Eltern gehabt und sich in der Unterdrückung eingerichtet zu haben. Selbst wenn diese Frauen erklären, dass sie sich freiwillig bedecken, kann diese Selbstaussage in der Logik Khorchides jederzeit angezweifelt werden: „Du glaubst bloß, dass du es tragen möchtest, weil es dir sozial so beigebracht wurde.“ Wie aber soll es dann überhaupt noch möglich sein, zwischen einem unreflektierten und einem reflektierten Kopftuchtragen zu unterscheiden, wie Khorchide es einerseits tut, wenn er andererseits das Kopftuch in diesem Zusammenhang mit patriarchalischen oder konservativen Vorstellungen verbindet? Das Kleidungsstück selbst wird damit zum Indiz für eine unterstellte Haltung – und damit letztlich zur Kontaktschuld. Kopftuchtragenden Frauen, denen wir im Alltag als Studentinnen, Busfahrerinnen, Rechtsanwältinnen und Ärztinnen begegnen, wird auf diese Weise die Fähigkeit abgesprochen, über ihre eigene Sozialisierung zu reflektieren und selbstständige Entscheidungen zu treffen. Auf ewig werden sie somit als potenzielle Opfer stigmatisiert und zu Objekten staatlicher Erziehungsmaßnahmen gemacht.

„Emanzipation bedeutet damit nicht mehr Selbstbestimmung, sondern Assimilation an eine vorgegebene Norm.“

Khorchides Argumentationskette ist zudem gefährlich, weil sie prinzipiell immun gegen die Selbstaussage der Betroffenen ist. Hier erhebt ein Mann den Anspruch, die kopftuchtragende Muslima besser zu verstehen als sie sich selbst versteht. Fällt es nicht auf, wie selten kopftuchtragende Frauen in dieser Debatte selbst zu Wort kommen? – Und dass der Autor dieses Beitrags ebenfalls ein Mann ist, macht die Sache nicht besser. – Denkt man dies zu Ende, so kann eine muslimische Frau nur dann als emanzipiert gelten, wenn sie das Zeichen religiös-patriarchalischer Sichtbarkeit ablegt. Emanzipation bedeutet damit nicht mehr Selbstbestimmung, sondern Assimilation an eine vorgegebene Norm.

Genau hier erhält der Titel von Khorchides Buch Gott glaubt an den Menschen eine eigentümliche Ironie. Wenn Gott an den Menschen glaubt, sollte dann nicht auch der Autor Khorchide etwas von diesem Vertrauen aufbringen?

Wer als muslimischer „Experte“ einer staatlich getragenen Institution nicht schnell genug darin sein kann, den nichtmuslimischen Bevölkerungsanteil gegen den Vorwurf der Muslimfeindlichkeit in Schutz zu nehmen, sollte sich angesichts der größten von Muslimfeindlichkeit betroffenen Gruppe fragen: „Will ich auf der Seite der Machtlosen oder der Mächtigen stehen?“

Mitmenschlichkeit anstatt einer Theologie und Politik der Fremdheit

Sobald wir unser Haus oder unsere Wohnung verlassen, erwartet uns da draußen stets das Unbekannte und das Fremde – eine Welt, die eben nicht vollständig nach unseren Vorstellungen geordnet ist.

Wollen wir dem, was wir nicht verstehen, tatsächlich mit unseren Vorurteilen begegnen oder es als Chance begreifen, unseren eigenen Horizont zu erweitern? Wollen wir wirklich stets nach dem historisch gleichen Drehbuch der Selbstvergewisserung durch Ausgrenzung agieren, das letztendlich den Weg in Schutt und Asche weist?

Wenn wir als Gesellschaft beschließen würden, dieses zutiefst tragische Muster menschlichen Verhaltens hinter uns zu lassen, böte sich die Möglichkeit zu etwas Besserem.

„Hass ist hungrig und Hass wird niemals satt. Aber Hass bietet keine Zukunft.“

Nicht nur Khorchide spricht in seinem Zeit-Interview „Ein Kopftuch für junge Mädchen widerspricht islamischen Prinzipien“ ständig von „den Muslimen“, ebenso tut es unsere gesamte Gesellschaft. Damit ist gemeint: „Die sind anders. Die sind nicht wir. Die gehören nicht zum gesellschaftlichen Wir. Sie sind die Fremden, die Anderen.“ Damit machen wir uns einen Teil unserer eigenen Bürgerschaft fremd. Und genau das schafft die Voraussetzung dafür, dass sie zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände gemacht werden können. Ist dieser Schritt erst getan, ist es nicht mehr weit, bis sie zum Prellbock gesellschaftlicher Wut werden. Hass ist hungrig und Hass wird niemals satt. Aber Hass bietet keine Zukunft.

Davor schützen können wir uns durch Empathie und die Anerkennung der Verletzlichkeit des Anderen. Der Andere wird dadurch zu einer ethischen Forderung an uns. Wenn wir statt von Muslimen endlich von Mitbürgern sprechen würden, würde sich unser Blick schlagartig verändern.

Je mehr es uns als Gesellschaft gelingt, trennende Kategorien loszuwerden, desto weniger Raum bleibt, Menschen zu entwerten, zu entrechten und zu entmündigen. Natürlich bleibt ein Jude weiterhin ein Jude. Selbstverständlich bleibt ein arabischstämmiger Mensch weiterhin ein Araber. Aber auf der Bürgerebene, jener Ebene, in der wir uns in einer Demokratie auf Augenhöhe begegnen, sind wir zunächst Bürger – auch dann, wenn jemand ein Kopftuch oder eine Kippa trägt.

Für eine Religionsgemeinschaft bedeutet die Wertschätzung weiblicher Entscheidungsfreiheit jedoch ebenso eine ethische Herausforderung. Gläubige sind keine Ordnungshüter, die verbeamtet sind, ein bestimmtes Islamverständnis durchzusetzen. Mit dem Rückgang von Religiosität in unserer Gesellschaft müssen auch Gläubige lernen, dass die Sichtbarkeit und Form der eigenen Religiosität gänzlich der Entscheidung des Individuums obliegen. Jeder Versuch der Intervention stellt eine Übergriffigkeit dar, die durch eine Religionsgemeinschaft, also ihren Gelehrten, Predigern, Philosophen, Intellektuellen und Aktivisten verbal abgewehrt werden muss.

Schon heute können wir beobachten, dass Frauen nach vielen Jahren des Kopftuchtragens für sich entscheiden, es abzulegen, während andere sich plötzlich dafür entscheiden, es anzulegen. Manche Frauen finden im Zuge einer Sinnkrise zum Islam, und bemühen sich zunächst, muslimischer als die Muslime zu sein, und nehmen nach einem Jahrzehnt wieder im Guten Abschied von dieser Religion. Diese Fluktuationen, von denen es selbstverständlich noch viele weitere gibt, sind Teil unseres modernen Lebens. Selbstbewusste und starke Gläubige sollten lernen, dies als Lebenswirklichkeit und nicht als Bedrohung zu akzeptieren.

Zur Unübersichtlichkeit unserer Zeit gehört es aber auch, dass keine Religionsgemeinschaft ein Monolith ist. Es wird immer Gläubige, Strömungen und Gruppierungen geben, die das Patriarchat gutheißen und die Entscheidungsfreiheit von Frauen begrenzen sowie über den weiblichen Körper verfügen wollen. Umso wichtiger, dass der Wert der Entscheidungsfreiheit hervorgehoben wird. Selbstbewusste Frauen tendieren nicht dazu, Männer zu ehelichen, die ihre Freiheit begrenzen wollen. Folglich dürfte dieser Schlag Mann glücklicherweise evolutionär aussterben.

„Welche Bedeutung eine Frau ihrer Kleidung gibt, geht den Staat grundsätzlich nichts an.“

Muslimas können sich aus unterschiedlichsten Gründen für das Kopftuch entscheiden. Den einen Grund gibt es nicht. Auch die Bedeutung von Symbolen verändert sich im Laufe der Zeit. Das Kopftuch kann heute für Frömmigkeit, Spiritualität, religiöse Identität, Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, Kulturgut, eine ästhetische Präferenz, Frauenpower oder die Befreiung vom male gaze stehen. Es kann aber ebenso für Kontrolle, Einschränkung, Unfreiheit und Ideologie gebraucht werden. Pauschalurteile verbieten sich daher.

Interessanterweise vertritt der transnationale bzw. inklusive Feminismus die Auffassung, dass das Kopftuch zunächst als eine freie Entscheidung und als Ausdruck der körperlichen wie religiösen Selbstbestimmung einer Frau betrachtet werden sollte. Verbote werden als rassistisch und bevormundend kritisiert.

Und auch dies gilt: Weder sagt die Kürze des Rocks noch die Bedeckung des Haares irgendetwas über den Charakter einer Frau aus.

Eine wirklich politisch-freiheitliche Alternative wäre daher: Kinder sollen, entsprechend ihrer wachsenden Fähigkeit zur Selbstbestimmung und begleitet von ihren Eltern, zunehmend selbst darüber bestimmen können, was sie anziehen wollen. Frauen sollen darüber selbstverständlich selbst bestimmen. Nicht länger soll der weibliche Körper als Gegenstand einer gesellschaftlichen oder theologischen Normsetzung herhalten. Nicht länger soll das Patriarchat über den weiblichen Körper entscheiden. Ob Kopftuch oder Minirock, ob Kopftuch und bauchfrei – it’s none of your business! Welche Bedeutung eine Frau ihrer Kleidung gibt, geht den Staat grundsätzlich nichts an. Der konkrete Zwang, der hinter einer Kleidungsentscheidung stehen kann, kann ihn aber sehr wohl etwas angehen. (mig)

  1. Vgl. Khorchide, Mouhanad (2012): Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion. Freiburg: 88 u. 91.
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