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Eine vergleichende Einführung

Antimuslimischer Rassismus und Islamophobie bzw. Islamfeindlichkeit

Immer häufiger ist die Rede von einer spezifischen Diskriminierung, die Muslime trifft. Doch worum geht es dabei und wie und warum wird diskriminiert? Dafür gibt es in Alltagsdiskursen sowie in den Medien und in politischen Debatten unterschiedliche Aussagen - von Iman Attia

Von Iman Attia Montag, 27.10.2014, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 04.11.2014, 14:13 Uhr Lesedauer: 11 Minuten  |   Drucken

In bundesdeutschen literatur- und kulturwissenschaftlichen Studien wurden mit diesem Phänomen zusammenhängende Diskurse im Anschluss an Edward Saids Studie „Orientalism“ Anfang der 1980er Jahre als Orientalismus analysiert. Im Zuge des ersten Golfkriegs kamen politik- und islamwissenschaftliche Studien hinzu, die unter dem Label „Feindbild Islam“ die politischen und medialen Debatten in Deutschland analysierten. Anfang der neunziger Jahre gab es erste qualitative Studien zum antiislamischen Alltagsdiskurs in der Bundesrepublik, der heute antimuslimisch genannt wird. Erste empirische Studien zur Verbreitung von Islamophobie bzw. Islamfeindlichkeit in Deutschland folgten zehn Jahre später. Inzwischen liegen mehrere Studien vor, die sowohl auf der Befragung von Muslimen zu ihren Diskriminierungserfahrungen beruhen als auch auf der Befragung von sog. Mehrheitsangehörigen zu ihrer Einstellung gegenüber Muslimen und Islam.

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Diskriminierung von Muslimen
Zusammengenommen geht aus den Studien hervor, dass Muslime in allen Lebensbereichen diskriminiert werden; auf der Suche nach Wohnung oder Arbeit, im Bildungs- und Gesundheitswesen, in Behörden und Betrieben, in öffentlichen Verkehrsmitteln und im öffentlichen Raum, im Wohnumfeld und in der Familie, in Mainstream- und in Szene-Kontexten etc. Sie werden beschimpft, beleidigt, verdächtigt, belehrt, herabgesetzt, bevormundet, geschlagen, aus- und eingesperrt. Sie werden daran gehindert, gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilzunehmen, es wird ihnen schwer gemacht, ihr Leben zu organisieren und sie werden mit stereotypen Vorstellungen über sich konfrontiert. Sie erfahren auf vielfältige Weisen, dass sie nicht hierher gehören und an einer Reihe von Missständen in Deutschland Schuld seien: An Gewalt an Schulen und schlechten PISA-Ergebnissen, an Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle, an Antisemitismus und Terrorismus u.v.a.m. Diesen Äußerungen und Erfahrungen, aber auch solchen, die die herzliche Gastfreundlichkeit, verbindliche Familienbande und tiefe Religiosität herausstellen, liegt eine Vorstellung zu Grunde, die Muslime als eine in sich geschlossene Gruppe imaginiert, die ganz anders als die eigene sei.

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Dabei werden auch Menschen als Muslime angesprochen oder behandelt, die sich selbst nicht oder nicht in erster Linie als solche beschreiben, Verhaltensweisen werden als religiös-kulturelle interpretiert, die in anderen („eigenen“) Kontexten als gesellschaftliche gedeutet werden. Die Bildungssituation in Deutschland wurde beispielsweise im Zuge von PISA und anderen Untersuchungen mehrfach als eine analysiert, die mit institutioneller Diskriminierung einhergeht und Schüler systematisch benachteiligt, die in sog. Bildungsfernen Haushalten oder migrierten Familien leben. Dennoch wiederholen (weiße deutsche) Lehrer und (weiße deutsche) Eltern, dass Schüler mit sogenanntem Migrationshintergrund und hier insbesondere solche, die als muslimisch wahrgenommen werden, für das niedrige Niveau an Schulen und das unangemessene Sozialverhalten der Schüler verantwortlich seien. Insgesamt kommt in den genannten Vorwürfen zum Ausdruck, dass rechtliche und politische Restriktionen sowie kulturelle und soziale Wissensbestände nicht berücksichtigt werden, wenn es darum geht, tatsächlich unterschiedliche Lebensumstände in ihrer Bedeutung für die genannten Phänomene zu reflektieren. Gleichzeitig werden Lebens- und Verhaltensweisen, die von diesen Diskursen abweichen, als Ausnahmen ignoriert, so dass sie das homogene (alle gleich), essenzialistische (immer gleichbleibend) und dichotome (ganz anders als wir) Bild nicht zu irritieren vermögen.

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Info: Von Mai bis November 2013 wurde vom Migrationsrat Berlin-Brandenburg (MRBB) die Veranstaltungsreihe „Rassismus und Justiz“ durchgeführt. Sie diente der Vernetzung von Juristen, Migrantenselbstorganisationen sowie anderen anti-rassistischen Akteuren und zielte auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus im deutschen Justizwesen. Im Rahmen dieser Reihe entstand die gleichnamige Broschüre, die am 27.10.2014 um 19:00 Uhr im Ballhaus Naunynstraße Berlin mit einer Release-Veranstaltung offiziell veröffentlicht werden soll. Die Broschüre „Rassismus und Justiz“ des Migrationsrates Berlin-Brandenburg e.V. kann kostenlos heruntergeladen werden.

Erklärungsversuche
Die wahrgenommene Distanz zwischen Menschen, die als Muslime markiert werden und solchen, die der Mehrheitsbevölkerung angehören, wird häufig damit erklärt, dass der Islam nicht nur als Religion, sondern auch als Kultur nicht zu dem passe, was hier üblich sei (christliche Leitkultur). Demgegenüber betonen andere, der Islam gehöre zwar nicht hierher, wohl aber Muslime, die die Aufgabe hätten, den Islam an europäische Gepflogenheiten anzupassen (Euro-Islam). Andere Stimmen meinen, die Kritik richte sich gegen den Islam als Religion, deren Anhänger ähnlich wie Christen lernen müssten, damit umzugehen und sich danach zu richten, dass Deutschland eine säkulare Gesellschaft sei (Religionskritik). Dagegen deuten wieder andere die Fokussierung auf Arbeitsmigranten als Muslime Ideologie in dem Sinne, dass dadurch von den eigentlichen Problemen und ihren Ursachen abgelenkt würde, welche politischer und ökonomischer Natur seien (Kapitalismusbzw. Neoliberalismuskritik).

Den ersten drei Situationsbeschreibungen Interpretationen und Erklärungen des Phänomens ist gemeinsam, dass sie von der bedeutenden und herausragenden Rolle von Religion für Menschen, die als Muslime wahrgenommen werden, ausgehen. Während sie den Islam und das Muslimsein betonen, hält die vierte Position diese Fixierung für irreführend, das eigentliche Problem liege woanders und habe mit Religion nichts zu tun. Diese Perspektiven sind in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten verbreitet, werden jedoch in Bezug auf Äußerungen und Handlungen gegen Muslime nicht durch sozialwissenschaftliche Studien gestützt. Quantitative Studien beziehen ihre Erkenntnisse aus Umfragen, deren Entwicklung meist evidenzbasiert und nicht theoretisch begründet ist. Sie bieten allgemein bekannte Äußerungen zum Islam und zu Muslimen ihren Befragten zur Bestätigung, Verneinung oder Enthaltung an. Zwei Studien dagegen, eine quantitative und eine qualitative, sind in einem theoretischen Modell entwickelt worden, die ich zur Diskussion stellen möchte.

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