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Zwei muslimische Frauen mit und ohne Kopftuch (Symbolfoto) © anuarsalleh auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Neo-Muslima

Emanzipiert mit und ohne Kopftuch

Unterdrückt, abhängig, antimodern: So werden muslimische Frauen noch häufig in der Öffentlichkeit dargestellt. Doch tatsächlich existieren viele unterschiedliche Lebensmodelle.

Von Stefanie Walter Freitag, 17.03.2017, 4:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 19.03.2017, 18:27 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Emel Zeynelabidin ist das, was man sich unter einer emanzipierten Frau vorstellt: Abitur, sechs Kinder, Mitbegründerin des ersten islamischen Kindergartens und der ersten islamischen Privatschule in Deutschland, Vorstand eines Islamischen Frauenvereins, Lutherpreisträgerin „Das unerschrockene Wort“, geschieden.

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Heute lebt sie als Autorin in Marburg. 30 Jahre lang trug Zeynelabidin das Kopftuch, dann legte sie es ab. „Das Kopftuch legt Identität fest“, sagt die Deutsch-Türkin. „Mit dieser Identität sind bestimmte Rollenmuster festgelegt, die eine Frau ziemlich unbeweglich machen können.“ Ohne Kopftuch fühlte sich Zeynelabidin befreit.

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El Shabassy wiederum trägt Kopftuch. Sie hat Mathematik und Chemie studiert, ist Mutter, ehrenamtlich in der Islamischen Gemeinde Marburg tätig und bietet Empowerment-Programme für Mädchen an.

Was ist eine emanzipierte muslimische Frau? In der öffentlichen Debatte werde die muslimische Frau oft als unterdrückt, abhängig oder fundamentalistisch-antimodern dargestellt, sagt die Frankfurter Soziologin und Religionswissenschaftlerin Naime Çakır. Stattdessen biete sich ein vielfältiges Bild, bei dem der Bildungsstand, die wirtschaftliche Lage, Erziehung und Religion eine Rolle spielen: „Sie werden für jedes Modell ein Beispiel finden, so plural ist die Lebenswirklichkeit muslimischer Frauen in Deutschland.“

Çakır stammt aus einer Arbeiterfamilie, ihr größter Wunsch sei gewesen, Verkäuferin zu werden. Die gelernte Krankenschwester studierte Sozialpädagogik und Religionswissenschaften und ist heute Postdoktorandin an der Universität Frankfurt. Aber viele muslimische wie auch nicht-muslimische Frauen mit Migrationshintergrund hätten es auf dem Arbeitsmarkt schwer, sagt Çakır dem Evangelischen Pressedienst.

Ausbildungen, die sie in den Heimatländern erwarben, würden nicht als gleichwertig anerkannt. „Somit wird ihnen bereits strukturell der Weg zu einem selbstbestimmten Leben schwergemacht.“ Studien zeigten, dass muslimische Frauen und Mädchen bei der Bildung und im Erwerbsleben kräftig aufholten und zum Teil auch besser abschnitten als die männliche Vergleichsgruppe. „Dennoch gehen mehr Männer einer Erwerbstätigkeit nach als Frauen.“

Die Deutsch-Türkin Havvanur Aktaş-Dalcı arbeitet beim Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln. Der Verein, der sich wie andere muslimische Frauenverbände in den 1990er Jahren gründete, will Frauen durch Bildung und Beratung stärken. Er bietet täglich 25 Integrationskurse an, Frauen können den Hauptschulabschluss nachholen, eine Elternberaterin vermittelt bei Schulproblemen, es gibt Computerkurse, Arbeitslosenberatung, Begegnungs-Cafés, Hausaufgabenbetreuung. „Muslimische Frauen möchten wie andere Frauen auch durch Berufstätigkeit gesellschaftlich partizipieren, sich selbst verwirklichen und auf eigenen Beinen stehen“, sagt Aktaş-Dalcı.

Seit Ende der 1990er Jahre, erklärt die Wissenschaftlerin Çakır, entwickele sich ein Phänomen: das der Neo-Muslima. „In der Biografie dieser Frauen nehmen eine qualifizierte Berufsausbildung, Selbstständigkeit, ihre Familie und das Befolgen der islamischen Gebote zentrale Rollen ein. Für die meisten Neo-Muslimas ist es kein Widerspruch, muslimisch und emanzipiert zu sein und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Mit dem Tragen des Kopftuches gäben die Frauen „nach innen“ das Signal, dass sie trotz eines modernen Lebensstils in der islamischen Religion beheimatet sind. Und durch diese „unausgesprochene Aussage“ erkämpften sie sich mehr Autorität in ihren Familien. (epd/mig)

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