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Mouhanad Khorchide

„Es reicht nicht zu sagen, der Islam ist eine friedliche Religion.“

Integration, ergebnisoffene Wissenschaft oder die Bewahrung der islamischen Identität? Die Erwartungen an die neuen Zentren für Islamische Theologie sind groß und unterschiedlich. Mouhanad Khorchide, Professor in Münster, erklärt im Gespräch mit dem MiGAZIN sein Islamverständnis.

Von Musa Bağraç Donnerstag, 08.11.2012, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 15.03.2013, 12:27 Uhr Lesedauer: 11 Minuten  |   Drucken

An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster wird, wie in vielen anderen Universitäten Deutschlands auch, ein Zentrum für islamische Theologie aufgebaut. Die Erwartungen sind groß und unterschiedlich: die Politik erwartet Integrationsleistungen, die Wissenschaft eine Ergebnisoffene Forschung, Muslime die Bewahrung der islamischen Identität. Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, erklärt im Gespräch mit dem MiGAZIN sein Islamverständnis und was er an der Universität lehrt.

Musa Bağraç: Herr Prof. Dr. Khorchide, Ihr neues Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ ist erschienen. Was hat Sie bewogen, ein solches Buch zu verfassen?

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Mouhanad Khorchide (* 1971 in Beirut) ist ein österreichischer Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Seit 2010 ist er als Professor für Islamische Religionspädagogik am „Centrum für Religiöse Studien“ (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität tätig.

Mouhanad Khorchide: Der Islam wird in Europa sehr stark mit Gewalt und Intoleranz assoziiert. Allein zu sagen, der Islam ist keine gewalttätige, sondern eine friedliche Religion, ist zu wenig. Es werden immer wieder in der öffentlichen Debatte Koranverse herangezogen, um zu belegen, der Islam sei eine gewalttätige Religion. Gott stellt sich aber im Koran als der absolut Barmherzigen dar. Ich habe das als Kriterium genommen und versuche daraus eine ganze Theologie zu entwerfen. Und das war meine Absicht in diesem Buch.

In der Einleitung schreiben Sie, dass Sie mit Widersprüchen aufgewachsen sind. Insbesondere Ihre Erlebnisse in den arabischen Ländern waren für Sie prägend. Ist die Theologie der Barmherzigkeit Ihre persönliche Antwort auf diese biografisch erlebten Widersprüche?

Khorchide: Nein. Die persönlichen Erfahrungen, vor allem in Saudi Arabien, wo die Fassade nach außen islamisch ist, nach innen weniger, haben mich dazu veranlasst, vieles zu hinterfragen. Und hier endet auch der Teil meiner Biografie, die auf mich Einfluss genommen hat und dann beginnt der Teil, wo ich begonnen habe durch ein intensives Studium theologisch zu reflektieren. Somit ist die Theologie der Barmherzigkeit keine subjektive Reaktion.

Die Aspekte: Barmherzigkeit, Liebe und Frieden wurden auch von vielen Sufigelehrten wie Rumi und Yunus Emre erwähnt. Sehen Sie ihre Ansicht als ein Anschluss an diese Tradition an?

Khorchide: Auf jeden Fall ist es ein Anschluss an diese Sufi-Tradition im Islam. Aber ich bin kein Sufi. An die Frage der Sufis, was ist der Kern der Religion knüpfe ich an, übernehme aber nicht alles eins zu eins. Ich vertrete auch nicht die Ansicht, dass man Erkenntnisse durch Meditation gewinnt. Dafür muss man schon viel forschen und hinterfragen. Deshalb argumentiere ich viel mit der Kalam, als eine sehr wichtige islamisch-wissenschaftliche Disziplin.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie würden einen Light-Islam anstreben? Ihre Frohbotschaft vs. Drohbotschaft gleicht der Diskussion aus der September Ausgabe der Zeitschrift „Christ & Welt“, bei der die Hölle nicht mehr ins Bild passe und deswegen abzuschaffen gelte. Wollen Sie eine „weich gespülte Wohlfühl-Spiritualität“ begründen?

Khorchide: Nein. Ich sage, im Koran lesen wir an 49 Stellen, dass der Glaube und das aufrichtige Handeln immer aneinander gekoppelt sind. Muslimsein ist mit Lippenbekenntnissen nicht möglich. Es muss auch entsprechend gehandelt werden. Mein Ansatz verlangt noch mehr als das, was weit verbreitet ist: Ich verrichte meine Gebete und faste, der Rest ist mir egal. Nein, der Muslim ist jemand, der alles von sich gibt für das Gute, der seine Zeit nicht verplempert, stets seine Vervollkommnung anstrebt. Er ist ein besonderer Mensch, ein Vorbild. Das ist für mich ein Muslim.

An vielen Stellen bezeichnen Sie Paradies und Hölle als Symbole für Geisteszustände wie Glückseligkeit und Unglücklichkeit. Heißt das, dass es einen wahren Ort wie Himmel und Hölle nicht gibt?

Khorchide: Es gibt Himmel und Hölle. Ich sehe diese Orte aber als einen geistigen Zustand und nicht als einen materiellen Ort. Es geht nicht darum, dass man im Paradies den ganzen Tag trinkt und isst und Erotik hat. Nein, es ist ein geistiger Zustand, den der Koran beschreibt. Er beschreibt die Glückseligkeit des Menschen, wenn er bei Gott ist. Deshalb ist im Koran immer wieder die Rede von der „Rückkehr zu Gott“. Gott lädt uns zu sich ein. Und das ist das Paradies. Im Koran steht, dass die Menschen in der Hölle sitzen und dabei reden und diskutieren. Welcher Mensch sitzt im Feuer und diskutiert? Das sind nur Bilder.

Mein Anliegen ist, dass der Mensch mehr Verantwortung trägt und nicht nur deshalb das Gute anstrebt, weil er im Paradies mehr essen und trinken möchte oder weil er Angst hat vor der dem Feuer.

Sie beschreiben das Konzept der Belohnung und Bestrafung im Koran als bloße pädagogische Überlegung. Inwieweit ist aber eine Androhung ohne Konsequenz pädagogisch glaubwürdig?

Khorchide: Die Androhung im Koran ist natürlich berechtigt. Wenn ich sündige, werde ich dafür bestraft. Wer Funken Gutes macht, wird es sehen, wer Funken Schlechtes macht, wird es sehen. Nur die Frage ist, ist die Strafe ein willkürlicher Racheakt von Gott, der nur seine Macht demonstrieren möchte? Sicher nicht. Wenn ich Verfehlungen mache, werde ich im Jenseits damit konfrontiert. Das führt zu Qualen mit dem Ziel, dass ich einsichtig werde. Gott will, dass wir uns verbessern und dass wir gereinigt werden.

Was passiert z.B. mit Despoten wie Hitler, die großes Leid verursacht haben, ohne dafür gebüßt zu haben? Kämen sie mit einer Theologie der Barmherzigkeit nicht glimpflich davon?

Khorchide: Nein, keineswegs. Jeder Mensch wird konfrontiert mit allen seinen Verfehlungen und das wird Qualen verursachen. Gott erlaubt sich außerdem nie, über die Köpfe der Opfer hinweg den Tätern zu vergeben. Hitler wird konfrontiert werden mit jedem einzelnen Menschen, dem er Leid zugefügt hat. Der Prozess der Einsicht, was man anderen Menschen verursachte wird quälen. Es wird eine geistige Strafe sein. Manchmal kann schlechtes Gewissen viel, viel schlimmer sein, als wenn jemand physisch geschlagen wird. Barmherzigkeit bedeutet aber keineswegs grünes Licht für Sünden. Wenn ich was gemacht habe, muss ich es wieder gut machen, hier auf der Erde. Das finde ich wichtig, damit wir ein Bewusstsein zur Verantwortlichkeit des Menschen entwickeln.

Sie sagen, „die Gebote dienen der Vervollkommnung und Glückseligkeit“ des Menschen. Was passiert, wenn das Herz geläutert und der Mensch glücklich ist? Haben religiöse Rituale dann noch eine Gültigkeit?

Khorchide: Natürlich. Sie haben immer eine starke Bedeutung. Ich beschreibe in meinem Buch, dass der vollkommene Mensch nicht der fehlerfreie Mensch ist, sondern der, der Fehler macht aber einsichtig ist und von seinen Fehlern lernt. Er ist also immer auf dem Weg zum Vollkommensein. Deshalb zeigt uns der Koran, dass der Prophet Muhammad auch nicht fehlerfrei war.

Und Gott schreibt das Gebet nicht als Selbstzweck vor. Vielmehr sind Gebete Hilfestellungen für den Menschen, damit er in sich hineingeht, sich selbst reflektiert. Das bedeutet: Der Mensch braucht den geistigen Spiegel immer wieder und die Bindung an Gott während des Gebets. Ich stelle in meinem Islamverständnis die Latte also sogar etwas höher, was die Rituale betrifft. Es reicht nicht, einfach die Bewegung richtig zu machen. Nein. So wie es der Prophet gesagt hat, muss auch das Herz dabei sein und das Gebet muss bei mir etwas hinterlassen. Ich muss eine spirituelle Reise zu Gott und zu mir selbst im Gebet gemacht haben. Deshalb verstehe ich nicht, wenn jemand sagt, das ist ein Light-Islam.

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