Mouhanad Khorchide

„Es reicht nicht zu sagen, der Islam ist eine friedliche Religion.“

Integration, ergebnisoffene Wissenschaft oder die Bewahrung der islamischen Identität? Die Erwartungen an die neuen Zentren für Islamische Theologie sind groß und unterschiedlich. Mouhanad Khorchide, Professor in Münster, erklärt im Gespräch mit dem MiGAZIN sein Islamverständnis.

Von Musa Bağraç Donnerstag, 08.11.2012, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 26.01.2026, 10:44 Uhr Lesedauer: 11 Minuten  |  

An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster wird, wie in vielen anderen Universitäten Deutschlands auch, ein Zentrum für islamische Theologie aufgebaut. Die Erwartungen sind groß und unterschiedlich: die Politik erwartet Integrationsleistungen, die Wissenschaft eine Ergebnisoffene Forschung, Muslime die Bewahrung der islamischen Identität. Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, erklärt im Gespräch mit dem MiGAZIN sein Islamverständnis und was er an der Universität lehrt.

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Musa Bağraç: Herr Prof. Dr. Khorchide, Ihr neues Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ ist erschienen. Was hat Sie bewogen, ein solches Buch zu verfassen?

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Mouhanad Khorchide (* 1971 in Beirut) ist ein österreichischer Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Seit 2010 ist er als Professor für Islamische Religionspädagogik am „Centrum für Religiöse Studien“ (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität tätig.

Mouhanad Khorchide: Der Islam wird in Europa sehr stark mit Gewalt und Intoleranz assoziiert. Allein zu sagen, der Islam ist keine gewalttätige, sondern eine friedliche Religion, ist zu wenig. Es werden immer wieder in der öffentlichen Debatte Koranverse herangezogen, um zu belegen, der Islam sei eine gewalttätige Religion. Gott stellt sich aber im Koran als der absolut Barmherzigen dar. Ich habe das als Kriterium genommen und versuche daraus eine ganze Theologie zu entwerfen. Und das war meine Absicht in diesem Buch.

In der Einleitung schreiben Sie, dass Sie mit Widersprüchen aufgewachsen sind. Insbesondere Ihre Erlebnisse in den arabischen Ländern waren für Sie prägend. Ist die Theologie der Barmherzigkeit Ihre persönliche Antwort auf diese biografisch erlebten Widersprüche?

Khorchide: Nein. Die persönlichen Erfahrungen, vor allem in Saudi Arabien, wo die Fassade nach außen islamisch ist, nach innen weniger, haben mich dazu veranlasst, vieles zu hinterfragen. Und hier endet auch der Teil meiner Biografie, die auf mich Einfluss genommen hat und dann beginnt der Teil, wo ich begonnen habe durch ein intensives Studium theologisch zu reflektieren. Somit ist die Theologie der Barmherzigkeit keine subjektive Reaktion.

Die Aspekte: Barmherzigkeit, Liebe und Frieden wurden auch von vielen Sufigelehrten wie Rumi und Yunus Emre erwähnt. Sehen Sie ihre Ansicht als ein Anschluss an diese Tradition an?

Khorchide: Auf jeden Fall ist es ein Anschluss an diese Sufi-Tradition im Islam. Aber ich bin kein Sufi. An die Frage der Sufis, was ist der Kern der Religion knüpfe ich an, übernehme aber nicht alles eins zu eins. Ich vertrete auch nicht die Ansicht, dass man Erkenntnisse durch Meditation gewinnt. Dafür muss man schon viel forschen und hinterfragen. Deshalb argumentiere ich viel mit der Kalam, als eine sehr wichtige islamisch-wissenschaftliche Disziplin.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie würden einen Light-Islam anstreben? Ihre Frohbotschaft vs. Drohbotschaft gleicht der Diskussion aus der September Ausgabe der Zeitschrift „Christ & Welt“, bei der die Hölle nicht mehr ins Bild passe und deswegen abzuschaffen gelte. Wollen Sie eine „weich gespülte Wohlfühl-Spiritualität“ begründen?

Khorchide: Nein. Ich sage, im Koran lesen wir an 49 Stellen, dass der Glaube und das aufrichtige Handeln immer aneinander gekoppelt sind. Muslimsein ist mit Lippenbekenntnissen nicht möglich. Es muss auch entsprechend gehandelt werden. Mein Ansatz verlangt noch mehr als das, was weit verbreitet ist: Ich verrichte meine Gebete und faste, der Rest ist mir egal. Nein, der Muslim ist jemand, der alles von sich gibt für das Gute, der seine Zeit nicht verplempert, stets seine Vervollkommnung anstrebt. Er ist ein besonderer Mensch, ein Vorbild. Das ist für mich ein Muslim.

An vielen Stellen bezeichnen Sie Paradies und Hölle als Symbole für Geisteszustände wie Glückseligkeit und Unglücklichkeit. Heißt das, dass es einen wahren Ort wie Himmel und Hölle nicht gibt?

Khorchide: Es gibt Himmel und Hölle. Ich sehe diese Orte aber als einen geistigen Zustand und nicht als einen materiellen Ort. Es geht nicht darum, dass man im Paradies den ganzen Tag trinkt und isst und Erotik hat. Nein, es ist ein geistiger Zustand, den der Koran beschreibt. Er beschreibt die Glückseligkeit des Menschen, wenn er bei Gott ist. Deshalb ist im Koran immer wieder die Rede von der „Rückkehr zu Gott“. Gott lädt uns zu sich ein. Und das ist das Paradies. Im Koran steht, dass die Menschen in der Hölle sitzen und dabei reden und diskutieren. Welcher Mensch sitzt im Feuer und diskutiert? Das sind nur Bilder.

Mein Anliegen ist, dass der Mensch mehr Verantwortung trägt und nicht nur deshalb das Gute anstrebt, weil er im Paradies mehr essen und trinken möchte oder weil er Angst hat vor der dem Feuer.

Sie beschreiben das Konzept der Belohnung und Bestrafung im Koran als bloße pädagogische Überlegung. Inwieweit ist aber eine Androhung ohne Konsequenz pädagogisch glaubwürdig?

Khorchide: Die Androhung im Koran ist natürlich berechtigt. Wenn ich sündige, werde ich dafür bestraft. Wer Funken Gutes macht, wird es sehen, wer Funken Schlechtes macht, wird es sehen. Nur die Frage ist, ist die Strafe ein willkürlicher Racheakt von Gott, der nur seine Macht demonstrieren möchte? Sicher nicht. Wenn ich Verfehlungen mache, werde ich im Jenseits damit konfrontiert. Das führt zu Qualen mit dem Ziel, dass ich einsichtig werde. Gott will, dass wir uns verbessern und dass wir gereinigt werden.

Was passiert z.B. mit Despoten wie Hitler, die großes Leid verursacht haben, ohne dafür gebüßt zu haben? Kämen sie mit einer Theologie der Barmherzigkeit nicht glimpflich davon?

Khorchide: Nein, keineswegs. Jeder Mensch wird konfrontiert mit allen seinen Verfehlungen und das wird Qualen verursachen. Gott erlaubt sich außerdem nie, über die Köpfe der Opfer hinweg den Tätern zu vergeben. Hitler wird konfrontiert werden mit jedem einzelnen Menschen, dem er Leid zugefügt hat. Der Prozess der Einsicht, was man anderen Menschen verursachte wird quälen. Es wird eine geistige Strafe sein. Manchmal kann schlechtes Gewissen viel, viel schlimmer sein, als wenn jemand physisch geschlagen wird. Barmherzigkeit bedeutet aber keineswegs grünes Licht für Sünden. Wenn ich was gemacht habe, muss ich es wieder gut machen, hier auf der Erde. Das finde ich wichtig, damit wir ein Bewusstsein zur Verantwortlichkeit des Menschen entwickeln.

Sie sagen, „die Gebote dienen der Vervollkommnung und Glückseligkeit“ des Menschen. Was passiert, wenn das Herz geläutert und der Mensch glücklich ist? Haben religiöse Rituale dann noch eine Gültigkeit?

Khorchide: Natürlich. Sie haben immer eine starke Bedeutung. Ich beschreibe in meinem Buch, dass der vollkommene Mensch nicht der fehlerfreie Mensch ist, sondern der, der Fehler macht aber einsichtig ist und von seinen Fehlern lernt. Er ist also immer auf dem Weg zum Vollkommensein. Deshalb zeigt uns der Koran, dass der Prophet Muhammad auch nicht fehlerfrei war.

Und Gott schreibt das Gebet nicht als Selbstzweck vor. Vielmehr sind Gebete Hilfestellungen für den Menschen, damit er in sich hineingeht, sich selbst reflektiert. Das bedeutet: Der Mensch braucht den geistigen Spiegel immer wieder und die Bindung an Gott während des Gebets. Ich stelle in meinem Islamverständnis die Latte also sogar etwas höher, was die Rituale betrifft. Es reicht nicht, einfach die Bewegung richtig zu machen. Nein. So wie es der Prophet gesagt hat, muss auch das Herz dabei sein und das Gebet muss bei mir etwas hinterlassen. Ich muss eine spirituelle Reise zu Gott und zu mir selbst im Gebet gemacht haben. Deshalb verstehe ich nicht, wenn jemand sagt, das ist ein Light-Islam.

Die Begriffe Humanismus und Hermeneutik sind im europäischen Kontext entstanden und somit belegt. Wird hier dem Islam nicht etwas Fremdes überstülpt?

Khorchide: Der Humanismus hier hat nichts mit dem europäischen Humanismus des 16. Jahrhunderts zu tun, der von Religion nichts mehr wissen wollte. Mein Humanismus versucht, Religion und Mensch zu versöhnen. Hiermit meine ich, wie können wir den Koran als Buch lesen, das für den Menschen, für seine Glückseligkeit geschrieben ist. Im Koran geht es um die Frage, was will Gott für den Menschen, und nicht, was will Gott für sich selbst, denn Gott ist bereits vollkommen.

Sie kritisieren die traditionalistischen Theologen, die sie als Angstprediger bezeichnen, sie höhlten den Islam aus. Diese Fremdzuschreibung ähnelt der lebensfremden Diskussion um einen so genannten liberalen vs. konservativen Islam. Tappen Sie mit ihrer Kategorisierung Traditionell vs. Neu nicht in dieselbe Falle?

Khorchide: Die Dichotomie konservativ vs. liberal kritisiere auch ich. Meine Kritik geht an erster Stelle an Salafisten und nicht an die Mainstream-Muslime. Die Salafisten sagen, wichtig ist, wie man aussieht. Die Liberalen sagen, es genügt die Schahada (Glaubensbekenntnis), um Muslim zu sein. Und was bleibt denn vom Islam, wenn die einen die Oberfläche betrachten und die anderen nur die Schahada. Beide höhlen die Religion aus.

In diesem Sinne kritisiere ich auch manche Muslime, die ständig mit dem bestrafenden Gott drohen. Es entsteht eine gestörte Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wie kann ich Gott aufrichtig lieben, wenn er mir immer Angst macht. Wir können einen gesünderen Zugang zu Gott finden, der auf Liebe und Vertrauen basiert. Ich bete zu Gott, weil er mich liebt und ich möchte ihm zeigen, dass auch ich ihn liebe, statt zu sagen, ich bete, damit er mich nicht bestraft.

Wenn Sie die Theologie der Barmherzigkeit zum Primat aller islamischen Theologie ausrufen. Sehen Sie darin nicht eine Reduktion Gottes auf nur bestimmte Aspekte, die der Ganzheitlichkeit Gottes widerspricht?

Khorchide: Der Koran selbst baut in Gott eine Hierarchie auf und sagt in Sure 7, Vers 156: Meine Strafe trifft, wen ich möchte, meine Barmherzigkeit aber umfasst alles. Das bedeutet: Aus seiner Barmherzigkeit entspringen alle anderen Attribute wie Zorn, Strafe, Gerechtigkeit. Gott will aber mehr als nur Gerechtigkeit. Er will, dass man sich verbessert, innerlich vervollkommnet. So ist Gott immer barmherzig, auch wenn er straft. Wenn ich meinem Sohn sage, du darfst heute kein Computer spielen, weil du deine Aufgaben nicht gemacht hast, will ich nicht meine Macht demonstrieren, sondern bin in Sorge. Er ist mir nicht egal. Meine Strafe ist Ausdruck meiner Liebe und Barmherzigkeit ihm gegenüber. Und so sind wir auch Gott nicht egal.

Sie haben Ihre Theologie der Barmherzigkeit als Theologe verfasst. Sie sind zugleich auch mit der Ausbildung der Islamlehrer betraut. Stellt Sie das nicht vor einem Problem?

Khorchide: Mein Buch ist eine Reflexion über islamische Theologie, die für einen Anfänger irritierend sein kann. Meine Studierende brauchen am Anfang klare Strukturen, wie z.B. was die Grundlage der Religion und der Theologie ist. Meine Aufgabe als Wissenschaftler ist es, sie zum Nachdenken und zur Kritik anzuregen, auch an dem, was ich sage. Wichtig ist, dass die Studierenden lernen, ihre Positionen rational zu begründen, dass sie also nichts einfach so unhinterfragt hinnehmen. Letztendlich müssen sie sich aber entscheiden, für welche Theologie sie eintreten möchten. Ich würde nie meine eigene Position von oben einfach aufsetzen. Die islamische Theologie war immer vielfältig und wir hatten immer viele Denkschulen in der islamischen Ideengeschichte. Warum sollen wir diese Vielfalt nicht auch in Deutschland haben?

Welche unterschiedlichen Erwartungen werden an Sie herangetragen, die Sie bei der Ausbildung der Islamlehrer erfüllen müssen?

Khorchide: Die Politik erwartet vom Islamunterricht Integration. Die muslimische Community die Bewahrung der islamischen Identität. Die Studierenden wollen ihre Religion auf akademischem Niveau lernen. Die wissenschaftliche Community erwartet die Verwendung von modernen wie historisch-kritischen Methoden und eine ergebnisoffene Forschung. Wir versuchen, allen diesen Erwartungen zu entsprechen. In meinem Islamverständnis gibt es Platz für alle Menschen. Der Koran spricht alle Menschen an. Darin kann sich auch eine islamische Identität bilden, die nicht im Widerspruch zu einem Leben hier in Europa steht. Und das leistet indirekt einen Beitrag zur Integration. Natürlich mit Spannungen hier und da.

Auf der zivilgesellschaftlichen Ebene finden verstärkt interreligiöse Dialoge vor allem zwischen Muslimen, Christen und Juden statt, welche Empfehlungen würden Sie diesen Bestrebungen mit auf den Weg geben?

Khorchide: Wir müssen einander auf Augenhöhe begegnen, um auf Herausforderungen gemeinsame Antworten zu finden. Die moderne Gesellschaft entfernt sich immer stärker von religiösen Werten, wie Nächstenliebe, Familie oder ehrenamtliche Arbeit. Hier können Religionen gemeinsam arbeiten. Diese Dialoge können die Moderne auch bereichern, um solche Werte wieder einzuführen und zu verstärken.

In Münster soll bald ein islamisches Zentrum mit einer Moschee und verschiedenen weiteren Einrichtungen entstehen? Können Sie unseren Lesern verraten, was genau hier aufgebaut wird?

Khorchide: Unser Rektorat an der Uni Münster unterstützt das Zentrum für Islamische Theologie sehr wohlwollend. Es begrüßt die Entwicklungen, die wir hier machen und hat hervorgehoben, dass die Etablierung der islamischen Theologie im akademischen Diskurs einen positiven Beitrag für die ganze akademische Landschaft leistet. Gerade hier in Münster, wo wir die zwei größten christlichen Fakultäten in Europa haben.

Unser Rektorat ist auch sehr um die Anerkennung der muslimischen Studierenden und Mitarbeitern bemüht. Es wird regelmäßig zu den islamischen Feiertagen gratuliert. Es wird in den Mensen Halal-Essen eingeführt etc. Und als unsere Rektorin einmal beobachtet hat, dass Studenten in der Nähe des Vorlesungsraums auf dem Boden gebetet haben, hat sie mich angesprochen und gesagt, dass es den Muslimen nicht würdig ist, einfach so auf dem Boden zu beten. Sie hat uns einen Gebetsraum angeboten. Daraus entstand auch die Idee einer Moschee. Die Uni stellt uns ein Grundstück für den Bau zur Verfügung und wir sammeln zurzeit Geld für den Bau.

Dann soll ein ganzer Komplex aufgebaut werden, ein Zentrum mit repräsentativer Moschee mit Kuppel und Minarett und Seminarräumen und auch Büros. Wo Studenten beten und studieren können, so wie in den alten Madrasas.

Herr Prof. Dr. Khorchide vielen Dank für das Gespräch Interview Leitartikel

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  1. Charlotte Riske sagt:

    Guten Tag, Herr Khorchide!
    Zwei Fragen:
    1. Was Sie in diesem Interview vortragen, ist zu 100% christliche Theologie. Warum verkaufen Sie das als islamische Theologie?
    2. Welche islamischen Autoritäten haben Ihnen die Befugnis erteilt, eine neue islamische Theologie zu verkünden?
    MfG Riske

  2. Pit sagt:

    @Charlotte Riske

    Weil es derselbe Gott ist, der sich in Bibel und Koran offenbart, und er vom Menschen seit dem Sündenfall dasselbe erwartet: dass sie sich bessern.

  3. Lynx sagt:

    Khorchide: „Die Politik erwartet vom Islamunterricht Integration (= Assimilation). Die muslimische Gemeinschaft (bitte nicht den unnötigen Anglizismus ‚Community‘!) die Bewahrung der islamischen Identität. Die Studierenden wollen ihre Religion auf akademischem Niveau lernen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft erwartet die Verwendung von modernen wie historisch-kritischen Methoden und eine ergebnisoffene Forschung (auch wenn dabei der Islam zerfleddert und der Koran wie ein gewöhnliches Stück Literatur behandelt wird). Wir versuchen, allen diesen Erwartungen zu entsprechen.“
    Wie soll das gut gehen? Man kann es nicht allen gleichzeitig recht machen!

    Gewaltfreie Religion: die meisten Christen blenden diejenigen Bibelstellen aus, in denen Jesus Christus nicht der friedliche Gottessohn ist:
    In einer Geschichte heißt es, als er zu einer Zeit, zu der die Feigenbäume keine Früchte zu tragen pflegen, er an einem Feigenbaum vorübergekommen sei, der keine Früchte trug, habe er diesen dafür verflucht, so daß er verdorrte. Was ist das für ein Gott der Liebe, der so an einem unschuldigen Feigenbaum handelt?
    In Mt 10,34 ff. heißt es: „Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“ Wie ist eine solche Aussage mit der Vorstellung des liebenden und Frieden bringenden Gottessohnes vereinbar?
    Und wie steht es mit seinem Zornesausbruch, als er nach der bekannten Geschichte die Tauben- u. a. Händler gewaltsam aus dem Vorhof des Tempels vertrieb? (Lk 19,45 u. Joh 2,14 ff.).
    Wir sollten uns nicht soweit wie Herr Khorchide dazu hinreißen lassen, zu verleugnen, daß der Islam in gewissen Fällen Gewaltanwendung zuläßt und sogar vorschreibt, wie bspw. bei der Verteidigung bestimmter materieller und ideeller Werte.

  4. Mo sagt:

    @Charlotte Riske
    „Welche islamischen Autoritäten haben Ihnen die Befugnis erteilt, eine neue islamische Theologie zu verkünden?“

    In Münster genügt doch schon allein der Druck von islamistischen Verbänden und die Boykott-Drohung, um Theologen, die bestimmte islamische Dogmen anzweifeln, zu entfernen.

  5. Christ sagt:

    „Denn also hat Gott (der Gott der Bibel) die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn (Jesus Christus) gab, damit jeder der an ihn glaubt nicht verloren geht sondern ewiges Leben hat“ Joh. 3,16 – Die Bibel.
    Solche Aussagen gibt es im Koran nicht…

  6. Gereon Vogel-Sedlmayr sagt:

    Ich bin selber christlicher Theologe und kenne auch aus meinem Bereich das Problem, dass man von falschen Freunden und richtigen Feinden Missrepräsentationen der eigenen Religion konfrontiert werden kann. Dass „Barmherzigkeit“ ein zentraler Begriff der Gottesvorstellung ist, der Islam und Christentum verbindet, trifft zu. Aber leider auch, dass bei den Einzelheiten der Teufel im Detail steckt.

    Um so mehr sehe ich, wie schwierig die Dinge im Einzelnen liegen, und wie viel Sprengkraft in der modernen Distanz zu den verehrten Figuren der Heilsgeschichte steckt. Der Satz: „Deshalb zeigt uns der Koran, dass der Prophet Muhammad auch nicht fehlerfrei war“ macht deutlich, wo der Sprengstoff steckt. Wenn mit „nicht fehlerfrei“ auch moralische Verfehlungen in Verbindungen gebracht werden (und das liegt nahe), widerspricht er der Lehre von dem „Sündenschutz“ (‚isma), den nach traditioneller islamischer Auffassung die Propheten genießen.

  7. Friedrich sagt:

    Die Sufis als Beispiel fuer Gewaltfreiheit anzufuehren ist schon der erste Fehler.
    Denn diese waren auch fuer die Ausbildung der Janitscharen zustaendig. Wie kann man Ausbilder einer Kriegergruppe, die sich aus geraubten Kindern Andresglaeubiger zusammensetzte, als Beispiel fuer Friedfertigkeit anfuehren?

    Das naechste Problem ergibt sich daraus, dass das islamische Zentrum mit der al Azhar zusammenarbeiten will.
    Diese Institution ist fuer die Flucht des Nasr Hamid Abu Zaid in die Niederlande verantwortlich, nachdem sie ihn zum Apostaten erklaerte (aufgrund gemaesigter Ansichten zum Islam) und ihn zwangsweise scheiden wollte, da Nichtmoslems nicht mit einer Moslemin verheiratet sein duerfen.
    Ganz davon abgesehen, dass es dort auch Ansichten gibt (so der fruehere Religionsminister Aegyptens) nach denen Apostaten, die dies verkuenden, wegen Hochverrats zu toeten sind.

  8. Kofi sagt:

    Mir dünkt, der Islam ist mindestens so deutungsoffen wie das Christentum. Da ist von evangelikalen US-Spinnern, spanischen Klerikalfaschisten, asketischen Protestanten, Wiedertäufern, Ultramontanen, Thron und Altar, Befreiungstheologie, Kirchentagswellnessreligion usw. vieles möglich.

    Als deutscher Gläubiger des Islam sollte man sich heute ganz vom mekkanischen Steinkult und der Kulturlosigkeit der Saudis distanzieren, Ich halte die Wallfahrt nach Mekka nicht mehr für eine Säule des Islam. Da muss ich an dieses Caspar David Friedrich Bild denken, nun stell dir dazu die lärmenden Touristenmassen auf den Kreisefelsen vor, Romantik pur. Mohammed und Jesus finden Gott in der Wüstenerimitage. Alles andere ist Disneyland und Götzenkult.

    Auch Aberglauben wie Speiseregeln und der ganze weltliche Aspekt des Islam ist irrelevant, weil der progressive Impuls verpufft ist. Wir brauchen auch keine Muezzine und orientale Baustile. Wen sein Weg nach Deutschland führt, der kennt die kulturelle Überlegenheit des Landes an, der braucht nicht rückständige Sitten in dieses Land bringen, eher wird der Islam aus dem Geiste Deutschlands und des GG erneuert werden. Da bin ich mir sicher. Ewig darf es nicht so weiter gehen mit den Wahabiten und der ganzen Bigotterie. Eine islamische Theologie wird diesen Weg weisen.

  9. AI sagt:

    @Friedrich: Sufis waren für die Seelsorge zuständig.

    Aber mich würde interessieren, woher sie diese Info haben??

    @Kofi: Was ist der Geist Deutschlands?

  10. MiTho sagt:

    @ Bruder Gereon:
    Der Professor bezieht sich natürlich auf die Suren, mit und in welchen der Verehrte Prophet richtiggestellte (!) Werte empfangen hat. Der Qur’an beinhaltet somit keine „Irrtümer“ oder gar „moralische Verfehlungen“, sondern versteht sich als letztgültige Weis- und Wahrheit. Was mich wundert: als Theologe sollten Sie dies eigentlich wissen.

    @ Kofi:
    Selbst deutscher Muslim, kann ich mich Ihrer Beliebigkeit definitiv nicht anschließen. Die Hadj hat nichts mit „Steingläubigkeit“ zu tun; die von Ihnen angesprochene „kulturelle Überlegenheit“ existiert nicht – eher im Gegenteil.