
Tragödie
Einen Tag nach Papst-Appell: Zehnjähriger stirbt im Ärmelkanal
Papst Leo hatte gerade erst auf die besondere Schutzbedürftigkeit migrierender Kinder hingewiesen. Einen Tag später stirbt ein Zehnjähriger auf einem völlig überfüllten Boot im Ärmelkanal. Auch zwei Frauen kommen ums Leben.
Montag, 28.09.2026, 16:31 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 28.09.2026, 16:31 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Einen Tag nachdem Papst Leo XIV. beim Welttag der Migranten und Geflüchteten den Blick auf das Schicksal von Kindern auf der Flucht gelenkt hatte, ist bei einer versuchten Überfahrt über den Ärmelkanal ein zehnjähriges Kind gestorben. Auch zwei Frauen im Alter von etwa 30 Jahren kamen ums Leben.
Die drei befanden sich mit insgesamt 105 Menschen auf einem überfüllten Schlauchboot, das am frühen Montagmorgen von Sangatte nahe Calais in Richtung Großbritannien gestartet war. Gegen 8.00 Uhr baten die Menschen an Bord rund sechs Kilometer vor der französischen Küste um Hilfe, wie der Präfekt des Départements Pas-de-Calais, François-Xavier Lauch, mitteilte.
Drei Tote auf völlig überfülltem Boot
Ein vom französischen Staat eingesetztes Rettungsschiff nahm die Menschen auf. Für das Kind und die beiden Frauen kam jedoch jede Hilfe zu spät. Nach ersten Erkenntnissen wurden sie vermutlich im Gedränge auf dem stark überfüllten Boot erdrückt, sagte Lauch. Die genaue Todesursache wird noch untersucht. Die Staatsanwaltschaft von Boulogne-sur-Mer leitete Ermittlungen unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung ein.
Bei dem gestorbenen Kind handelt es sich nach Angaben des Präfekten vermutlich um einen Jungen aus Eritrea. Seine Mutter und wahrscheinlich auch Geschwister waren ebenfalls an Bord. Acht Menschen wurden nach ihrer Rettung wegen psychischer Belastungen betreut. Die Überlebenden wurden nach Calais gebracht.
Papst stellt migrierende Kinder in den Mittelpunkt
Ausgerechnet einen Tag zuvor hatte die katholische Kirche beim 112. Welttag der Migranten und Geflüchteten die Situation von Kindern in den Mittelpunkt gestellt. Der diesjährige Tag am Sonntag stand unter dem Motto „Auch nur eines von diesen Kindern“. Papst Leo XIV. bezeichnete Minderjährige in weltweiten Migrationsbewegungen als besonders verletzlich. Millionen Kinder und Jugendliche müssten jedes Jahr wegen Kriegen, Armut, Gewalt und Katastrophen ihre Heimat verlassen, erklärte er. Sie seien auf ihren Wegen unter anderem Todesgefahr, Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt.
Nur wenige Stunden nach dem Unglück äußerte sich Leo XIV. bei einem bereits geplanten Auftritt im französischen Metz grundsätzlich zur europäischen Migrationspolitik. Ohne direkten Bezug auf den Todesfall im Ärmelkanal sagte der Papst, viele Menschen kämen nach Europa, weil sie vor Krieg und Verfolgung flüchteten oder Armut entkommen wollten.
„Die Menschenwürde erfordert legale und sichere Wege, Rettung und Hilfe“, sagte Leo XIV. Zudem seien eine echte Zusammenarbeit gegen Menschenhändler, ein wirksamer Schutz der Betroffenen sowie Aufnahme und Integration notwendig. Zugleich müssten politische Bedingungen geschaffen werden, die Menschen ein Leben in Würde in ihren Herkunftsländern ermöglichten.
Boote werden immer stärker besetzt
Immer wieder versuchen Menschen von der nordfranzösischen Küste aus, in kleinen Schlauchbooten Großbritannien zu erreichen. Die Überfahrt über eine der am stärksten befahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt ist gefährlich. Zugleich werden die eingesetzten Boote zunehmend stark besetzt.
Nach Angaben der Hilfsorganisation Utopia 56 versuchen derzeit besonders viele Menschen, die letzten günstigen Wetterphasen vor dem Winter für eine Überfahrt zu nutzen. Dabei würden die Boote immer stärker beladen und die Abfahrtsorte teilweise weiter von den üblichen Stellen verlagert. Allein am vergangenen Mittwoch erreichten 781 Menschen in zehn Booten Großbritannien – im Durchschnitt waren damit fast 80 Menschen in jedem Boot.
Eine weitere Entwicklung bereitet den französischen Behörden Sorgen: sogenannte „Taxi-Boote“. Dabei starten Schlauchboote zunächst mit wenigen Menschen und nehmen weitere Passagiere erst vor der Küste aus dem Wasser auf. Damit sollen Polizeikontrollen an den Stränden umgangen werden. Frankreich versucht inzwischen, solche Boote bereits auf See zu stoppen, bevor sie weitere Menschen aufnehmen.
Weniger Überfahrten, weiterhin Todesfälle
Insgesamt ist die Zahl der Überfahrten in diesem Jahr allerdings deutlich gesunken. Seit Jahresbeginn erreichten nach französischen Angaben rund 18.600 Menschen Großbritannien über den Ärmelkanal – mehr als 40 Prozent weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Französische Behörden führen das unter anderem auf verstärkte Kontrollen zurück.
Tödlich bleibt die Route dennoch. Mit dem Tod des Kindes und der beiden Frauen stieg die Zahl der Menschen, die seit Jahresbeginn bei Versuchen einer Überquerung des Ärmelkanals ums Leben kamen, nach einer AFP-Zählung auf Grundlage offizieller Angaben auf 22. Erst in der vergangenen Woche waren an der nordfranzösischen Küste drei weitere Tote gefunden worden. (mig) Leitartikel Panorama
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