
Aussage gegen Aussage
Rassismus-Debatte nach Polizeischuss auf 14-jährigen Kurden
Ein 14-jähriger Schüler wird von einem Beamten angeschossen und schwer verletzt. Polizei und Familie schildern die Sekunden vor dem Schuss unterschiedlich. Im Raum steht ein schwerer Vorwurf: Rassismus. Nun wird geprüft, was tatsächlich geschah. Gewerkschaft der Polizei und Forschung kommen zu unterschiedlichen Bewertungen.
Von Birol Kocaman Montag, 24.08.2026, 17:01 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 24.08.2026, 17:01 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Ein Polizeibeamter schießt einem 14-Jährigen in den Oberkörper. Der Jugendliche überlebt schwer verletzt. Was in den Sekunden davor geschah, ist auch Tage später nicht geklärt. Polizei und Familie schildern den entscheidenden Moment unterschiedlich. Inzwischen wird über rassistische Polizeigewalt diskutiert. Die Gewerkschaft der Polizei weist den Vorwurf empört zurück. Dabei geht es um eine Frage, die weit über den Fall hinausreicht: Welche Rolle können Herkunft und zugeschriebene Herkunft dabei spielen, wen die Polizei einen Verdächtigen für gefährlich hält?
Der Vorfall ereignete sich am Dienstagabend im Münchner Stadtteil Schwabing. Gegen 17.15 Uhr hatten Zeugen eine Person mit einem pistolenähnlichen Gegenstand gemeldet. Die Polizei nahm den Hinweis ernst und rückte mit zahlreichen Kräften aus.
Zivilbeamte entdeckten schließlich in der Belgradstraße einen 14 Jahre alten Schüler aus dem Landkreis Miesbach. Der Jugendliche hatte eine Softair-Pistole bei sich, die einer echten Beretta 92 täuschend ähnlich sieht. Nach Angaben der Polizei beobachteten die Beamten zunächst, wie der Jugendliche eine Bewegung machte, als würde er die Waffe durchladen.
Was geschah unmittelbar vor dem Schuss?
Über die folgenden Sekunden gibt es unterschiedliche Darstellungen. Nach Angaben der Polizei forderten die Zivilbeamten den Jugendlichen auf, die Waffe fallenzulassen. Er hingegen habe sich daraufhin mit der Pistole in der Hand zu ihnen umgedreht und die Waffe erhoben. Ein Beamter schoss.
Der Schuss traf den Jugendlichen in den Oberkörper. Die Polizisten leisteten Erste Hilfe, anschließend wurde der 14-Jährige in ein Krankenhaus gebracht und operiert. Sein Zustand wurde später als stabil beschrieben.
Die Familie schildert den entscheidenden Moment anders. Die Mutter berichtete dem Sender München.TV, ihr Sohn habe sich nach eigener Darstellung umgedreht und die Situation zunächst wohl nicht richtig erfasst. Dann habe er die Arme hochgenommen und gerufen, die Waffe sei ein Spielzeug und die Beamten sollten nicht schießen. Da sei der Schuss bereits gefallen.
Noch weiter geht eine Darstellung der Münchner Linken und des Kurdischen Zentrums München. Demnach soll der Jugendliche die Softair-Waffe bereits abgelegt haben, als der Schuss fiel.
Damit steht Aussage gegen Aussage. Das Bayerische Landeskriminalamt prüft den Schusswaffeneinsatz. Auch die Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen eingeleitet. Solche Prüfungen sind nach Polizeischüssen üblich.
Gegen den Jugendlichen wird wegen Bedrohung ermittelt. Gegen den Beamten, der geschossen hat, wird bislang nicht als Beschuldigter ermittelt; er hat nach Angaben der Polizei Zeugenstatus.
Demonstranten erheben Rassismus-Vorwurf
Der Fall hat inzwischen eine politische Debatte ausgelöst. Rund 100 Menschen demonstrierten am Samstagabend in München gegen das Vorgehen der Polizei und gegen aus ihrer Sicht rassistische Polizeigewalt. Die Demonstration verlief nach Polizeiangaben friedlich.
Der 14-Jährige besitzt die türkische Staatsangehörigkeit und ist kurdischer Herkunft.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Bayern reagierte scharf auf die Rassismus-Vorwürfe. Landesvorsitzender Florian Leitner erklärte: „Diese Unterstellung lässt mich fassungslos zurück und ist eine Frechheit! Herkunft oder Nationalität eines Täters sind in einer lebensbedrohlichen Einsatzlage völlig unerheblich.“
Eine täuschend echt aussehende Softair- oder Anscheinswaffe sei in einer dynamischen Situation nicht von einer scharfen Schusswaffe zu unterscheiden, erklärte Leitner. Polizeibeamte könnten nicht abwarten, ob tatsächlich geschossen werde. „Dann ist es zu spät.“
Ob Herkunft bei dem Einsatz in München tatsächlich eine Rolle spielte, lässt sich derzeit nicht feststellen. Einen Beleg dafür gibt es bislang nicht. Die Aussage, Herkunft sei für polizeiliches Handeln grundsätzlich unerheblich, ist wissenschaftlich allerdings weniger eindeutig.
Wenn Erfahrungswissen die Wahrnehmung prägt
Forschungen über Polizeiarbeit beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, wie Beamte Situationen einschätzen und warum bestimmte Menschen schneller als verdächtig oder gefährlich wahrgenommen werden als andere.
Dabei geht es nicht zwangsläufig um bewusst rassistische Einstellungen einzelner Polizisten. Wissenschaftler untersuchen auch Routinen, Erfahrungswissen und Zuschreibungen, die Entscheidungen beeinflussen können, ohne dass sich die Handelnden dessen bewusst sind.
Hinweise darauf finden sich unter anderem in Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Bei einer Befragung von mehr als 20.000 Polizeibeamten wurde beispielsweise untersucht, mit wie vielen Einsatzkräften die Polizei bei häuslicher Gewalt vor Ort war.
Bei als deutsch eingeordneten Familien waren überwiegend lediglich zwei Beamte im Einsatz. Bei als nichtdeutsch eingeordneten Familien rückte die Polizei mit mehr Beamten an, bei türkischen Familien waren häufiger größere Gruppen von Polizeibeamten anwesend. Warum das so war, konnte die Untersuchung nicht abschließend klären. Möglich sei, dass bereits im Vorfeld mit einem höheren Konfliktpotenzial gerechnet wurde.
Die Ergebnisse belegen nicht, dass die Polizei Menschen aufgrund ihrer Herkunft bewusst härter behandelt. Sie zeigen aber, dass Polizeieinsätze je nach zugeschriebener Herkunft unterschiedlich verlaufen können.
„Andere Taktik“ bei „Südländern“
Noch deutlicher wird dieser Mechanismus in qualitativen Untersuchungen des polizeilichen Alltags. Die Sozialwissenschaftlerin Tamara Dangelmaier untersuchte, welche Rolle Erzählungen und Erfahrungswissen bei der Polizeiarbeit spielen.
Dabei stieß sie auf Kategorien, die Beamte selbst verwenden. Dazu gehört die Bezeichnung „Südländer“. Ein Polizist beschrieb im Rahmen der Untersuchung, bei so eingeordneten Personen sei eine „andere Taktik“ erforderlich.
Solche Vorstellungen können beeinflussen, wie eine Situation bereits vor dem ersten direkten Kontakt eingeschätzt wird: ob Beamte mit Widerstand rechnen, wie sie Menschen ansprechen und welchen Handlungsspielraum sie ihnen zugestehen.
Auch das Forschungsprojekt KviAPol zu Körperverletzung im Amt fand Hinweise auf kulturalisierende und rassistische Deutungsmuster im polizeilichen Erfahrungswissen. Grundlage waren unter anderem mehr als 3.300 Berichte von Menschen, die nach eigener Darstellung Polizeigewalt erlebt hatten, sowie Interviews mit Polizei, Justiz und Zivilgesellschaft.
Die Erhebung ist nicht repräsentativ. Aus ihr lässt sich deshalb nicht ableiten, wie häufig Menschen mit Migrationsgeschichte oder People of Color tatsächlich Opfer rechtswidriger Polizeigewalt werden. Sie zeigt jedoch Mechanismen, die zu unterschiedlicher Wahrnehmung und Behandlung beitragen können.
Auch der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere Schwarze und muslimische Männer überdurchschnittlich häufig von negativen Erfahrungen mit Polizei und anderen staatlichen Institutionen berichten.
Die Forschung verschiebt damit die Frage. Es geht nicht allein darum, ob ein einzelner Beamter bewusst rassistisch handelt. Es geht auch darum, ob Vorstellungen über Herkunft, Verhalten und vermeintliche Gefährlichkeit beeinflussen können, wie schnell eine Situation als bedrohlich bewertet wird.
Polizeischüsse sorgen seit Jahren für Debatten
Der Münchner Fall steht nicht allein. Immer wieder führen tödliche Polizeieinsätze zu Diskussionen darüber, ob Beamte angemessen reagiert und ausreichend versucht haben, eine Situation zu deeskalieren.
Besonders intensiv wurde über den Tod des 16-jährigen Mouhamed Dramé diskutiert. Der Geflüchtete aus Senegal wurde im August 2022 im Innenhof einer Dortmunder Jugendhilfeeinrichtung von einem Polizisten mit einer Maschinenpistole erschossen.
Dramé befand sich in einer psychischen Ausnahmesituation und hielt ein Messer bei sich. Die Polizei setzte zunächst Pfefferspray und anschließend einen Teaser ein. Zu diesem Zeitpunkt saß der Jugendliche auf dem Boden, eine Gefahr ging von ihm nicht aus. Kurz darauf fielen die tödlichen Schüsse. Der Fall löste eine bundesweite Debatte über Polizeitaktik, Deeskalation und den Umgang mit Menschen in psychischen Krisen aus.
Auch der Tod des 21-jährigen Lorenz A. in Oldenburg führte 2025 zu Rassismus-Vorwürfen. Der Schwarze junge Mann wurde von einem Polizeibeamten erschossen. Mehrere Schüsse trafen ihn von hinten. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bestand die vom Beamten angenommene Notwehrlage objektiv nicht. Gegen den Polizisten wurde später Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben.
Unterstützer von Lorenz A. äußerten danach den Vorwurf, der junge Mann würde noch leben, wenn er weiß gewesen wäre. Der Fall wurde damit ebenfalls zu einer Debatte darüber, ob Hautfarbe und zugeschriebene Gefährlichkeit bei polizeilichen Entscheidungen zusammenhängen können.
Zuletzt auffällig viele Polizeischüsse
Auch die Statistik hat die Diskussion zuletzt verstärkt. 2024 wurden nach der amtlichen Statistik 21 Menschen durch Polizeischüsse getötet – so viele wie seit Beginn der bundesweit einheitlichen Erfassung im Jahr 1984 nicht mehr. Zivilgesellschaftliche Dokumentationen kommen sogar auf 22 Todesfälle.
2025 wurden amtlich 16 Tote und 51 Verletzte durch Polizeischüsse registriert. Im Jahr zuvor waren 37 Menschen verletzt worden. 2023 waren neun Menschen durch Polizeischüsse getötet und 33 verletzt worden.
Eine umfassende Statistik darüber, wie viele Menschen insgesamt infolge polizeilicher Gewalt – nicht nur durch Schüsse – sterben oder verletzt werden, existiert allerdings nicht. Fälle mit körperlichem Zwang, Fixierungen oder anderen Einsatzmitteln werden nicht in einer vergleichbaren bundesweiten Gesamtstatistik erfasst.
Nach dem Schuss auf den 14-Jährigen in München wird nun zunächst geklärt werden müssen, was in den wenigen Sekunden geschah, über die Polizei und Familie unterschiedliche Angaben machen.
Erst danach lässt sich beurteilen, ob der Beamte schoss, weil er tatsächlich von einer unmittelbar bevorstehenden tödlichen Gefahr ausgehen musste. Solche Ermittlungen werden in Deutschland von der Polizei durchgeführt. Eine umstrittene Praxis. Experten bezweifeln, dass Polizisten gegen ihre Kollegen mit Nachdruck, objektiv und ergebnisoffen ermitteln. (mig) Leitartikel Panorama
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