
Entmenschlichung
Wessen Krise in Ceuta sichtbar wird
Ceuta erzählt nicht von einer Invasion Europas. Es erzählt von Menschen, die keine Zukunft sehen – und von einer Öffentlichkeit, die ihre Hoffnungslosigkeit zur Bedrohung erklärt.
Von Joachim Glaubitz Sonntag, 02.08.2026, 14:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 02.08.2026, 11:43 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Eine Vor-Ort-Reportage von El País erzählt von einem zwölfjährigen Jungen, der den Strand von Ceuta erreicht. Noch zitternd fragt er, wann er aufs spanische Festland weiterreisen könne. Er wolle seiner Mutter helfen.
Die Szene zeigt, was in der Berichterstattung verloren geht: einen Menschen, dem die lebensgefährliche Überfahrt aussichtsreicher erschien als das Leben, das er zurückließ.
Zehntausende gelangten nach Ceuta, eine spanische Stadt im Norden von Afrika. Dieser Ort ist kein offenes Tor in den Schengenraum. Viele der Ankommenden kehrten bereits nach kurzer Zeit zurück nach Marokko; andere starben beim Versuch, Ceuta zu erreichen.
In Ceuta wurde keine Erstürmung Europas sichtbar, sondern ein verzweifelter Aufbruch, der für viele nach wenigen Kilometern endete. Dennoch wurden die Bilder zur Geschichte von „Invasion“, „Ansturm“ und „Flut“: Aus Menschen ohne Perspektive wurden Angreifer.
Die verwendeten Begriffe beschreiben das Geschehen nicht nur. Sie legen bereits fest, wie darauf zu reagieren ist.
Eine Invasion kennt Angreifer und Verteidiger. Gegen einen Angriff muss man sich wehren. Eine Flut hat keine Biografie, keine Familie und keine Gründe. Man kann ihr nicht zuhören. Man kann nur versuchen, Dämme gegen sie zu errichten.
So verschwinden die einzelnen Menschen hinter der Masse. Ihre Körper sind auf allen Bildern zu sehen, doch ihre Lebensgeschichten kommen darin nicht vor. Niemand muss mehr fragen, welche Hoffnungslosigkeit einen Menschen dazu bringt, ins Meer zu springen, obwohl er weiß, dass er dabei ertrinken könnte.
Viele der in Ceuta Angekommenen berichten von Arbeitslosigkeit, niedrigen Löhnen und dem Gefühl, trotz Ausbildung keine Zukunft aufbauen zu können. Sie hoffen, für sich und ihre Familien ein anderes Leben zu schaffen. Das erklärt, weshalb sie bereit sind, dafür ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Ob marokkanische Behörden die Lage bewusst begünstigten, wird diskutiert; belastbar geklärt ist das bislang nicht. Doch selbst wenn Menschen politisch instrumentalisiert wurden, sagt das nichts gegen ihre Verzweiflung – es setzt sie voraus. Eine kapitalistische Weltordnung verspricht Aufstieg und Teilhabe, schließt aber immer mehr Menschen davon aus und lässt ihnen oft nur die Hoffnung, anderswo eine Zukunft zu finden.
In der öffentlichen Erzählung wird diese Verzweiflung jedoch gegen sie gewendet. Gerade die große Zahl der Menschen gilt als Beweis ihrer Bedrohlichkeit. Dass sich Zehntausende auf den Weg machen, wird nicht als Ausdruck eines gewaltigen Mangels an Hoffnung verstanden, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Angriffswillens.
Die Spiegelwelt
In dieser Erzählung verkehren sich Macht und Verletzlichkeit. Auf der einen Seite stehen Menschen, die häufig kaum mehr besitzen als die Kleidung, die sie tragen. Auf der anderen Seite stehen Staaten mit Armeen, Polizeikräften, Grenzzäunen, Überwachungstechnik, Rückführungsabkommen und milliardenschweren Grenzschutzsystemen.
Dennoch erscheint Europa in dieser Erzählung als wehrloses Opfer, während schwimmende, erschöpfte und verängstigte Menschen zu Aggressoren erklärt werden – eine völlig absurde Verdrehung der Realität.
Auch die Gewalt wechselt die Seite. Nicht die Toten im Meer, die lebensgefährlichen Grenzanlagen oder eine globale Ordnung, die Bewegungsfreiheit extrem ungleich verteilt, gelten als Gewalt. Gewalt scheint erst in dem Moment zu beginnen, in dem ein Mensch die Grenze überwindet.
Der Grenzübertritt wird zum Angriff. Die Bedingungen, die ihn so gefährlich machen, erscheinen dagegen als natürliche und neutrale Ordnung. Das sind sie jedoch nicht.
Das ist die Logik einer Spiegelwelt: Sie erfindet das Geschehen nicht vollständig. Sie dreht lediglich die Rollen um. Menschen, die verzweifelt nach einer Zukunft suchen, werden zur Gefahr. Diejenigen, die über nahezu alle politischen, militärischen und technischen Mittel verfügen, erzählen sich als Bedrohte.
Solche Schockmomente schaffen das Klima, in dem längst gewünschte Maßnahmen plötzlich alternativlos erscheinen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt kündigte mit ausdrücklichem Verweis auf Ceuta an, die deutschen Grenzkontrollen über September hinaus zu verlängern – obwohl die meisten Angekommenen bereits nach Marokko zurückgekehrt waren und Ceuta kein offener Weg auf das europäische Festland ist. Wachsamkeit ist deshalb auch gegenüber dem geboten, was im Schatten der Bilder nun politisch durchgesetzt werden soll.
Wenn Menschen zu Material werden
Die politische Debatte fragt deshalb kaum noch, weshalb so viele Menschen ihr Leben für eine derart geringe Aussicht riskieren. Sie fragt fast ausschließlich, wie sich verhindern lässt, dass sie es erneut versuchen.
Wie können Grenzen lückenloser überwacht werden? Wie lassen sich Menschen schneller erfassen, sortieren und zurückführen? Wie kann ihre Bewegung bereits auf dem afrikanischen Kontinent gestoppt werden?
Die Mittel werden immer ausgefeilter, brutaler und menschenfeindlicher. Die Frage nach ihrem Zweck tritt in den Hintergrund.
Darin zeigt sich, was Horkheimer als instrumentelle Vernunft beschrieben hat: Vernunft reduziert sich auf die Frage, welches Mittel einen vorgegebenen Zweck möglichst effizient erfüllt. Ob dieser Zweck selbst human, gerecht oder menschenrechtlich vertretbar ist, tritt in den Hintergrund. So entstehen Grenzregime, die sich allein an ihrer Funktionsfähigkeit messen lassen – selbst wenn diese darin besteht, Menschen auszusperren, zu entrechten oder lebensgefährlichen Situationen auszusetzen. Die Ordnung soll funktionieren; was sie mit den Menschen macht, wird zur Nebensache.
In dieser Logik erscheinen selbst die Toten kaum noch als Einwand gegen das System. Ihr Tod wird vielmehr als Argument für dessen weitere Verschärfung verwendet. Nicht die Grenze und ihre tödlichen Folgen stehen infrage. Die Schlussfolgerung lautet lediglich, sie sei noch nicht undurchlässig genug gewesen.
Der einzelne Mensch wird zu einer verwaltungstechnischen Größe: angekommen, registriert, untergebracht, abgelehnt, zurückgeführt.
Seine Verzweiflung ist politisch nur noch insofern von Bedeutung, als berechnet werden muss, wie viel Abschreckung notwendig ist, um sie zu überwinden.
Wessen Ausnahmezustand wird sichtbar?
Für Europa beginnt der Ausnahmezustand, sobald die Menschen an der Grenze auftauchen.
Dann ist plötzlich von Krise, Kontrollverlust und einer historischen Bedrohung die Rede. Regierungen beraten, Armeen werden mobilisiert und Medien berichten rund um die Uhr.
Für die Menschen selbst begann der Ausnahmezustand viel früher. Er begann in dem Gefühl, trotz Ausbildung keine Chance zu erhalten. In Arbeit, von der man nicht leben kann. In der Erkenntnis, dass andere Menschen Grenzen fast beiläufig überschreiten, während man selbst dafür sein Leben riskieren muss.
Dieser alltägliche Ausnahmezustand erzeugt keine Sondersendungen. Er führt zu keinen europäischen Krisengipfeln. Er wird für Europa erst sichtbar, wenn seine Folgen eine europäische Grenze erreichen.
Der zwölfjährige Junge am Strand von Ceuta erzählt davon. Er hatte keine Armee hinter sich, keinen politischen Plan und keine Strategie zur Eroberung Europas. Er hatte eine Hoffnung und offenbar die Überzeugung, dass selbst eine gefährliche und ungewisse Zukunft bessere Aussichten bieten könnte als das Leben, das er zurückließ.
Gerade darin liegt die Tragödie: Diese Hoffnung mag naiv gewesen sein. Vielleicht war sie durch Gerüchte und Falschinformationen genährt und von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Die Not, aus der sie entstand, war deshalb nicht weniger real.
Eine geschlossene Geschichte
Die Erzählung vom Angriff ist erfolgreich, weil sie einfach ist: Eine schwache Regierung öffnet die Grenzen, Fremde nutzen dies aus, Europa muss sich verteidigen.
Für die Verzweiflung der Menschen ist kein Platz. Die Geschichte steht fest, bevor die Fakten geprüft sind.
Sie kennt nur Täter oder Opfer, Angriff oder Verteidigung, offene Grenze oder Abschottung. Dass eine Stadt überfordert sein kann und Ankommende dennoch Menschlichkeit und ein faires Verfahren verdienen, passt nicht hinein.
Ceuta zeigt etwas anderes: wie viel Hoffnungslosigkeit Menschen für eine minimale Chance ihr Leben riskieren lässt – und wie bereitwillig wir sie in Feindseligkeit umdeuten.
Wir sollten uns deshalb auch die Frage was wir mit den Grenzen Europas schützen wollen. Wer Menschenrechte verspricht, muss auch in der Überforderung noch Menschen erkennen. Sonst bleibt vom Schutz des Menschen nur der Schutz vor Menschen übrig. (mig) Meinung
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