
Feldstudie
„Kann ich zu einem Probetraining kommen?“
Eine Feldstudie mit mehr als 8.900 Vereinen und sieben Sportarten zeigt: Anfragen mit ausländisch klingende Namen erhalten seltener positive Antworten. In welchen Sportarten und bei welchen Herkunftsgruppen sind die Unterschiede besonders groß? Und was kann man dagegen tun? Ein Gastbeitrag
Von Cornel Nesseler Donnerstag, 30.07.2026, 18:44 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.07.2026, 16:54 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Meine Forschungsgruppe1 hat genau diese Frage per E-Mail an mehr als 8.900 deutsche Sportvereine geschickt – in den Sportarten Fußball, Handball, Tennis, Tischtennis, Golf, Schießsport und Reiten. Zwei Dinge variierten wir dabei zufällig: ob in der Nachricht nach den Kosten einer Mitgliedschaft gefragt wurde – und welcher Name darunterstand. Mal klang er typisch deutsch, mal syrisch, türkisch oder ukrainisch. Dann haben wir abgewartet, wer antwortet.
In einem Sportverein Mitglied zu sein ist oft mehr als physisch aktiv zu sein. Es wird sich unterhalten, vielleicht wird man Teil eines neuen sozialen Netzwerks und lernt neue Menschen kennen. Sportvereine sind wichtige Pfeiler der Integration. Wir wollten feststellen wie sich die Situation in den verschiedenen Sportarten unterscheidet.
Bevor ich die Zahlen nenne: Raten Sie. In welcher dieser Sportarten bleibt ein ausländisch klingender Name Ihrer Meinung nach am ehesten unbeantwortet? Wenn ich bei Vorträgen nach Einschätzungen frage, höre ich viele Vermutungen. Oft mit interessanten Erklärungen. Aber, die meisten – selbst Experten – liegen falsch. Deshalb lohnt es sich, bei den Ergebnissen kurz innezuhalten und selbst zu überlegen.
„Wer mit einem deutsch klingenden Namen schrieb, bekam eine positivere Antwort.“
Wer mit einem deutsch klingenden Namen schrieb, bekam eine positivere Antwort. Am größten war der Abstand bei syrisch und türkisch klingenden Namen; ein ukrainisch klingender Name schnitt spürbar besser ab. Nach Sportarten aufgeschlüsselt war der Nachteil deutlich beim Tischtennis, Reiten, Schützenvereinen und Tennis – und gering oder gar nicht vorhanden beim Handball, Golf und Fußball. Und ein Detail war besonders interessant: Ob in der Mail offen nach den Kosten gefragt wurde, spielte kaum eine Rolle. Die Hürde war also nicht das Geld. Es war der Name.
Das Muster entzieht sich einfachen Erklärungen. Golf, das viele für die exklusivste dieser Sportarten halten dürften, gehörte zu den offeneren; Tischtennis, das niemand elitär nennen würde, zu den verschlossensten. Was auch dahintersteckt – die Resultate lassen sich nicht durch die Unterschiede zwischen feinen oder volksnahen Vereinen erklären. Zudem, ist es so, dass wir zwar keine Diskriminierung im Fußball finden, aber vorherige Studien schon. Und das sollte uns vorsichtiger machen mit der Annahme, wir wüssten schon, wo sich Diskriminierung versteckt und was ihr Ursprung ist.
„Diskriminierung von Menschen mit ausländisch klingenden Namen ist real und weit verbreitet – quer durch Deutschlands beliebteste Sportarten.“
Ganz klar zeigen die Zahlen aber eines: Diskriminierung von Menschen mit ausländisch klingenden Namen ist real und weit verbreitet – quer durch Deutschlands beliebteste Sportarten. Das sollte alle beunruhigen, die finden, dass die Chance eines Menschen, in einer Mannschaft mitzuspielen, nicht vom Nachnamen abhängen darf.
Die naheliegende Reaktion ist, etwas dagegen zu tun. Das haben wir in den letzten Jahren bereits versucht. Gemeinsam mit dem Norwegischen Fußballverband haben wir eine kostengünstige Informationskampagne getestet, die Diskriminierung verringern sollte. Unsere Auswertung hat aber leider gezeigt, dass sie den Abstand zwischen ausländisch und deutsch klingenden Namen nur vergrößerte. In der Schweiz gewannen wir bekannte Fußballprofis dafür, den Vereinen ein ermutigendes Video zu schicken. Auch das brachte nichts. Zwei gut gemeinte Maßnahmen, zwei Fehlschläge – einer davon sogar schädlich.
„Eine Maßnahme gegen Diskriminierung kann sich richtig anfühlen, richtig aussehen und die Lage trotzdem verschlechtern.“
Die Lehre ist nicht, dass wir aufgeben sollten, sondern dass gute Absichten nicht ausreichend sind. Eine Maßnahme gegen Diskriminierung kann sich richtig anfühlen, richtig aussehen und die Lage trotzdem verschlechtern. Wenn wir solche Programme nie überprüfen, können wir nicht wissen, ob wir helfen oder klammheimlich Schaden anrichten.
Viele Verbände und Vereine haben längst Programme gegen Diskriminierung aufgelegt, und unsere Ergebnisse zeigen, wie dringend sie gebraucht werden. Aber „gebraucht“ heißt nicht „wirksam“. Verbände, Vereine, Trainerinnen und Trainer sowie die Forschung sollten es sich zur Gewohnheit machen, das eigene Tun zu messen – und ein Antidiskriminierungsprogramm so ernst zu überprüfen wie eine neue Trainingsmethode. Wissenschaftliche Sorgfalt ist dabei selten teuer. Viele Forscher sind gerne bereit zu helfen, um Effektivität zu testen. Meist braucht es nur die Bereitschaft, herauszufinden, dass man sich geirrt hat.
Das ist keine abstrakte Frage. Sport ist einer der verlässlichsten Wege, Freundschaften zu schließen, gesund zu bleiben und irgendwo dazuzugehören. Wenn ein Verein eine E-Mail wegen des Namens darunter unbeantwortet lässt, ist das nicht nur einer einzelnen Person gegenüber ungerecht – es schließt leise eine Tür vor einem Teil der Gesellschaft. Wir können diese Tür offen halten. Aber nur, wenn wir ehrlich genug sind, zu überprüfen, ob das, was wir tun, tatsächlich wirkt. (mig)
Quellen
Cornel Nesseler, Carlos Gomez-Gonzalez, Petr Parshakov, Thadeu Gasparetto & Helmut Dietl (2026): „Knocking on sports clubs’ doors: A field experiment on ethnic discrimination in Germany.“ PNAS Nexus. https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgag216
Gomez-Gonzalez, C., Nesseler, C., & Dietl, H. M. (2021). Mapping discrimination in Europe through a field experiment in amateur sport. Humanities and Social Sciences Communications, 8(1), 95. https://doi.org/10.1057/s41599-021-00773-2
Robert Dur, Carlos Gomez-Gonzalez & Cornel Nesseler (2023): „How to reduce discrimination? Evidence from a field experiment in amateur soccer.“ Journal of Ethnic and Migration Studies, 49(1), 175–191. https://doi.org/10.1080/1369183X.2022.2071688
- Forschungsgruppe, bestehend aus einer Zusammenarbeit der Universität Zürich (Helmut Dietl), Universitität Lausanne (Carlos Gomez-Gonzalez), HSE Perm (Petr Parshakov) und der West Virginia Universität (Thadeu Gasparetto).
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