Tobias Gehring, Soziolog, Flucht, Flüchtlinge, Afrika, Migazin
Tobias Gehring © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Rollenbilder

Die bipolare Störung des Fluchtdiskurses

Im deutschen Fluchtdiskurs steht Deutschland oft als Retter da: mal rettet es Geflüchtete, mal sich selbst vor ihnen. Diese Rollenverteilung stabilisiert Bilder, die Menschen auf Not oder Gefahr reduzieren. Geht das auch anders?

Von Donnerstag, 18.06.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 18.06.2026, 9:48 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

„Kinder leiden in Notunterkünften für Flüchtlinge: ‚Das ist nicht das Leben!‘“, „Warum viele Flüchtlinge jetzt Hilfe brauchen“, „Messermorde und Gewaltexzesse: Die blutige Bilanz krimineller Flüchtlinge aus Eritrea“, „Flüchtlinge kosteten den Bund 25 Milliarden Euro“: Es sind Schlagzeilen wie diese – allesamt Originalzitate deutscher Online-Medien der letzten Jahre – die seit Langem Diskurse über Geflüchtete in Deutschland prägen.

Opfer, Bedrohung, Retter

Da ist, auf der einen Seite, die Figur des Geflüchteten als Opfer: notleidend, unschuldig, hilfs- und schutzbedürftig, meist als Frau und/oder Kind imaginiert. Und, auf der anderen Seite, die oft männlich verkörperte Figur des Geflüchteten als Bedrohung: aggressiv, gefährlich, ein Risiko wahlweise für innere Sicherheit, Wirtschaft und Sozialstaat oder ethnokulturelle Homogenität. Schon 2015 bildeten diese Figuren die Pole, zwischen denen sich politische, gesellschaftliche und mediale Debatten über Fluchtmigration bewegten: hier das ikonische Bild des an den Strand von Bodrum angespülten Alan Kurdi, dort die sexualisierte Gewalt der Kölner Silvesternacht. Geändert hat sich daran bis heute – siehe die eingangs zitierten Schlagzeilen – wenig.

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„Stets gibt es das arme, unschuldige Opfer, den bösen, bedrohlichen Täter und, als Dritten im Bunde, den heldenhaften Retter.“

Dass dem so ist, mag daran liegen, dass sich hier im deutschen Fluchtdiskurs ein Muster widerspiegelt, das auch international bereits seit vielen Jahren Darstellungen von Fluchtmigration prägt und länderübergreifend in zahlreichen Studien identifiziert wurde. Und es mag damit zusammenhängen, dass wir mittels dieser Figuren Geflüchtete in ein kulturell etabliertes Deutungsschema einordnen, das komplexe Geschehnisse für uns sinnhaft erscheinen lässt und aus anderen Zusammenhängen wohl vertraut ist – von Dornröschen über Star Wars bis zum Krimi. Stets gibt es das arme, unschuldige Opfer, den bösen, bedrohlichen Täter und, als Dritten im Bunde, den heldenhaften Retter.

Was in den genannten Beispielen der Märchenprinz, Luke Skywalker und die Seinen oder Lena Odenthal, Gereon Rath und Co. sind, ist im deutschen Fluchtdiskurs derweil der deutsche Staat, die deutsche Gesellschaft – ganz gleich, ob Geflüchtete nun als Opfer oder als Bedrohung konstruiert werden. Mal retten wir in Gestalt von Seenotretter:innen, Angela Merkel oder ehrenamtlichen Geflüchtetenhelfer:innen die Geflüchtete, mal retten wir uns und unser Land vor ihnen, als Polizist:innen oder Politiker:innen, die die Grenzen dichtmachen und Abschiebungen forcieren.

Böse oder handlungsunfähig

Während wir also so oder so in der Retterrolle recht gut dastehen, kommt den Geflüchteten – wiederum in beiden Fällen – eine weniger vorteilhafte Position zu. Offenkundig ist dies in ihrer Darstellung als Bedrohung. Diskursiv sind sie so die Bösen der Geschichte, das erzählerische Pendant zu Lord Voldemort und Sauron. Und politisch werden damit Maßnahmen legitimiert, die ihren Rechten und Interessen zuwiderlaufen. Als aktuellstes Glied einer inzwischen langen Kette sind hier Abschiebezentren in Drittstaaten außerhalb der EU zu nennen.

„Geflüchtete bleiben reduziert auf Not, Leid und basale Grundbedürfnisse nach Nahrung, Obdach oder Kleidung, zu deren Erfüllung sie die Hilfe anderer benötigen.“

Aber auch die Opferfigur ist durchaus ambivalent. Zwar positioniert sie Geflüchtete moralisch auf der Seite des Guten und begründet politische und humanitäre Maßnahmen zu ihrer Unterstützung, wie ihre Aufnahme und rechtliche Anerkennung oder die Arbeit von Hilfsorganisationen. Der Preis dafür aber ist, dass als Opfern konstruierten Geflüchteten regelmäßig Handlungsfähigkeit, Individualität oder politische Mitbestimmungsrechte abgesprochen werden. Geflüchtete bleiben so reduziert auf Not, Leid und basale Grundbedürfnisse nach Nahrung, Obdach oder Kleidung, zu deren Erfüllung sie die Hilfe anderer benötigen.

Kritische Forscher:innen wie Ariadni Polychroniou oder Lilie Chouliaraki und Rafal Zaborowski sprechen darum von einer „bipolaren Konstruktion des modernen Geflüchtetensubjekts als entmenschlichte Bedrohung oder entpolitisiertes Opfer“. Und sie arbeiten, jenseits aller Gegensätzlichkeiten der beiden Figuren, grundlegende Gemeinsamkeiten heraus: Beide Figuren „verkennen Flüchtlinge als politische, soziale und geschichtliche Akteure und grenzen sie entschieden aus ‚unserer‘ Gemeinschaft aus“.

Kann man anders denken?

Diese kritischen Anmerkungen sollen nicht dazu dienen, die etablierten Figuren der diskursiven Darstellung von Geflüchteten rundweg zu verdammen – auf positive Aspekte speziell der Opferfigur wurde ja ausdrücklich hingewiesen. Wohl aber sollen sie für problematische Facetten dominanter Darstellungsformen im Flüchtlingsdiskurs sensibilisieren. Und uns, die wir so oft in Begriffen von Opfer und Bedrohung über Geflüchtete denken und sie durch diese Brille sehen, sollen sie dazu animieren, uns eine essenzielle Frage zu stellen, die uns einst Michel Foucault ins Stammbuch schrieb: „Die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und auch anders wahrnehmen kann, als man sieht.“ (mig) Meinung

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