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Tobias Gehring, Soziolog, Flucht, Flüchtlinge, Afrika, Migazin
Tobias Gehring © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Faire Debatte

Warum wir aufhören sollten, über die Flüchtlinge zu reden

Zumindest vor Corona wurde in Deutschland über kaum ein Thema so viel gesprochen wie über die Flüchtlinge. Das verweist auf gleich drei Probleme, die es zu lösen gilt.

Von Freitag, 18.02.2022, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 17.02.2022, 9:58 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Bilder von Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer, die zahlreiche Menschen nach Europa transportieren, sind zu einem Symbol der „europäischen Flüchtlingskrise“ geworden. Sie finden sich in einer Vielzahl von Zeitungsartikeln, Fernsehsendungen usw., in denen Akteure wie Journalist:innen und Politiker:innen über die nach Europa flüchtenden Menschen sprechen.

Nicht „die Flüchtlinge“ kommen, sondern nur ein kleiner Teil von ihnen

Immer wieder stößt man dabei auf die Aussage, dass Fluchtbewegungen in erster Linie aus Afrika und Asien nach Europa verlaufen. So versprach bereits 2005 das Buch „Die Flüchtlinge kommen“ im Klappentext eine Diskussion der Frage, ob „jeder Flüchtling nach Europa kommen“ dürfe – als sei dies ein realistisches, tatsächlich zur Debatte stehendes Szenario. Im Zuge der „Flüchtlingskrise“ ab 2015 erschienen sodann mehrere Publikationen, die von einem „Exodus“ aus Afrika oder einer „neuen Völkerwanderung nach Europa“ sprachen. Solche Anspielungen auf biblische oder historische Wanderungen ganzer Volksgruppen suggerieren, dass Derartiges heute geschehe, wenn Menschen aus anderen Kontinenten nach Europa flüchten.

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„Afrika ist also keinesfalls nur ein Kontinent, aus dem Menschen nach Europa fliehen, sondern auch und vielmehr ein Kontinent, wo Menschen Schutz und Zuflucht finden.“

Tatsächlich finden Fluchtbewegungen jedoch vor allem innerhalb Asiens und Afrikas statt. So leben laut aktuellen Daten des UN-Flüchtlingshilfswerks 86 Prozent aller Flüchtlinge in sogenannten Entwicklungsländern, etwa in Pakistan, Bangladesch, dem Sudan oder Uganda. Und allein der südlich der Sahara gelegene Teil Afrikas beherbergt mehr als doppelt so viele Flüchtlinge wie Europa (ohne die Türkei). Afrika ist also keinesfalls nur ein Kontinent, aus dem Menschen nach Europa fliehen, sondern auch und vielmehr ein Kontinent, wo Menschen Schutz und Zuflucht finden. Angesichts all dessen muss die Vorstellung, dass „die Flüchtlinge“ nach Europa kommen, ins Reich der Fabel verwiesen werden. Die Menschen in den Booten auf dem Mittelmeer stellen nicht mehr als einen Bruchteil der Flüchtlinge dar.

Sie sind alle Individuen, und sie sind alle völlig verschieden

Aussagen wie jene, dass „die Flüchtlinge“ nach Europa kommen, und Bilder von dichtgedrängten Menschenmassen auf Flüchtlingsbooten sind zudem aus einem zweiten Grund problematisch: Sie ignorieren die Individualität jedes einzelnen Flüchtlings ebenso wie Unterschiede zwischen Flüchtlingen verschiedenen Alters, verschiedenen Geschlechts, verschiedener Religionszugehörigkeit, verschiedener sexueller Orientierung etc. Fluchtforscher:innen wie Nando Sigona oder Liisa Malkki sprechen darum von einer eindimensionalen Perspektive auf Flüchtlinge, die den Eindruck einer völligen menschlichen Gleichförmigkeit vermittelt.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Unterschiede und Ungleichheiten zwischen verschiedenen Flüchtlingen in vielerlei Hinsicht relevant sind. Dies gilt etwa für das Alter. Während sich für Kinder und Jugendliche die Frage der Schulbildung stellt, stehen ältere Flüchtlinge vor anderen, wiederum spezifischen Problemen. Diese sind verbunden mit dem sich altersbedingt verschlechternden Gesundheitszustand oder auch mit dem Wissen, wahrscheinlich den Rest des Lebens als Flüchtling zu verbringen. Zugleich bringen ältere Flüchtlinge aber auch ein besonderes Maß an Lebenserfahrung und daraus resultierende Kompetenzen mit.

„Die eindimensionale Perspektive ist ein Nährboden für pauschalisierende Stereotype und Feindbilder von ‚den Flüchtlingen‘.“

All dies und noch viel mehr fällt in der eindimensionalen Perspektive auf „die Flüchtlinge“ unter den Tisch. Problematisch ist das vor allem aus zwei Gründen. Zum einen führt es dazu, dass die flüchtlingspolitische und humanitäre Praxis oft nicht hinreichend auf Unterschiede und Ungleichheiten zwischen Flüchtlingen eingeht. So werden Flüchtlinge mit Behinderungen oft nicht angemessen berücksichtigt. Und der Blick auf psychische Gesundheit unter Flüchtlingen ist häufig auf die Folgen traumatisierender Erfahrungen verengt. Zum anderen ist die eindimensionale Perspektive ein Nährboden für pauschalisierende Stereotype und Feindbilder von „den Flüchtlingen“. Wie die Autorin Chimamanda Adichie argumentiert, gedeihen diese stets dort, wo über Menschen nur eine einzige Geschichte erzählt wird. Berücksichtigt man hingegen Unterschiede und Ungleichheiten, wird offensichtlich, dass es eine Vielzahl an Geschichten über Flüchtlinge zu erzählen gibt.

Wir reden über sie, aber nicht mit ihnen

„Es braucht aber nicht nur vielfältige Geschichten über, sondern auch Geschichten von Flüchtlingen. Auch daran mangelt es bislang.“

Es braucht aber nicht nur vielfältige Geschichten über, sondern auch Geschichten von Flüchtlingen. Auch daran mangelt es bislang. In diesem Sinne ist es nicht nur aus den genannten Gründen problematisch, dass wir über „die Flüchtlinge“ sprechen. Sondern problematisch ist ebenso, dass wir zumeist über die Flüchtlinge sprechen. Zahlreiche Studien zeigen: In der öffentlichen und medialen Debatte über Flucht und Flüchtlinge kommen in erster Linie Journalist:innen, Politiker:innen oder Vertreter:innen von Nichtregierungsorganisationen zu Wort. Flüchtlinge selbst haben hingegen nur selten die Gelegenheit, ihr eigenes Wissen, ihre eigenen Ansichten, Perspektiven und Wünsche in den Prozess öffentlicher Meinungs- und Wissensbildung einzubringen.

Hieran wird ersichtlich: Die öffentliche und mediale Diskussion über Flucht und Flüchtlinge ist weit entfernt von dem vom Philosophen Jürgen Habermas formulierten Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses, in dem sich jeder äußern kann und in dem nur das bessere Argument zählt. Sie ist vielmehr durchzogen von Machtverhältnissen, die systematisch dafür sorgen, dass manche Menschen mehr sagen dürfen und mehr Gehör finden als andere. Benachteiligt und tendenziell ausgeschlossen werden dadurch ausgerechnet die Menschen, um die es in der Debatte über Flucht und Flüchtlinge in erster Linie geht.

Denkanstöße für eine faire Flüchtlingsdebatte

Ausgehend von der bis hierhin formulierten Problemdiagnose können abschließend drei Denkanstöße formuliert werden, wie die Debatte um Flucht und Flüchtlinge fairer gestaltet werden kann.

„Fluchtmigration nach Deutschland und Europa sollte verstärkt in einen globalen Kontext eingeordnet und Flüchtlingen in Ländern des globalen Südens mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.“

Erstens sollte Fluchtmigration nach Deutschland und Europa verstärkt in einen globalen Kontext eingeordnet und Flüchtlingen in Ländern des globalen Südens mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Thesen von einem Exodus aus Afrika oder einer neuen Völkerwanderung nach Europa können in die Mottenkiste für widerlegte Irrtümer verschwinden. Zweitens sollten öfter als bislang Unterschiede und Ungleichheiten zwischen verschiedenen Flüchtlingen thematisiert werden. An die Stelle einer pauschalisierenden, eindimensionalen Perspektive sollte ein differenzierter, mehrdimensionaler Blick treten. Und drittens sollten die Stimmen von Flüchtlingen eine wichtigere Rolle in der öffentlichen und medialen Diskussion spielen. Es gilt, öfter als bislang nicht nur über die Flüchtlinge zu reden (wie es, dies bleibt selbstkritisch anzumerken, auch dieser Artikel tut). Sondern es sind Möglichkeiten zu suchen und zu schaffen, damit Flüchtlinge selbst öfter zu Wort kommen und mehr Gehör finden.

In erster Linie richten sich diese Denkanstöße an Journalist:innen oder Politiker:innen, die in öffentlichen Diskussionen zentrale Positionen einnehmen. Doch in Zeiten des Internets und der sozialen Medien zeichnen wir alle am gesellschaftlichen Bild von Flüchtlingen mit. Darum sollten auch wir alle reflektieren, wie wir das tun, was wir sagen und wem wir zuhören.

Meinung
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