
Rüdiger Lohlker im Gespräch
„Islamismus“ ist Plastikwort gegen Muslime
Der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker hält „Islamismus“ und „politischen Islam“ für unpräzise Schlagwörter. Sie dienten oft dazu, Muslime pauschal zu verdächtigen, statt konkrete Strömungen und Gefahren sauber zu unterscheiden.
Von Claudia Mende Mittwoch, 20.05.2026, 10:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.05.2026, 12:27 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Claudia Mende: „Islamismus“ und „politischer Islam“ sind zentrale Begriffe in den Debatten, häufig mit dem Tenor, man habe beides viel zu lange verharmlost. Was denken Sie, wenn Sie so etwas hören?
Rüdiger Lohlker: Für mich als Wissenschaftler sind beides keine Begriffe. Hier wird eine mediale Sau ohne sonderlichen Gehalt durchs Dorf gejagt. Also, ich habe bis jetzt niemanden gefunden, der mir sagen konnte, wann der Islam politisch wird. Dasselbe gilt für alle Religionen. Wann wird Religion politisch?
Sie verwenden beide Begriffe gar nicht mehr. Warum nicht?
„Politischer Islam“ und „Islamismus“ sind letztendlich Plastikwörter, die vor allem dazu dienen, Muslime als böse zu kennzeichnen. Schlicht und ergreifend darauf würde ich es reduzieren. Es ist gar nicht angestrebt, irgendetwas richtig Konkretes, inhaltlich Präzises zu sagen.
Rüdiger Lohlker ist Arabist und Islamwissenschaftler und war bis 2024 Professor am Institut für Orientalistik der Universität Wien. Er ist Autor des Buches „Geschichte des islamischen Denkens über Herrschaft“ (Utb 2025) und Vize-Präsident der Hammer-Purgstall-Gesellschaft in Österreich.
Ich verwende lieber den Begriff Fundamentalismus. Das ist aber deswegen nicht sehr beliebt, weil Fundamentalismus eine Kategorie ist, mit der man Vergleiche zwischen verschiedenen religiösen Traditionen ziehen kann.
Also halten Sie „politischer Islam“ für einen Begriff mit denunziatorischem Inhalt?
Meistens, ja. Auch außerhalb Europas wird der Begriff so verwendet. In der arabischen Welt kennzeichnen die Regime Organisationen als „islamistisch“, die sie als zu kritisch ihrer Politik gegenüber ansehen. Ich würde vom „politischen Islam“ nur dann sprechen, wenn es um islamische Organisationen in Nationalstaaten geht, die in einem bestimmten politischen Rahmen agieren.
Sie meinen zum Beispiel politische Parteien, die aus einem islamischen Verständnis heraus Politik machen wie etwa die PJD in Marokko oder die Ennahda-Partei in Tunesien. Würden Sie diese dann als Parteien des „politischen Islam“ bezeichnen?
„‚Politischer Islam‘ und ‚Islamismus‘ sind letztendlich Plastikwörter, die vor allem dazu dienen, Muslime als böse zu kennzeichnen.“
Ich würde sie jeweils präzise innerhalb ihrer nationalen Traditionen beschreiben. Die Ennahda würde ich immer noch als fundamentalistisch einordnen, die PJD in Marokko schwankt für mich ein bisschen. Das Spektrum, das die PJD vertritt, liegt zwischen fundamentalistisch-kritisch gegenüber dem staatlichen Regime und der Aufnahme von sozialem Protest, auch wenn die neue Führung der PJD nicht mehr so viel damit am Hut hat, weil sie inzwischen sehr gut vom marokkanischen Königshaus assimiliert worden ist. Also man muss jeweils sehr genau hinsehen. Allgemeinbegriffe wie „politischer Islam“ helfen da nicht weiter.
Und was ist mit den Muslimbrüdern?
Auch diese haben jeweils eine spezifische lokale Prägung. Es gibt bei den Muslimbrüdern zwar auch die Idee einer transnationalen Bewegung, doch wirklich geklappt hat es damit nie, weil die inneren Spaltungen zu stark sind. Wir konstruieren hier ein Riesenfeindbild, mit Verlaub gesagt, aber so gut sind die Muslimbrüder nicht. Allein bei den ägyptischen Ichwan würde ich vier Strömungen unterscheiden. Sie sind sehr stark zersplittert. Nach meiner Kenntnis der beteiligten Personen haben wir in es Europa bei den Muslimbrüdern häufig mit mittelalten oder älteren Herren zu tun, die zum Terrorismus nicht sonderlich taugen. Die schaffen es nicht mal die Treppe hoch.
Aber es gibt ja schon Gruppierungen, deren erklärtes Ziel es ist, den Rechtsstaat abzuschaffen, wie etwa die im Juni 2025 aufgelöste Hizb ut-Tahrir. Sie wollten in Deutschland ein Kalifat einrichten. Wie würden Sie solche Gruppierungen einordnen?
Bei Hizb ut-Tahrir sind wir mittendrin in einer ganz spezifischen Strömung, die definitiv fundamentalistisch ist in ihrer Idee der Durchsetzung eines religiös geprägten Regimes. In Deutschland ist Hizb ut-Tahrir verboten, genauso wie die beiden ihr nahestehenden Plattformen „Muslim Interaktiv“ und „Generation Islam“.
Wir müssen unterscheiden. Rede ich von der Hizb ut-Tahrir als transnationaler Bewegung? Oder von einzelnen nationalen Bewegungen? Dann wird es konkret. Wenn ich alle Phänomene mit dem Etikett „politischer Islam“ versehe, dann kann auch eine Behörde nicht die Gefährdungsprofile unterscheiden. Mit wem haben wir es zu tun? Mit den Muslimbrüdern? Mit dschihadistischen Gruppen? Oder eben mit Hizb ut-Tahrir?
Es besteht Konsens in der Gesellschaft, dass Gruppierungen, die zur Gewalt aufrufen oder den Rechtsstaat abschaffen wollen, nicht akzeptabel sind. Aber manche sagen, es sei schon „politischer Islam“, wenn muslimische Eltern kein Schweinefleisch in der Kita haben wollen oder Frauen selbstbestimmt das Kopftuch tragen. Wo ziehen Sie da die Grenze?
„Viele religiöse Strömungen sind auch politisch, aber das ist ja völlig legitim.“
Es gibt sozialkonservative Strömungen im Islam. Aber sich mit denen auseinanderzusetzen, ist sehr viel lohnenswerter, als mit dem Begriff „Islamismus“ oder „politischer Islam“ einen großen Hammer herauszuholen. Es ist schwierig, genau zu definieren, wann es politisch wird. Die Caritas zum Beispiel ist definitiv politisch, indem sie sich für Benachteiligte einsetzt. Viele religiöse Strömungen sind auch politisch, aber das ist ja völlig legitim.
Wo sehen Sie historisch die Wurzeln des „Islamismus“?
Ich würde die Ursprünge mit dem Kampf um nationale Unabhängigkeit in islamischen Ländern ansetzen, also in den 1920er und 1930er Jahren. Da haben wir tatsächlich ein Aufblühen islamisch legitimierter politischer Strömungen, in Südasien, in der arabischen Welt, auch im Iran. Die einzige wissenschaftlich tragfähige Verwendung des Begriffes „politischer Islam“ ist gegeben, wenn wir über islamisch legitimierte politische Organisationen in Nationalstaaten sprechen, wie sie in zum Beispiel in den Ländern des Nahen Ostens im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen entstanden sind.
Es ist aber häufig davon die Rede, der „politische Islam“ wolle der deutschen Gesellschaft „seine mittelalterlichen Vorstellungen“ aufzwingen.
„Islam ist per definitionem für manche Menschen mittelalterlich, weil sie nichts davon verstehen.“
Solche Einschätzungen sind ja signifikant. Islam ist per definitionem für manche Menschen mittelalterlich, weil sie nichts davon verstehen. Dabei sind zum Beispiel die Muslimbrüder eine höchst moderne Bewegung mit sehr viel technisch beschlagenen Mitgliedern. Es sind überall sehr häufig junge, gut ausgebildete Leute, auch in Europa, dabei. Auch bei der türkischen Regierungspartei AKP haben wir es mit einer autoritären, aber in keiner Weise mit einer mittelalterlichen Politik zu tun.
Sei einigen Jahren ist noch der Begriff „legalistischer Islamismus“ dazugekommen. Er soll Tendenzen beschreiben, auf nicht-gewalttätige, aber eben doch gefährlich Weise die Institutionen zu unterwandern.
Wie gehe ich mit Menschen um, die sich dummerweise an Gesetze halten? Also kann ich als staatliche Behörde dann strafrechtlich nicht eingreifen und muss irgendeinen Weg finden, sie zu denunzieren. „Legalistischer Islamismus“ heißt ja, die halten sich an die Gesetze, aber das ist verdächtig. Als Staatsbürger fühle ich mich mit solchen Bestrebungen sehr unwohl. Das ist eine Art Präpotenz der Behörden, die versuchen, ihre Einstufungen zu rechtfertigen.
Es ist notwendig, Menschen wegen dschihadistischer Ideen oder Taten strafrechtlich zu verfolgen. Aber wieso muss ich einen Popanz aufblasen, um meine Rolle als Behörde zu rechtfertigen?
Österreich hat ja einen Straftatbestand „politischer Islam“ eingeführt. Was ist denn daraus überhaupt geworden?
Das hat nicht funktioniert. Es war von Anfang an klar, dass solch ein Begriff, solch ein Straftatbestand, wie man so sagt, totes Recht ist.
Das heißt, die Gerichte können damit nicht arbeiten?
„Dann kann ich über fundamentalistische Traditionen im Christentum, im Islam, im Buddhismus, im Judentum und so weiter sprechen. Nur mag das niemand.“
Viele Anwälte sagen mir, dass die Gerichte hier nicht zu der notwendigen Klarheit kommen können, um ein Urteil zu sprechen, das Bestand hat. Ich kann natürlich Urteile fällen und spätestens am Europäischen Gerichtshof werden sie kassiert. Aber die Behörden sind ja nicht so gut besetzt, dass sie sich selbst beschäftigen müssten.
Welche Sprachregelung sollten wir denn verwenden?
Ich ziehe einen Begriff vor, der es erlaubt, komparativ zu denken, nämlich Fundamentalismus. Dann kann ich über fundamentalistische Traditionen im Christentum, im Islam, im Buddhismus, im Judentum und so weiter sprechen. Nur mag das niemand, denn da könnte ich ja selber ins Blickfeld geraten. Wissenschaftlich halte ich das für die einzig akzeptable Vorgehensweise. Wir leben in einer globalisierten Moderne, in der sehr ähnliche Phänomene in unterschiedlichen Religionen der Welt mit jeweils spezifischen Ausprägungen entstanden sind und weiterhin entstehen. Wenn ich dann separate Begriffe für jede Religion haben will, dann gebe ich mich als Wissenschaftler auf. (mig) Aktuell Interview
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