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Tod im Krankenhaus (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Studie

Deutschland profitiert von gesunden Einwanderern – und macht sie krank

Zugewanderte starten in Deutschland oft mit besserer Gesundheit als die übrige Bevölkerung. Doch dieser Vorteil geht mit den Jahren verloren. Eine SVR-Auswertung zeigt: soziale Ungleichheit, Barrieren im Gesundheitssystem und Diskriminierung spielen eine zentrale Rolle.

Dienstag, 28.04.2026, 10:17 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.04.2026, 10:24 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Wer neu in Deutschland ankommt, bringt oft mehr mit als einen Koffer, Papiere und Hoffnungen. Viele bringen auch etwas mit, das in der politischen Debatte über Migration selten vorkommt: Gesundheit. Gerade in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft schätzen Zugewanderte ihren Gesundheitszustand auffallend häufig als gut oder sehr gut ein. Doch dieser Vorsprung hält nicht. Je länger Menschen in Deutschland leben, desto mehr schwindet er. Im Alter verkehrt er sich sogar ins Gegenteil.

Das zeigt eine neue Auswertung des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR). Der wissenschaftliche Stab hat dafür Daten aus dem SVR-Integrationsbarometer 2024 ausgewertet. Das Ergebnis ist brisant: Menschen mit Migrationsgeschichte schätzen sich im Schnitt zunächst gesünder ein – und später oft kränker.

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Nach den Daten bezeichnen 38 Prozent der Befragten mit Migrationsgeschichte ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“. Bei Menschen ohne Migrationsgeschichte sind es 29 Prozent. Besonders deutlich ist der Unterschied bei jenen, die erst seit höchstens fünf Jahren in Deutschland leben: Rund 79 Prozent berichten von einer sehr guten oder guten Gesundheit. Bei Personen, die länger als zehn Jahre in Deutschland leben, sind es noch 67 Prozent. In der Bevölkerung ohne Migrationsgeschichte liegt der Wert bei 66 Prozent.

Auswanderer vergleichsweise gesünder

Der Befund passt zu einem bekannten Muster der Forschung: Wer auswandert, ist häufig zunächst vergleichsweise gesund. Migration verlangt Kraft, Planung, Belastbarkeit und oft auch Unterstützung aus dem Umfeld. Wer schwer krank ist, macht sich seltener auf den Weg. Forschende sprechen deshalb vom „Healthy Migrant Effect“, also vom Gesundheitsvorteil Zugewanderter.

Doch dieser Vorteil ist kein Schutzschild. Er nutzt sich ab. Besonders deutlich wird das im höheren Alter. Während Menschen mit Migrationsgeschichte in jüngeren Altersgruppen häufiger von sehr guter Gesundheit berichten als Menschen ohne Migrationsgeschichte, kippt das Bild bei den über 65-Jährigen. In dieser Altersgruppe geben nur noch 12 Prozent der Befragten mit Migrationsgeschichte an, sehr gesund zu sein. Bei Menschen ohne Migrationsgeschichte sind es 18 Prozent.

Soziale Ungleichheit und Hürden im Gesundheitswesen

Dieser Befund führt zur nächsten Frage: Was passiert in Deutschland, dass dieser Vorteil verloren geht? Die Antwort der SVR-Auswertung ist eindeutig: Es geht vor allem um soziale Ungleichheit. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten überdurchschnittlich häufig in körperlich belastenden Berufen, leben häufiger mit geringeren Einkommen, sind stärker von Armut betroffen und haben schlechtere Bildungs- und Aufstiegschancen.

Hinzu kommen Hürden im Gesundheitswesen. Wer Ärzte nicht gut versteht, wer Formulare nicht einordnen oder ausfüllen kann, wer nicht weiß, welche Vorsorgeangebote es gibt oder welche Rechte Patienten haben, kommt später oder seltener im System an. Der SVR verweist auch darauf, dass Menschen mit Migrationsgeschichte bestimmte Gesundheitsleistungen tendenziell seltener nutzen – etwa Gesundheitschecks, Impfungen oder Früherkennungsuntersuchungen.

Diskriminierung im Gesundheitswesen

Besonders schwer wiegt ein weiterer Befund: Diskriminierung im Gesundheitswesen. Insgesamt berichten etwa acht Prozent der Befragten mit Migrationsgeschichte von Diskriminierung im Gesundheitsbereich. Betrachtet man nur jene, die in den vergangenen fünf Jahren nach eigener Aussage wegen ihrer Herkunft benachteiligt wurden, nennt mehr als jede fünfte Person auch das Gesundheitswesen als Ort solcher Erfahrungen.

Besonders betroffen sind Menschen, die wegen ihres Aussehens, ihres Akzents oder ihres Namens als „ausländisch“ wahrgenommen werden.

Diskriminierung führt zu Meidung des Gesundheitssystems

Maximilian Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der SVR-Geschäftsstelle und Autor der Kurzinformation fast die Folgen zusammen: „Wer beispielsweise in der ärztlichen Praxis Diskriminierung oder Rassismus erlebt, vermeidet dann aus Angst vor Benachteiligungen weitere Begegnungen. Nach unseren Daten reagieren so mehr als vier von zehn Befragten.“ In der Summe könnten sich so Wechselwirkungen zwischen den Effekten der sozialen Lage, Diskriminierungserfahrungen und eingeschränktem Zugang zum Gesundheitssystem gegenseitig verstärken.

Das Ergebnis ist ein gesundheitspolitisches Warnsignal: Wer Vorsorge meidet, Krankheiten später behandeln lässt oder medizinische Hilfe hinauszögert, hat ein höheres Risiko für schwerere Verläufe. Aus einer schlechten Erfahrung kann so ein gesundheitlicher Nachteil werden. Aus einem Nachteil kann über Jahre eine strukturelle Ungleichheit wachsen.

Sachverständige Gesundheitssystem nicht auf vielfältige Gesellschaft ausgerichtet

Die SVR-Auswertung zeigt einen Kreislauf: Soziale Benachteiligung belastet die Gesundheit. Barrieren erschweren den Zugang zur Versorgung. Diskriminierung schwächt Vertrauen. Wer misstraut oder Angst hat, meidet das System. Am Ende steht ein Befund, der für ein reiches Land mit einem ausgebauten Gesundheitssystem unbequem ist: Deutschland profitiert von der Gesundheit vieler Zugewanderter – aber es schützt sie offenbar nicht ausreichend.

Der SVR verweist deshalb auf frühere Handlungsempfehlungen: Gesundheitseinrichtungen müssten ihre Regelversorgung stärker auf eine vielfältige Gesellschaft ausrichten. Gesundheitsinformationen sollten verständlicher, mehrsprachiger und besser zugänglich werden. Sprachmittlung müsse verlässlich finanziert werden. Außerdem brauche es mehr Forschung zu Rassismus und Diskriminierung im Gesundheitswesen. (mig) Gesellschaft Leitartikel

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