
Syrer
Die Figur des braven Rückkehrers
Nach dem Sturz des Assad-Regimes wird wieder über Rückkehr nach Syrien gesprochen. Doch die Debatte zeigt etwas Grundsätzlicheres: Sie offenbart, wie schnell Zugehörigkeit an Nützlichkeit geknüpft wird.
Von Mira E. Hazzaa Dienstag, 28.04.2026, 11:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.04.2026, 11:06 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Nach dem Sturz des Assad-Regimes wird auch in Deutschland verstärkt darüber gesprochen, ob und wie viele ehemals geflüchtete Menschen aus Syrien zurückkehren sollten, um sich am Wiederaufbau ihres Herkunftslandes zu beteiligen. Viele von ihnen leben seit Jahren hier. Sie arbeiten, studieren, haben Familien gegründet, Freundschaften geschlossen und sich ein Leben aufgebaut. Für viele ist Deutschland längst auch ein Zuhause.
Gleichzeitig gibt es bei vielen den Wunsch, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft mitzugestalten – in beiden Heimaten. Was also zunächst wie ein pragmatischer Vorschlag klingt, macht bei genauerem Hinsehen ein Grundproblem sichtbar: Migration wird weniger als Frage von Schutz, Zugehörigkeit oder Lebensgestaltung verhandelt, sondern als Frage von Nützlichkeit.
Wer gebraucht wird, darf bleiben.
Wer als entbehrlich gilt, soll gehen.
Und wer zurückkehren soll, wird selten danach gefragt, ob diese Rückkehr unter realen Bedingungen überhaupt möglich ist.
So entsteht eine neue Figur: der „brave Rückkehrer“. Er ist die Weiterentwicklung des „gut integrierten Geflüchteten“. Während Letzterer durch Anpassung, Leistung und Dankbarkeit Anerkennung erlangen soll, wird vom „braven Rückkehrer“ erwartet, dass er diese Leistung nun an anderer Stelle einsetzt – im Herkunftsland, im Namen des Wiederaufbaus.
„Zugehörigkeit bleibt unsicher. Sie wird nicht selbstverständlich gewährt, sondern verdient. Und sie kann jederzeit neu verhandelt werden.“
Diese Figur passt gut in den aktuellen Diskurs. Sie entlastet nationale Debatten, bedient moralische Vorstellungen von Verantwortung und fügt sich in eine Logik ein, in der Mobilität vor allem danach bewertet wird, wem sie nützt. Zugehörigkeit bleibt dabei unsicher. Sie wird nicht selbstverständlich gewährt, sondern verdient. Und sie kann jederzeit neu verhandelt werden.
Die Vorstellung, Rückkehr sei einfach eine freie Entscheidung, setzt gleiche Bedingungen voraus. Diese Bedingungen fehlen. Syrien ist weiterhin geprägt von wirtschaftlicher Unsicherheit, hoher Arbeitslosigkeit, zerstörter Infrastruktur und fehlender sozialer Absicherung. Einkommen reichen oft kaum zum Leben. Ein Job in Deutschland dagegen ermöglicht vielen, ihre Familien zu unterstützen.
Nouraldeen H., ein Ingenieur, beschreibt diese Lage nüchtern: Wenn er in Syrien arbeiten würde, könnte er seine Familie kaum ernähren. In Deutschland arbeite er und schicke gleichzeitig regelmäßig Geld nach Hause. „Manchmal frage ich mich, wo mein Platz eigentlich ist.“ Seine Frage zeigt ein größeres Problem: Zugehörigkeit wird unter widersprüchlichen Bedingungen ausgehandelt.
Auch rechtlich zeigt sich diese Spannung deutlich. Immer mehr Menschen aus Syrien wehren sich in Deutschland gegen Abschiebungen und klagen gegen ihre Ausweisung. Rückkehr bleibt damit keine abstrakte Idee. Sie wird unter Bedingungen verhandelt, die mit Selbstbestimmung wenig zu tun haben.
„Politische Debatten reduzieren Migration oft auf einfache Gegensätze: bleiben oder zurückkehren, integriert oder nicht integriert. Die Realität ist komplexer.“
Die üblichen Kategorien greifen dabei zu kurz. Politische Debatten reduzieren Migration oft auf einfache Gegensätze: bleiben oder zurückkehren, integriert oder nicht integriert. Die Realität ist komplexer. Für viele ehemals geflüchtete Menschen ist Deutschland längst mehr als ein Aufenthaltsort. Hier sind Beziehungen entstanden, Routinen gewachsen und Zugehörigkeit gewachsen – während die Verbindungen nach Syrien weiter bestehen.
Hamza A., ein Augenarzt, lebt und arbeitet in Deutschland. Regelmäßig reist er auf eigene Kosten mit Kolleg:innen der medizinischen Hilfskampagne „Shifaa“ von Deutschland nach Syrien, um dort zu arbeiten und Kolleg:innen weiterzubilden. „Mein Leben ist hier“, sagt er, „aber ich bin dort nicht weg. Ich konnte bisher über 300 Augenärzte in Syrien mit dem Wissen weiterbilden, das ich hier gelernt habe. Bei jedem Einsatz sammeln wir zudem Geld, das direkt in die Ausstattung der Krankenhäuser vor Ort fließt.“
Seine Praxis zeigt: Zugehörigkeit entsteht in Beziehungen, in Verantwortung, in Bewegung. Sie verbindet Orte, statt sie zu trennen. Sein Engagement ist keine Ausnahme. Es steht stellvertretend für viele, die Verantwortung übernehmen, Wissen einbringen und Verbindungen aufrechterhalten – aus eigener Motivation heraus.
Solche Lebensformen passen kaum in politische Raster. Sie entziehen sich klaren Kategorien und bleiben deshalb im Diskurs häufig unsichtbar. Stattdessen verschiebt sich die Debatte zunehmend in eine andere Richtung: Rückkehr wird als moralische Pflicht dargestellt. Syrische Menschen in Deutschland sollen ihrem Herkunftsland „etwas zurückgeben“, Verantwortung übernehmen, sich am Wiederaufbau beteiligen.
„Der Wunsch, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, ist für viele dabei sehr real. Doch er trifft auf Bedingungen…“
Riem R. beschreibt diese Erfahrung vorsichtig: Immer wieder werde angedeutet, dass es vielleicht irgendwann an der Zeit sei, „zurückzugehen und etwas aufzubauen“. Gleichzeitig bleibe offen, wie das konkret aussehen soll – und unter welchen Bedingungen das überhaupt möglich wäre. Der Wunsch, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, ist für viele dabei sehr real. Doch er trifft auf Bedingungen, die ein solches Engagement oft erheblich erschweren.
Hier wird Verantwortung verschoben – weg von politischen Strukturen, hin zu einzelnen Menschen. Globale Ungleichheit tritt in den Hintergrund, individuelle Verpflichtung in den Vordergrund.
Zugleich entstehen Initiativen, die transnationale Verbindungen stärken sollen. Programme wie die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung initiierte Plattform „Neuanfang für Syrien“ zielen darauf ab, die Expertise der syrischen Diaspora einzubinden und Austausch zu ermöglichen.
Beim jüngsten Jubiläum anlässlich ihres einjährigen Bestehens wurde deutlich, wie vielfältig solche Aktivitäten bereits sind: Viele Menschen beteiligen sich schon seit Jahren in unterschiedlichen Formen – durch medizinische Zusammenarbeit, Bildungsinitiativen, Wissenstransfer und zivilgesellschaftliche Netzwerke über Grenzen hinweg.
Neben staatlich angestoßenen Initiativen leisten auch zivilgesellschaftliche Netzwerke seit Jahren zentrale Arbeit. So bündelt etwa der Verband Deutsch-Syrischer Hilfsvereine zahlreiche Projekte, die bereits lange vor der aktuellen Debatte medizinische, soziale und humanitäre Unterstützung organisiert haben.
„Über Jahre hat sich eine Diaspora gebildet, die nicht wusste, ob sie Syrien jemals wiedersehen würde.“
Diese Ansätze zeigen: Engagement findet bereits statt – unabhängig von Rückkehr. Dabei ist es Ausdruck eines echten Bedürfnisses, sich einzubringen und das neue Syrien aktiv mitzugestalten – auch wenn die Bedingungen dies nicht immer einfach machen.
Über Jahre hat sich eine Diaspora gebildet, die nicht wusste, ob sie Syrien jemals wiedersehen würde. Unterstützung fand in dieser Zeit vor allem aus der Distanz statt – etwa durch Geldsendungen an Familien und Netzwerke vor Ort. Jetzt öffnet sich für viele erstmals die Möglichkeit, sich konkret vor Ort einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv etwas aufzubauen. Hannah H. beschreibt es so: „Ich habe so lange gewartet – jetzt will ich einfach mithelfen.“
Entscheidend bleibt jedoch, wie solche Initiativen verstanden werden: als Ermöglichung – oder als Erwartung. Genau hier verläuft die Grenze zwischen Unterstützung und Funktionalisierung.
Auch in progressiven Debatten zeigt sich die Fixierung auf Nützlichkeit. Häufig wird betont, wie sehr Deutschland auf syrische Ärzt:innen angewiesen ist – als größte Gruppe ausländischer Mediziner:innen. Diese Argumentation mag gut gemeint sein. Sie reproduziert aber dieselbe Logik: den Wert von Menschen an ihre ökonomische Funktion zu knüpfen.
Und sie blendet eine zentrale Frage aus: Was ist mit allen anderen? Mit Menschen in prekären Jobs, ohne formale Abschlüsse oder mit Tätigkeiten, die weniger sichtbar und weniger anerkannt sind? Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Menschen aus Syrien zurückkehren sollten. Sie lautet, unter welchen Bedingungen diese Frage überhaupt gestellt wird.
„In Debatten zeigt sich die Fixierung auf Nützlichkeit. Der Wert von Menschen wird an ihre ökonomische Funktion geknüpft.“
Solange entschieden wird, wo Menschen gebraucht werden, bleibt Mobilität ungleich verteilt. Solange globale Ungleichheit besteht, bleiben Handlungsspielräume begrenzt. Und solange Zugehörigkeit von Nützlichkeit abhängt, bleibt sie unsicher. Dann geht es weniger um Zugehörigkeit – und mehr um Verwertbarkeit. Gerade die transnationalen Praktiken, wie sie in Initiativen wie „Neuanfang für Syrien“ sichtbar werden, zeigen eine andere Realität: Engagement entsteht aus Beziehungen, nicht aus Erwartung.
Ezzaldin R. bringt das auf den Punkt: „Ich gehe nicht zurück – ich bin schon verbunden.“ Vielleicht fehlt der Debatte genau das: nicht die Frage, wer zurückgeht, sondern die Anerkennung, dass Zugehörigkeit längst anders gelebt wird – jenseits von Rückkehr, in gelebten Verbindungen, konkretem Engagement und einer Diaspora, die längst Verantwortung übernimmt.
Und dass es am Ende nicht darum geht, wer sich bewegt – sondern darum, wer darüber entscheidet, unter welchen Bedingungen jemand dazugehören darf. (mig) Meinung
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